{"id":20881,"date":"2013-05-01T00:37:19","date_gmt":"2013-04-30T22:37:19","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=20881"},"modified":"2013-05-01T00:37:19","modified_gmt":"2013-04-30T22:37:19","slug":"fahr-zur-holle-jonny","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=20881","title":{"rendered":"Fahr zur H\u00f6lle, Jonny"},"content":{"rendered":"<p>Ein weiteres Buch aus dem B\u00fccherschrank meiner Eltern, das in der B\u00fcchergilde Gutenberg, Prag, Z\u00fcrich 1936 erschienene &#8220;Fahr zu H\u00f6lle,Jonny&#8221; und ich lese \u00fcber den 1908 in Berlin geborenen, 1985 in D\u00e4nemark verstorbenen Autor Jonny G. Rieger, das er der Bruderschaft der Vagabunden, um Gregor Gog angeh\u00f6rte und von der Illustrierten Arbeiterzeitung eine Weltreise gewonnen hat.<br \/>\nIm Netz findet man ein bi\u00dfchen was \u00fcber den inzwischen fast vergessenen Autor, dessen Vagabundroman 1984 im Rotbuchverlag wieder aufgelegt wurde und der auch noch viele andere B\u00fccher geschrieben hat.<br \/>\nEs beginnt in einer einer Hamburger Hafenkneipe, wo der Erz\u00e4hler Jonny  \u00fcber das Leben, den Tod und noch vieles andere resumiert.<br \/>\nOrje ist der Wirt, der als Geschirrw\u00e4scher angefangen hat, jetzt h\u00e4lt er sich M\u00e4dchen zum Geschirrwaschen, denen er &#8220;nur f\u00fcnfunddrei\u00dfig Pfennig&#8221; pro Stunde gibt, denn &#8220;sie sind jung und k\u00f6nnen nach Feierabend noch ihre Chancen haben und au\u00dferdem die Reste in der K\u00fcche aufzehren.&#8221;<br \/>\nTed schmei\u00dft eine Runde und freundet sich mit Detje an, Hannes mit Lisa, an der Wand steht auf einem Schild zu lesen &#8220;Nur Lumpen pumpen, Wer betr\u00fcgt, fliegt!&#8221;<br \/>\nDrei Damen kommen herein um f\u00fcr die gefallenen M\u00e4dchen zu sammeln.<br \/>\n&#8220;Ich gebe direkt!&#8221;, sagt der Ich-Erz\u00e4hler.<br \/>\n&#8220;Ich kassiere selbst!&#8221;, erkl\u00e4rt Lisa.&#8221;<br \/>\nDer Kettensprenger versucht Geld f\u00fcr sich zu sammeln und ein arbeitsloser Seemann spricht vom &#8220;einig Volk und Br\u00fcdern&#8221;<br \/>\nWegen einer Puderdose, schl\u00e4gt Ted auf Hannes ein und mu\u00df mit Detje, die &#8220;Komm auf die Schaukel, Luise&#8221;, summt, das Lokal verlassen. Hannes ist dann nur leicht angeschrammt, weil  aber der Affe in Detjes Wohnung, wo Ted und der Erz\u00e4hler \u00fcbernachten, dem Papagei, der alles mit seinen sch\u00f6nen Spr\u00fcchen begleitet, die Federn rupft, bekommt Ted nochmals einen Wutanfall und fordert Jonny auf zur H\u00f6lle zu gehen.<br \/>\nDann befinden wir uns in Antwerpen, wo Jonny, nach einem Lob auf das Vagabundentum, den ewigen Studenten und S\u00e4ufer trifft, der ihn auf eine Schiffsreise nach Mexiko mitnimmt, dort lernen wir die Typen kennen, die ausreisen wollen, erfahren, da\u00df die franz\u00f6sischen alleinreisenden M\u00e4dchen nicht nach &#8220;Habana&#8221; einreisen d\u00fcrfen. Warner verschwindet von Bord und l\u00e4\u00dft Jonny seinen Geldkoffer zur\u00fcck, der das Schiff in Veracruz verl\u00e4\u00dft und uns von der sch\u00f6nen Inez erz\u00e4hlt, die alle M\u00e4nner, die ihr h\u00f6rig sind, um ihr Geld bringen will.<br \/>\nIn Tampico trifft er in einer Cantina, Mac, das ist einer, der sich ebenfalls als Spazierg\u00e4nger in Richtung H\u00f6lle bezeichnet und der heuert ihn zum Goldsch\u00fcrfen in Mazatlan an, aber vorher fahren sie noch mit dem Taxi zur Union, das ist dort, wo sich nicht nur Spielbuden und der Stra\u00dfenhandel, sondern auch die M\u00e4dchen befinden, die es, wenn ihnen die Signores gefallen f\u00fcr zwei Pesos und viel Liebe machen.<br \/>\nDort rettet Jonny eine vierzehnj\u00e4hrige Sch\u00f6ne, die das Bild der Madonna \u00fcberm Bett hat, vor einem Brutalo und mu\u00df beim Kartenspielen zuh\u00f6ren, wie nebenan eine Wei\u00dfe ausgepeitscht wird, weil sie ihr Handgeld nicht abzahlen wollte. In Mexiko-City kleidet Mac ihn f\u00fcr die Tour ein und verabredet sich mit ihm in einem so ber\u00fcchtigten Lokal, da\u00df sogar die f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige Polizistin erschrickt, als er sie nach dem Weg dorthin fragt und sich entr\u00fcstet abwendet.