{"id":20643,"date":"2013-04-03T00:13:47","date_gmt":"2013-04-02T22:13:47","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=20643"},"modified":"2013-04-03T00:13:47","modified_gmt":"2013-04-02T22:13:47","slug":"der-groste-fall-meines-vater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=20643","title":{"rendered":"Der gr\u00f6\u00dfte Fall meines Vater"},"content":{"rendered":"<p>Wie schreibt man einen Kriminalroman, wenn man nicht wirklich Morde oder andere Grausigkeiten erfinden will? Da\u00df ist eine Frage, mit der ich mich ja <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/24\/mord-in-oberosterreich\/\">\u00f6fters<\/a> <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_tauben.html\">besch\u00e4ftige<\/a>. Zdenka Becker tut es, beziehungsweise hat sie sich in ihrem neuen Roman mit einem realen Mordfall, der 1964 in der Slowakei geschehen ist, besch\u00e4ftigt, dabei die Geschichte des Lebens im Kommunismus mit allen seinen Ausw\u00fcchsen und noch dazu eine Familiengeschichte erz\u00e4hlt, die das Aufwachsen eines pubertierenden M\u00e4dchens in der Beatles-Zeit genauso, wie die sechzigj\u00e4hrige Tochter schildert, die ihren neunzigj\u00e4hrigen Vater, jede Woche in den Rollstuhl setzt und ihn in seiner Gardeuniform im Park spazieren f\u00fchrt und mir haben diese sehr genauen Schilderungen fast ein bi\u00dfchen besser, wie <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/09\/21\/taubenflug\/\">&#8220;Taubenflug&#8221;<\/a>, gefallen, den ich ja ein bi\u00dfchen \u00fcbertrieben fand.<br \/>\nIm Jahr 1964 zu Nikolaus wurde in der Slowakei auf der Toilette eines Zuges ein m\u00e4nnlicher Kopf in einer Jutetasche gefunden, das ist so passiert und Zdenka Becker, die Tochter eines Polizisten, wie sie auf der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/21\/im-thalia-bei-zdenka-becker\/\">Lesung im &#8220;Thalia&#8221;<\/a>, sagte,  erfindet eine Familiengeschichte und verkn\u00fcpft das Ganze auch noch in einigen Ebenen. So gibt es auch noch die Schriftstellerin, die einen Roman dar\u00fcber schreibt, beziehungsweise den Vater, der der Tochter Lara, die so, wie die Heldin aus dem Doktor Schiwago hei\u00dft, den Auftrag dazu gibt, denn ein paar Monate vor seinem neunzigsten Geburtstag, der Polizeipr\u00e4sident a. D. will hunderteins werden und seinen Vater damit um zwei Jahre \u00fcberholen, begegnen sie im Eissalon, wo ihre Spazierg\u00e4nge im Sommer enden, einer Frau mit kornblumenblauen Augen und da sind wir schon in der Zeit, als Teo Mudroch Oberleutnant war und im Winter wollende Unterhosen trug, die er nur einmal in der Woche wechselte. Das Baden war 1964 im sozialistischen Plattenbau offenbar ein Problem und die Familie, der Vater Polizist, die Mutter aufstiegsorientierte Journalistin, die Chefredakteurin werden wollte und ihre Kinder Lara und Fedor teilten sich ein Wannenladung und im K\u00e4stchen des Wohnzimmers lagen Polizeizeitschriften, die sich die Dreizehnj\u00e4hrige begierig ansieht. Dann wird der Kopf gefunden, Teo Mudroch mit dem Fall betraut und verbringt die n\u00e4chsten Wochen mit der Aufkl\u00e4rung, bzw. mit der sch\u00f6nen M\u00f6rderin, die kornblumenblaue Augen und sieben Kinder von zwei M\u00e4nnern hat, im Krieg Zwangsarbeiterin war, dann in einer Kolchose schuftete und mit ihrem versoffenen Lebensgef\u00e4hrten sehr ungl\u00fccklich war. Verlassen will sie ihn aber nicht, das w\u00e4re eine Schande, so hackt sie ihm den Kopf ab, verbrennt den K\u00f6rper im Holzofen. Den Kopf setzt sie aber im Zug aus, damit sie nicht ihre Ehre verliert und vorher marschiert sie, einen kleinen Hang zur \u00dcbertreibung scheint Zdenka Becker doch zu haben, damit auf die Polizeistation um die Abg\u00e4ngigkeitsanzeige zu machen.