{"id":21277,"date":"2013-05-10T00:24:48","date_gmt":"2013-05-09T22:24:48","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=21277"},"modified":"2013-05-10T00:24:48","modified_gmt":"2013-05-09T22:24:48","slug":"schlafes-bruder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=21277","title":{"rendered":"Schlafes Bruder"},"content":{"rendered":"<p>Nun kommt ein weiteres Fundst\u00fcck aus dem offenen B\u00fccherschrank, in dem man ja wahre Sch\u00e4tze findet, die sonst an mir vorbeigegangen w\u00e4ren, n\u00e4mlich &#8220;Schlafes Bruder&#8221;, des 1961 in Bregenz geborenen Robert Scheiders, Erstling, das von dreiundzwanzig Verlagen abgelehnt wurde, bevor es &#8220;Reclam&#8221; entdeckte und zu einem Bestseller machte, der in vierundzwanzig Sprachen \u00fcbersetzt, verfilmt und vertonte wurde, etc.<br \/>\n&#8220;Dieser Roman wird wie eine Droge wirken&#8221;, meint so etwa der &#8220;Spiegel&#8221;, &#8220;Ein unverge\u00dfliches Buch&#8221;, schreibt Gerard Mendal von &#8220;Liberation&#8221;, etc und einen von  Rainer Moritz herausgegebenen Materalienband gibt es dazu auch.<br \/>\nSo euphorisch w\u00fcrde ich den ersten Teil einer Vorarlberger Trilogie, f\u00fcr den Robert Schneider, der sicher ein Ausnahmetalent ist, der daf\u00fcr, glaube ich, auch Stipendien bekommen hat, gar nicht bewerten, beeindruckend ist die Geschichte des Naturtalentes Johannes Elias Alder, der sich mit zweiundzwanzig Jahren aus unerf\u00fcllter Liebe durch Schlafentzug das Leben nimmt, aber allemal und auch in einem scheinbar sehr altmodischen Ton geschrireben, der den Verlagen 1992 wahrscheinlich unliterarisch erschien.<br \/>\nDas Buch spielt aber zu Beginn des neunzehnten Jahrhundert in einem kleinen Vorarlberger D\u00f6rfchen, wo alle untereinander durch Inzucht verbunden sind und auch alle den gleichen Namen tragen.<br \/>\nEigentlich beginnt es schon lange vor Elias Alders Geburt, es endet auch viel sp\u00e4ter und Schneider kommuniziert auch, was zeitgen\u00f6ssischer ist, immer wieder mit dem Leser und breitet so ein sehr eindruckvolles Bild des Lebens der Vorarlberger Bauern aus, obwohl ich nicht wei\u00df, ob die wirklich alle so behindert sind.<br \/>\nIn Robert Schneiders eindrucksvoller Erz\u00e4hlung gebiert die Seffin, die Frau des Seff Alders, aber lauter Idioten, im Buch wird es noch &#8220;Mongoloide&#8221; genannt, einer davon ist Johannes Elias, der mit gelben Augen und einer Ba\u00dfstimme zur Welt kommt, daf\u00fcr drei Jahre von seiner Mutter eingesperrt wird, bevor er sich selbst die Kopfstimme beibringt und zum Naturtalent wird. Er ist au\u00dferdem in seine um f\u00fcnf Jahre j\u00fcngere Cousine Elsbeth unsterblich verliebt, traut sich das aber nicht zu sagen, denn &#8220;der Voralberger spricht nicht \u00fcber seine Gef\u00fchle und hoffen kann er auch erst, wenn er ihre Sinnlosigkeit erkannt hat.&#8221;<br \/>\nSo wird er von seinem Onkel, dem Lehrer Oskar Alder unterrichtet, das Orgelspielen und das Notenlesen verwehrt ihm aber dieser, so mu\u00df es sich Elias selbst beibringen und bringt die sch\u00f6nsten Chor\u00e4le und Konzerte auch ohne Notenlesen zusammen. Sein Freund und Blutsbruder Peter qu\u00e4lt indessen die Tiere, bringt seinen Vater um sein Amt, verheiratet seine Schwester Elsbeth mit einem Lukas Alder, der die K\u00fche melkt und keine Tiere qu\u00e4lt und Elias darf die Brautmesse spielen, obwohl er aus verschm\u00e4hter Liebe fast wahnsinnig wird und Gottesercheinungen hat.