<br \/>\nEr kommt hin, allein Mac trifft er dort nicht, so kommt er am ersten Mai am ber\u00fchmten Zocalo, dem Hauptplatz von Mexiko City, wo ich auch schon einmal war, wo die Arbeiterinnen, die nur  fundzwanzig Centavos pro Tag verdienen zum Palast des Pr\u00e4sidenten ziehen, der auch gef\u00e4hrlich lebt und oft ermordet wird, so da\u00df in den Amtstuben die Bilder der Pr\u00e4sidenten oft \u00fcbereinander h\u00e4ngen. Jonny entscheidet sich aber f\u00fcr die Freiheit und bleibt ein Vagabund, Mac bleibt verschwunden, so da\u00df Jonny sich eine Fahrharte nach Manzanillo kauft, dort Mac wiederfindet, beide haben ihr Geld verloren, so da\u00df sie sich bei einem Chinesen einmieten und auf Pump in den Tag hineinleben, immer wieder Chips unterschreiben, bis sie daraufkommen, da\u00df sie sich daf\u00fcr auf ein Schiffsheuer verpflichtet haben.<br \/>\nIm zweiten Teil geht es dann nach Antwerpen zur\u00fcck und auf die Stra\u00dfe, in Berlin mokiert sich Jonny \u00fcber die Beamten, die ihre Butterbrote im Aktenkoffer tragen, alle wollen Beamten werden, Jonny nicht, so geht es weiter auf der Walz nach Italien, Spanien und schildert uns die Schattenseiten dieses Lebens in allen Farben, denn die Vorsteher der Asyle sind dick und ausgefressen, haben f\u00fcr die Vagabunden nichts \u00fcber und in den Schlafs\u00e4len trifft er die Bettlerk\u00f6nige, ein paar Tage schlie\u00dft er sich ihnen an, dann entscheidet er sich wieder f\u00fcr die Freiheit und wandert weiter. Ein paar Mal hat er eine Frau dabei und die weiblichen Vagabunden der Drei\u00dfigerjahre des vorigen Jahrhunderts waren sehr kaputte Typen, da gibt es  Gatty, die sogar Medizin studiert hat und Mary, &#8220;eine der auff\u00e4lligsten Typen eigentlich, von der niemand wu\u00dfte, woher sie kam&#8221;.<br \/>\nSie nimmt ein schlimmes Ende und Jonny bringt sich auch manchmal als Feldarbeiter durch und einmal zeichnet er in einem Elendsg\u00e4sschen  von Bacelona, teilt sein Zimmer mit einem Chemiestudentin, der vom Kommunismus schw\u00e4rmt, weil er eigentlich gerne Lokf\u00fchrer werden will, das aber nicht kann, weil das so schlecht bezahlt wird und hat ein M\u00e4dchen, das er mit vielen anderen teilt, das ihm aber gerne ihr Geld gibt, wenn er Hunger hat.<br \/>\nIm kurzen letzten Teil befindet sich Jonny  dann in Shanghai und h\u00e4lt eine Abhandlung \u00fcber das Elend dieser Stadt, wo die Menschen sterben, weil kein Platz und keine Nahrung f\u00fcr sie vorhanden ist und sich die Lebenden nur durch Erpressung und Resignation \u00fcber die Runden bringen, erz\u00e4hlt zwei Frauenschicksale, die der reichen Rose, die zu essen hat, aber ungl\u00fccklich liebt und die der Chinesin Chung-lan, die nach Amerika ging, um dort zu studieren, weil das die Frauen in China vor 1918 nicht tun durften, dort hungerte sie sich durch, wurde von ihrer Familie verachtet, tut es um ihren Land zu dienen und wird dann hingerichtet.<br \/>\nMit diesen Erkenntnissen trifft Jonny dann auf Warner, den wir schon von Teil eins kennen, um mit ihm offenbar endg\u00fcltig &#8220;zur H\u00f6lle zu fahren!&#8221;<br \/>\nEin sehr interessantes Buch, dem nach den heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben wohl die Struktur fehlt und lektoriert werden w\u00fcrde,  mehr eine Materialsammlung, als ein Roman, aber sehr ungew\u00f6hnlich von den Vagabunden, die in Deutschland und auch sonst auf der Welt, vor 1936 lebten, in deftigen Worten,  mit vielen Gedankenblitzen und Einf\u00e4llen zu erfahren. Ein Buch das sicher zum heutigen ersten Mai passt, eines das ich empfehlen k\u00f6nnte, obwohl es wahrscheinlich schwer zu bekommen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiteres Buch aus dem B\u00fccherschrank meiner Eltern, das in der B\u00fcchergilde Gutenberg, Prag, Z\u00fcrich 1936 erschienene &#8220;Fahr zu H\u00f6lle,Jonny&#8221; und ich lese \u00fcber den 1908 in Berlin geborenen, 1985 in D\u00e4nemark verstorbenen Autor Jonny G. 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