{"id":21027,"date":"2013-04-21T00:25:39","date_gmt":"2013-04-20T22:25:39","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=21027"},"modified":"2013-04-21T00:25:39","modified_gmt":"2013-04-20T22:25:39","slug":"die-verfehlte-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=21027","title":{"rendered":"Die verfehlte Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Die 1942 im Burgenland geborene Dine Petrik, hat eine  starke Beziehung zur 1951 aus dem Leben geschiedenen Hertha Kr\u00e4ftner, hat sie doch nicht nur  1997 einen bei Otto M\u00fcller erschienenen Roman &#8220;Die H\u00fcgel nach der Flut&#8221;, sondern 2011 bei Art and Science noch ein zweites Buch \u00fcber die junge Dichterin herausgebracht, in dem es, wie die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl in ihrem Vorwort schreibt &#8220;um eine Spurensuche und ein Sittenbild geht.<br \/>\n&#8220;Nicht in Form eines Romans diesmal, sondern in Gestalt einer handfesten biobraphischen Recerche, die mit literarischen Mittel ausgereitet und zusammengefa\u00dft wird.&#8221;<br \/>\nDine Petrik tut das sehr subjektiv,  mit gro\u00dfen Engagement und hat seit den Neunzigerjahren offenbar auch sehr viel an Material gesammelt, die Tageb\u00fccher und die etwa hundert Gedichte durchforstet, mit der Familie, den Zeitzeugen, etc, gesprochen, um &#8221; dieverfehlte Wirklichkeit&#8221;, der 1928 in Wien geborenen und in Mattersburg aufgewachsenen Hertha Kr\u00e4ftner, in dreizehn nicht chronologisch angeordneten Kapiteln, zu schildern.<br \/>\n&#8220;Einen Weg aus der traumatisierenden Kriegs- und Nachkriegswelt&#8221;, wie es Dine Petrik im ersten Kapitel, das die Jahre 1947\/48, beschreibt, nennt.<br \/>\nDa ist Hertha Kr\u00e4ftner nach Wien gegangen, um Anglistik und Germanistik zu studieren, wohnt bei der Gro\u00dfmutter und der Tante im zehnten Bezirk, der Russenzone, des besetzten Wiens, beginnt zu schreiben, versteckt ihre Gef\u00fchle hinter einer Maske, die &#8220;ich schaffe es&#8221;, l\u00e4chelt, obwohl sie sich sehr krank f\u00fchlt und meint, da\u00df man das auch wird, wenn man sich mit Psychotpathologien besch\u00e4ftigt. Sie hat dann auch den einen gro\u00dfen Literaturf\u00f6rderer <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/10\/27\/ein-besonderer-mensch\/?preview=true\">Hermann Hakel<\/a> kennengelernt, der wahrscheinlich auch ein Traumatisierter war, der ein Gedicht von ihr im &#8220;Lynkeus&#8221;, druckte, sp\u00e4ter selbst Gedichte \u00fcber sie schrieb, sie als Nymphomanin bezeichnete und auch Ger\u00fcchte von einer Abtreibung austreute, die er von ihrem Hausarzt hatte.<br \/>\nHertha Kr\u00e4ftner hatte mehrere Freunde und wechselnde Bezeihungen, den Verlobten Otto Hirss, den Fotografen Harry Redl,  Wolfgang Kudrnofsky, ging zu Viktor Frankls Vorlesungen und wurde von ihm an seinen Freund Hans Weigel vermittelt, der die junge Dichterin ebenfalls entsprechend f\u00f6rderte, zwar von &#8220;einer Selbstm\u00f6rderin auf Urlaub&#8221; schrieb, ihre Gedichte aber bei mehreren Festwochenveranstaltungen, Rundfunksendungen, in Literaturreihen und in den &#8220;Neuen Wegen&#8221; herausbrachte.<br \/>\n&#8220;F\u00fcr ihr Pariser Tagebuch&#8221; hat die den Preis der &#8220;Neuen Wege&#8221; gewonnen, <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/06\/28\/zum-tod-von-andreas-okopenko\/\">Andreas Okopenko<\/a> hat sich, glaube ich, auch sehr mit ihren Werken besch\u00e4ftigt.<br \/>\nJahr f\u00fcr Jahr bis zu 1951, tastet sich Dine Petrik voran, zitiert aus den Tageb\u00fcchern und Briefwechseln, gibt auch Deutungen zu Hertha Kr\u00e4ftners Depression, der &#8220;bipolaren St\u00f6rung&#8221;, die von Viktor Frankl als &#8220;konstitionell&#8221;, bezeichnet wurde und \u00fcberlegt, ob es eine Neurose war?<br \/>\nDann geht sie nach Mattersburg und ins Jahr 1945 zur\u00fcck, beschreibt die Verrgewaltigung der Frauen durch die Russen und erz\u00e4hlt vom Tod Viktor Kr\u00e4ftners, Herthas Vater, der im Mai von einem Russischen Offizier verletzt wurde und im September an den Folgen verstarb. Die Hebamme Emilie Adam, kam dabei auch ums Leben, die Hertha Kr\u00e4ftner m\u00f6glicherweise nach einer Vergewaltigung beistehen wollte.