{"id":20328,"date":"2013-03-22T00:55:51","date_gmt":"2013-03-21T23:55:51","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=20328"},"modified":"2013-03-22T00:55:51","modified_gmt":"2013-03-21T23:55:51","slug":"ein-mann-wird-alter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=20328","title":{"rendered":"Ein Mann wird \u00e4lter"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Senilita&#8221;, &#8220;Emilios Karneval&#8221; oder eben &#8220;Ein Mann wird \u00e4lter&#8221;, drei Titel f\u00fcr ein Buch, das 1898, wenn ich es richtig verstanden habe, auf eigene Kosten oder in Fortsetzungen in einer Zeitschrift erschienen und kein Erfolg geworden ist. Der Autor war Hector Aron Schmitz, genannt Ettore oder auch Italo Svevo, wie wir ihn wahrscheinlich besser kennen, 1861 &#8211; 1928, ein Kaufmann, der sp\u00e4ter die Fabrik der Schwiegereltern \u00fcbernommen hat und geschrieben hat er nat\u00fcrlich auch, einige Romane, bis er in Triest lebend und Triest zu der literarischen Stadt, die wir heute kennen, machte, um Englisch zu lernen in die Berlitz School ging und James Joyce zumm Lehrer bekam, der den Sch\u00fcler entsprechend zu f\u00f6rdern wu\u00dfte, so da\u00df das Buch, sprachlich \u00fcberarbeitet, 1927, kurz vor Svevos Tod noch einmal herauskam und Italo Svevo inzwischen als der f\u00fchrende italienische Romanautor des zwanzigsten Jahrhunderts gilt.<br \/>\nEine wahrhaft spannende Erfolgsgeschichte, die mir nat\u00fcrlich gefallen mu\u00df, so da\u00df ich nach dem n\u00e4chsten Sprachlehrer suchen, bzw. in dem Wissen, da\u00df das im fr\u00fchen einundzwanzigsten Jahrhundert nichts bringt, nicht suchen werde, mich stattdessen lieber dem Roman widmen und das ist es mit dem Blick des einundzwanzigsten Jahrhundert und dem Wissen, wieviele Romane es schon gibt, da\u00df jemand ein Buch Senilit\u00e4t nennt, wenn der Held, ein Taugenichts, Stritzi, Tr\u00e4umer, B\u00fcrger, etc im jugendlichen Alter von f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren ist.<br \/>\nAber \u00e4lter wird der Emilio Brentani nat\u00fcrlich auch, so stimmt der Titel und Svevo hats ja auch &#8220;Emilios Karnveal&#8221;, nennen wollen, was ich deshalb wei\u00df, weil dem rororo Taschenbuch, das ich in einem der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/21\/bucherschrank-geschichten\/\">Schr\u00e4nke<\/a> gefunden habe, einige Nachworte, Erkl\u00e4rungen, Anh\u00e4nge und Erl\u00e4uterungen, darunter Svevos Vorwort zur zweiten Auflage, beigegeben sind, was ich auch ein bi\u00dfchen erstaunlich finde, denn eigentlich ist es nicht so schwer zu verstehen, viel einfacher als Joyce zu lesen, w\u00fcrde ich einmal sch\u00e4tzen. Die Nichtliteraturwissenschaftlerin erkennt den Expressionismus im Stil und an Ulrich und Agathe w\u00fcrde ich bei Emilio und Amalia auch denken.<br \/>\nVon den Literaturwissenschaftlern wird das Buch nat\u00fcrlich mit James Joyce, Musil, den Buddenbrooks verglichen und Freud und seine Psychoanalyse wird auch \u00f6fter erw\u00e4hnt, obwohl sich Svevo, glaube ich, davon distanhzierte und sagte, da\u00df dessen Schriften, als er das Buch geschrieben hat, noch nicht erschienen waren.<br \/>\nIrgendwer vergleicht die Angiolina auch mit Arthur Schnitzerls s\u00fc\u00dfem M\u00e4deln. Da w\u00fcrde ich im Stil schon sehr gro\u00dfe Unterschiede sehen und h\u00e4tte mir den Inhalt auch ganz anders interpretiert.<br \/>\nAuch das Psychologische f\u00e4llt mir nicht so sehr auf, vielleicht ist das der Blick der seit drei\u00dfig Jahren t\u00e4tigen Verhaltenstherapeutin, die fast t\u00e4glich mit den derzeit real existierenden Schwierigkeiten der Menschen konfrontiert ist, die Emilios Tr\u00e4ume realistischer sieht und, um nicht mi\u00dfverstanden zu werden, das Buch hat mir sehr gut gefallen und ich habe, als ich es in die H\u00e4nde nahm, zwar den Namen Svevo gekannt, sonst h\u00e4tte ich es nicht genommen, da\u00df er aber schon 1928 gestorben ist, hatte ich, ich gebe es, zu keine Ahnung.<br \/>\nNun denn, es gibt vier Hauptpersonen, ein Quartett in dem St\u00e4dtchen an der Adria, in dem ich mit meiner Familie einmal zu Ostern auch ein paar Tage war, den f\u00fcnfunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Emilio, der einen Roman geschrieben hat und in einer Versicherungsgesellschaft, (wie weiland Frantisek Kafka?