<br \/>\nDer Fall ist eigentlich ganz einfach, es gibt, wie in den Krimis \u00fcblich, keine Verwicklungen und Komplikationen, nur Teo Modrich wechselt seine Unterhosen etwas \u00f6fter, w\u00e4hrend er recherieren geht. Die Mama ist auf Schulung in Moskau, die Nachbarin erscheint mit dem selbstgemachten Schnaps und wartet vergeblich auf den sch\u00f6nen Teo und die Tochter ist stolz darauf, da\u00df der Papa sie in alle Geheimnisse einweiht, er tut es aber nicht, denn er steht ja unter Schweigepflicht.Jetzt will er seinen gr\u00f6\u00dften Fall aber aufgekl\u00e4rt sehen und so soll Lara, dar\u00fcber schreiben. Sie wehrt sich zuerst, geht dann aber in ihre Kindheit zur\u00fcck und man erf\u00e4hrt vieles \u00fcber die damalige Tschechoslowakei, die den neuen Menschen schaffen wollte und als Teo noch nicht seinen Fall zu kl\u00e4ren hatte, war er mit den Schmugglern besch\u00e4ftigt, die den Prager Schinken abzweigten und als er einige Beatles Platten, im Westen sehr begehrt, im Osten verboten, konfiszierte und nach Hause brachte, war die Tochter selig, gab es ja im Kommunismus offenbar das Sprichwort &#8220;Wer nicht stiehlt, bestiehlt seine Familie&#8221;, so hatte die Familie gelegentlich Schinken zu essen und die Mutter brachte von ihren Russlandreisen den besten Vodka mit, fachte dort wohl auch ein Pantscherl an, versuchte ihren Gatten wirklich oder nur in Laras Fantasie beim Lampenwechseln umzubringen. Der alte Pr\u00e4sident in seiner Gardeuniform besucht die Mama aber sooft, wie m\u00f6glich am Friedhof und Lara bekommt er auch herum, den Roman \u00fcber ihn zu schreiben. Als es dann soweit ist, will er ihn erst nach seinem Tod ver\u00f6ffentlicht haben und als ihn seine Pflegerin Frau Gabi verlassen will, bedroht er Lara mit einer Spielzeugpistole.<br \/>\nAm Ende kl\u00e4rt sich aber alles auf, Frau Gabi zieht zu ihm und gemeinsam mit seinem ehemaligen Assistentin Laco Jahoda ziehen die drei in den Park, um einen neuen Mordfall aufzukl\u00e4ren, hat man doch im fernen Wien, das jetzt nicht mehr durch den eisernen Vorhang getrennt ist, zerst\u00fcckelte Leichen im Keller eines Eissalons gefunden, man sieht Zdenka Becker hat Humor und spielt virtuos in allen Lagen. Ein spannendes Buch, das sehr genau recherchiert, viel erz\u00e4hlt und dabei auch noch ein wundersch\u00f6nes Cover hat, mit einem zwar viel j\u00fcngeren M\u00e4dchen im wei\u00dfen Kleid und einer Soldatenm\u00fctze, das grinsend vor einer sch\u00e4bigen Mauer steht, das, wie Zedenka Becker auf der Lesung ebenfalls verriet, ihr sehr gut gefallen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schreibt man einen Kriminalroman, wenn man nicht wirklich Morde oder andere Grausigkeiten erfinden will? Da\u00df ist eine Frage, mit der ich mich ja \u00f6fters besch\u00e4ftige. 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