<br \/>\nDine Petrik gibt das als Ursache f\u00fcr die Traumatisierungen an, erz\u00e4hlt dann von den Schulfreundinnen und dem kleinen Bruder  G\u00fcnther, beschreibt, da\u00df sowohl der Vater als auch Hertha, die viel in Wien und im Burgtheater gewesen ist, nie in Mattersburg integriert waren.<br \/>\nSie ist dann auch mit dem Maturazeugnis nach Wien gegangen und eine Dissertation \u00fcber die &#8220;Stilprinzipen des Surrealismus&#8221; zu schreiben angefangen, die sie nicht abgeschlossen hat. &#8220;Notizen zu einem Roman in Ich-Form&#8221;, begonnen, sich mit Engeln besch\u00e4ftigt und in ihren Gedichten und dem Essay &#8220;Wenn ich mich get\u00f6tet haben werde&#8221;, immer mehr ihrer &#8220;Todessehnsucht&#8221;, Ausdruck gegeben.<br \/>\nIm elften Kapitel geht es zu Wolfgang Kudrnofsky, den Hertha Kr\u00e4ftner offenbar im psychologischen Institut kennengelernt haben d\u00fcrfte, und der 1979 und 1991 seine Erinnerungen &#8220;Mein Leben mit Hertha Kr\u00e4ftner&#8221; in verschiedenen Literaturzeitungen ver\u00f6ffentlichte. Dann geht es wieder in den November 1951 zur\u00fcck, wo Hertha Kr\u00e4ftner, eine Karte mit den Worten &#8220;Ich werde es nicht mehr tun!&#8221; an Hans Weigel schickte und sich dann mit Veronal ins Bett legte, woran sie am 13. November starb.<br \/>\nIm dreizehnten Kapitel gibt es Ausz\u00fcge aus den Abschiedsbriefen an Otto Hirss, die Tante, Harry Redl, etc, die Gedenkrede im November hat Hans Weigel 1954 gehalten, wo er das Gedicht erw\u00e4hnt, von dem ich, als ich es in den Siebzigerjahren in Bozen in der Zeitschrift &#8220;Brigitte las&#8221;, sehr beeindruckt war.<br \/>\n&#8220;Sie selbst hat in einem ihrer sch\u00f6nsten Gedichte das Gleichnis von der gro\u00dfen Reise gefunden &#8211; sterben &#8211; im Schlafwagen fahren &#8211; die Karte ist der teuer gewesen &#8211; sie hat das Leben gekostet &#8211; doch um diesen Preis gewinnt man die Ewigkeit.&#8221;<br \/>\nEin sehr umfangreiches Wissen, das Dine Petrik in dem Buch, das mir Alfred vorigen J\u00e4nner kaufte, als wir bei der Pr\u00e4sentation in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/18\/hertha-kraftners-wirklichkeit\/\">Buchhandlung Tiempo<\/a> waren, zusammengetragen hat. Im Anhang gibt es auch noch einen &#8220;Standard-Artikel&#8221; und sie  liest auch \u00f6fter ihre <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/14\/eine-versammlung-kommt-selten-allein\/\">Gedichte<\/a> vor.<br \/>\nIch habe den Namen Hertha Kr\u00e4ftner, wie erw\u00e4hnt, 1978, wahrscheinlich, als ich, nach dem Tod meiner Schwester, mit meinen Eltern in S\u00fcdtirol war, in einem Artikel der Zeitschrift &#8220;Brigitte&#8221; gelesen und  mir sp\u00e4ter auch ihr &#8220;Werk&#8221; in der Editon Roetzer gekauft und mich jetzt auch in die &#8220;Verfehlte Wirklichkeit&#8221;, eingelesen.<br \/>\nEs war wahrscheinlich nicht leicht, als sensibler Mensch in den F\u00fcnfzigerjahren mit all den Traumatisierungen und Kriegserfahrungen zu leben, aber das ist es, wie man an den Themen, der heute unter &#8220;Drei\u00dfigj\u00e4hrigen&#8221;, die von ihren E\u00dfst\u00f6rungen, Vergewaltigungen und Borderlineerfahrungen schreiben, ebenfalls nicht und in Wikipedia habe ich gelesen, da\u00df Hertha Kr\u00e4ftner sich in ihrer fr\u00fchen Lyrik an Hoffmannsthal, Weinheber, Trakl, Wildgans und Rilke orientierte und &#8220;kein Wort \u00fcber zerbombte H\u00e4user, Lebensmittelkarten und Schwarzmarktgesch\u00e4fte&#8221; schrieb, aber auch das ist, denke ich, zu verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1942 im Burgenland geborene Dine Petrik, hat eine starke Beziehung zur 1951 aus dem Leben geschiedenen Hertha Kr\u00e4ftner, hat sie doch nicht nur 1997 einen bei Otto M\u00fcller erschienenen Roman &#8220;Die H\u00fcgel nach der Flut&#8221;, sondern 2011 bei Art &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=21027\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-21027","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21027"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21027\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}