&#8221;) t\u00e4tig war, aber sehr viel Zeit zu haben scheint. So flaniert er \u00fcber den Corso, geht am Strand spazieren und verliebt sich unsterblich in die sch\u00f6ne Angiolina, in deren Gesicht es in allen Farben spielt. Er ist ein B\u00fcrger, sie k\u00f6nnte man sagen, ein Flittchen, ein leichtes M\u00e4dchen, eine Angeh\u00f6rige der bildungsferneren Schichten, eine Proleatrierin, aber sehr sch\u00f6n und leichtsinnig, eine die, wenn man Svevo glauben mag, ihren K\u00f6rper sehr gern verkauft, mit den M\u00e4nnern spielt und im sch\u00f6nen Seidenkleidchen, HUt und Schirmchen, ect, die Promenaden entlangspaziert, obwohl sie und ihre Familie sehr \u00e4rmlich ist.<br \/>\nEs kommt auch gleich zu hei\u00dfen K\u00fc\u00dfen zwischen ihr und Emilio, er besucht sie in ihrer \u00e4rmlichen Behausung, die Mutter, der Vater und die Schwester sind irgendwo immer da, bringt ihr Kuchen zum Fr\u00fchst\u00fcck, etc, aber heiraten kann er sie nicht. Das ist im strengen italienischen St\u00e4ndestaat nat\u00fcrlich ausgeschlossen, so erfindet sie, die schon fr\u00fcher in H\u00e4usern von anderen M\u00e4nnern, als Verlobte oder Geliebte, sei dahingestellt, lebte, einen Ausweg, in dem sie sich mit einem Schneidermeister verlobt, was Emilio nat\u00fcrlich eifers\u00fcchtig macht.<br \/>\nDer dritte im Bunde ist der Maler Stefano Balli, ein ziemlich beherrschender Typ, der will Angiolina kennenlernen, geht daher mit ihr Emilio und noch einem anderen M\u00e4dchen essen, zwingt sie zu einem &#8220;K\u00e4lbermahl&#8221;, was zur Folge hat, da\u00df Angiolina nun auch Balli h\u00f6rig ist und Emilios Schwester, das h\u00e4\u00dfliche, \u00e4ltere M\u00e4dchen Amalia, das vorz\u00fcglich kocht, dem Bruder den Haushalt f\u00fchrt, ansonsten aber nur mit grauen Kleidern, wenn der Bruder sie mitnimmt, auf den Korso darf, sich auch in den sch\u00f6nen Mann verliebt, von ihm und ihrer Hochzeit tr\u00e4umt, etc.<br \/>\nDer Ton in dem das geschrieben ist, hat seinen Ruf verdient, ist unverwechselbar, am\u00fcsant und traurig, antiquiert und sozialkritisch, realistsch unrealistisch, alles zusammen und noch viel mehr.<br \/>\nEine &#8220;Walk\u00fcren&#8221;- Urauff\u00fchrung kommt vor, die Svevo, wie ich den Anmerkungen entnehme, wirklich gesehen hat und auch Svevos Einstellung zum Sozialismus, die habe ich nicht ganz verstanden, ist mir aber auch eigentlich egal.<br \/>\nEmilio will Angiolina erziehen, kommt nicht von ihr los, mietet ihr ein Zimmer mit einem gro\u00dfen Bett und Schirmchen, wo sie sich vergn\u00fcgen k\u00f6nnen, beschimpft sie st\u00e4ndig ob ihrer moralischen Verwerflichkeit, bietet sie Stefano als Modell an und erleidet Qualen der Eifersucht, als er sie mit einem Schirmh\u00e4ndler spazierengehen sieht.<br \/>\nUnd das alles ist so grandios naiv, expressionistisch, symbolhaft oder wie auch immer geschildert, da\u00df es einer Feministin gef\u00e4llt, der dann der naiv tr\u00e4umende Emilio gar nicht so unsympathisch ist, wie er vielleicht sollte, der Stefano ist wahrscheinlich ein &#8220;Oarsch&#8221; oder ein \u00fcberheblicher K\u00fcnstlertyp, wie ich ihn wahrscheinlich in Robert Schindels &#8220;Kalten&#8221; ebenfalls finden werde, er verbringt aber die Nacht bei der sich in Fieberdelirien windenden Amalia, w\u00e4hrend Emilio zu seiner Angiolina geht, um sie zu verlassen und die arme Schwester, die der Bruder st\u00e4ndig heilen will und sich dar\u00fcber aufregt, wenn sie mal in einem blauen, statt einem grauen Kleid auf den Korso geht, ist eine sehr beeindruckende Frau. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, da\u00df die Italienerinnen zu Ende des vorvorigen Jahrhunderts wirklich solchen moralischen Erwartungsdruck ausgesetzt waren und die Angelina ist mir ebenfalls sehr sympahtisch, obwohl sie, sie geht am Ende des Buchs nach Wien, wahrscheinlich an einer Geschlechtskrankheit versterben wird, ein armer Teufel und sicher auch sehr ausgefuchst hinter den Ohren ist.<br \/>\nEin interessantes Buch, des gro\u00dfen Italo Svevo, das ich eigentlich sehr einfach und verst\u00e4ndlich fand und toll, da\u00df es die B\u00fccherk\u00e4sten gibt, wo man seine literarischen L\u00fccken auff\u00fcllen und immer wieder solche Sch\u00e4tze finden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Senilita&#8221;, &#8220;Emilios Karneval&#8221; oder eben &#8220;Ein Mann wird \u00e4lter&#8221;, drei Titel f\u00fcr ein Buch, das 1898, wenn ich es richtig verstanden habe, auf eigene Kosten oder in Fortsetzungen in einer Zeitschrift erschienen und kein Erfolg geworden ist. 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