<br \/>\nDa kommt ein Organist aus Feldberg daher, h\u00f6rt das Genie spielen und l\u00e4dt ihn zu den Feldberger Orgelwochen ein, im Nachhinein bereut er das zwar, k\u00f6nnte er sich dadurch ja einen Konkurrenten erschaffen. Peter und Elias erscheinen aber barfu\u00df im Dom und Elias spielt alle in Trance, die feinen Damen stecken ihm Erdbeeren und Geldscheine zu. Er bekommt die Organistenstelle zwar nicht, daf\u00fcr aber ein Stipendium, das er aber nicht in Anspruch nehmen kann, ist er zu dieser Zeit doch schon tot, ist in dem D\u00f6rfchen doch einmal ein Scharlatan und Wanderprediger aufgetreten, der den Staunenden verk\u00fcndete, da\u00df der, der schl\u00e4ft nicht lieben kann und Schlaf daher S\u00fcnde ist und Elisas Aufgabe bei dem Orgelfest war  \u00fcber den Tod des &#8220;Schlafes Bruder&#8221; zu improvisieren.<br \/>\nSo geht er, statt nach Hause zur\u00fcckzukehren, zu einer bestimmten Stelle, vielleicht war es die, wo er sich einmal die Kopfstimme beibrachte, l\u00e4\u00dft sich von Peter festbinden und Tollkirschensaft einfl\u00f6\u00dfen, so da\u00df er an dessen Wirkung nach  stirbt und die Lukasin kehrt nach neun Jahren, obwohl abgezerrt von vielen Schwangerschaften, noch immer ein sehr sch\u00f6nes Weib, mit ihren sechs Kindern an diese Stelle, um ihnen von dem seltsamen Naturtalent, der an der Liebe starb, zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nMan kann es wahrscheinlich auch als Parodie auffassen, mich hat der Ton an Stifter erinnert und habe daher bisher wahrscheinlich das Lesen vermieden, weil ich es als eher &#8220;fad&#8221; eingestuft hatte.<br \/>\nEs war aber spannend zu lesen und Robert Schneider sicher ein Au\u00dfenseiter des Literaturbetriebs, der ja von der Kritik, als er ein paar Jahre sp\u00e4ter mit dem zweiten Teil der Trilogie, der &#8220;Luftg\u00e4ngerin&#8221; aufgetreten ist, zerrissen und fallen gelassen wurde. Dieses Buch habe ich gelesen und es hat mir ganz gut gefallen, weil es ja auch in der Gegenwart spielt. Robert Schneider hat inzwischen noch einige Romane und auch Theaterst\u00fccke geschrieben und, wie ich Wikipedia entnehme, sich vom Literaturbetrieb zur\u00fcckgezogen, was ich verstehen kann.<br \/>\nIch habe schon  \u00fcber einige Beispiele anderer Autoren, die zuerst von der Kritik hochgejubelt und dann fallengelassen wurden, wie etwa Brigitte Schwaiger oder Karin Struck <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/09\/11\/bestseller\/\">geschrieben<\/a> und ich habe zu diesem Hochjubeln und Fallenlassen, wie auch zum Ignoriertwerden, das ich ja bei mir orten w\u00fcrde, sowieso ein sehr distanziertes Verh\u00e4ltnis, freue mich aber \u00fcber die offenen B\u00fccherschr\u00e4nke, die mich meine Bildungsl\u00fccken schlie\u00dfen lassen und habe auch noch einige andere Gustost\u00fcckerln  auf meinen <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">Listen<\/a>, <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/04\/26\/hasenherz\/\">bzw<\/a>. <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/22\/ein-mann-wird-alter\/\">schon<\/a> <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/27\/geburtig\/\">gelesen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kommt ein weiteres Fundst\u00fcck aus dem offenen B\u00fccherschrank, in dem man ja wahre Sch\u00e4tze findet, die sonst an mir vorbeigegangen w\u00e4ren, n\u00e4mlich &#8220;Schlafes Bruder&#8221;, des 1961 in Bregenz geborenen Robert Scheiders, Erstling, das von dreiundzwanzig Verlagen abgelehnt wurde, bevor &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=21277\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-21277","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21277","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21277"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21277\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21277"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21277"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21277"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}