{"id":20259,"date":"2013-04-01T08:59:57","date_gmt":"2013-04-01T07:59:57","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=20259"},"modified":"2013-04-01T08:59:57","modified_gmt":"2013-04-01T07:59:57","slug":"rot-und-schwarz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=20259","title":{"rendered":"Rot und Schwarz"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder ein Buch aus dem B\u00fccherschrank meiner Eltern, n\u00e4mlich Stendhals &#8220;Rot und Schwarz&#8221;, Zeitbild von 1830, einundvierzigig Jahre nach der franz\u00f6sischen Revolution, neun Jahre nach Napoleons Tod, Frankreich ist wieder Monarchie, das in dem kleinen franz\u00f6sischen St\u00e4dtchen Verrieres beginnt, mit dem der 1783 in Gerenoble geborene, 1842 in Paris verstorbene Dichter, der eigentlich Marie-Henri Beyle hie\u00df, ber\u00fchmt geworden ist.<br \/>\nEs gibt inzwischen andere \u00dcbersetzungen, ich habe die von Arthur Schrurig gelesen, von dem es auch ein mit 1921 datiertes Nachwort gibt und der von einem realen Anla\u00dffall bericht, hat doch an einem Sonntag im Juli 1826 in einer Kirche Grenoble ein junger Klostersch\u00fcler, w\u00e4hrend eines Hochamts eine Frau Michoud erschossen, in deren Familie er als Zwanzigj\u00e4hriger Erzieher war und ein Verh\u00e4ltnis mit ihr hatte, er wurde zum Tod verurteilt und 1828 hingerichtet.<br \/>\nStendhal hat ein Sittenbild der Gesellschaft und einen Roman, den Goethe sich vorlesen lie\u00df und der heute noch gelesen wird, so gibt es, glaube ich, ein H\u00f6rbuch oder ein H\u00f6rspiel davon, das ich einmal im Radio h\u00f6rte, daraus gemacht.<br \/>\nWie war nun die Gesellschaft vierzig Jahre nach der franz\u00f6sischen Revolution? In dem kleinen  St\u00e4dtchen geht die Frau B\u00fcrgermeister am Sonntag mit ihrem Mann spazieren, sie ist drei\u00dfig, hat drei S\u00f6hne zwischen sechs und elf Jahre alt und der patriarche Ehemann bestimmt, um seinen Rivalen eines auszuwischen, den Sohn eines M\u00fcllers, als Hauslehrer f\u00fcr sie zu nehmen und dieser Julian Sorel, wie es in der \u00dcbersetzung hei\u00dft, in den neueren, wird er, glaube ich, Julien genannt, ein sch\u00f6ner,m\u00e4dchenhafter J\u00fcngling von neunzehn Jahren, der von seinem Vater und seinen st\u00e4rkeren Br\u00fcdern verpr\u00fcgelt wird, wenn er lesend neben der M\u00fchle liegt, hat gro\u00dfe Pl\u00e4ne, er will hoch hinaus, ist ein Verehrer Napoleons und tr\u00e4gt sein Bild in der Hosentasche und weil man damals offenbar nicht anders weiterkommen konnte, hat er sich beim Pfarrer eingeschleimt und verwirrt seinen k\u00fcnftigen Brotherrn, da\u00df er die Bibel auswendig auf Latein hinunterleiern kann.<br \/>\nSonst kann er wahrscheinlich nicht viel, aber das merkt die feine Gesellschaft nicht und er verachtet diese, dingt sich aber aus, da\u00df er bei der Familie am Tisch und nicht in der K\u00fcche essen darf und wei\u00df, sch\u00fcchtern wie er ist, am Antrittstag auch nicht recht, in das feine Haus hineinzukommen. Die drei\u00dfigj\u00e4hrige Hausherrin, die ihm im Garten erwischt, hat aber andere Sorgen, hat sie doch noch nie ohne ihre Kinder geschlafen und f\u00fcrchtet auch, da\u00df der strenge Lehrer sie schlagen k\u00f6nnte.<br \/>\nEs kommt, wie es kommen mu\u00df, die unerfahrene Drei\u00dfigj\u00e4hrige aus gutem Haus, verliebt sich in den sch\u00f6nen J\u00fcngling, ihre Kammerzofe tut das gleichfalls und will ihn sogar heiraten, er spielt mit allen und beginnt ein Verh\u00e4ltnis mit ihr, da schildert Stendhal lang und breit, wie er ihre Hand nimmt, sie sie ihm wieder entzieht, sich zu einem Ku\u00df entfrecht und dan n\u00e4chtens in ihr Zimmer schleicht und auch, da\u00df sie glaubt, er h\u00e4tte eine Geliebte, als er, um nicht als freisinnig entlarvt zu werden, das Bildnis Napoleons, das man damals offenbar nicht mehr haben durfte, verbrennt.<br \/>\nEr will aber weiter hinaus und reitet so auch in der Uniform, als der K\u00f6nig Karl X das St\u00e4dtchen besucht, in der Garde mit, rot ist die Farbe des Krieges, schwarz, die der Kirche, auch der Hauslehrer tr\u00e4gt einen schwarzen Rock und dem  jungen Bischof, der nur ein paar Jahre \u00e4lter ist, bringt er auch die Mitra, w\u00e4hrend sich die Gesellschaft dar\u00fcber erregt, da\u00df ein Bauernsohn in der Garde reitet und Madame Renal sich in Schuldgef\u00fchlen windet und ihrem Mann gleich alles verraten will, als der kleine Sohn erkrankt.<br \/>\nBald beginnen die Intrigen, Renards Widersacher, der Armenamtvorsteher Valenod schreibt einen anonymen Brief, der B\u00fcrgermeister traut sich zwar nicht darauf zu reagieren, da greift Frau Renard selber zur Intrige und Julian entschwindet ins Priesterseminar, vorher kommt es aber zu einer k\u00f6stlichen Szene, als er im b\u00fcrgerlichen Gewand in ein Cafehaus geht, offenbar ein S\u00fcndenbabel, wo man Billard spielt und sich das Fr\u00e4ulein vom Buffet des armen Julian erbarmen mu\u00df, sie gibt ihn als ihren Vetter aus und eine Visitenkarte, die ihm sp\u00e4ter im Seminar, einem weiteren S\u00fcndenbabel in gro\u00dfe Verlegenheit bringt, denn dort sind meistens die armen Bauerns\u00f6hne, die sich ein kalorienreiches Leben ohne Arbeit in einer guten Pfarre mit viel Autorit\u00e4t w\u00fcnschen, so wird sein Koffer untersucht, er sucht sich auch den falschen Beichtbater aus und wird als er Horaz zitiert auf den Platz 187 degradiert, obwohl er doch einer der besten Sch\u00fcler ist, au\u00dferdem ist Madame Renard sehr fromm geworden und will von ihrem fr\u00fcheren S\u00fcndenfall nichts mehr wissen.<br \/>\nDer Prior wird dann hinausintrigiert, geht zu einem Marquis de Mole, dem er Julian als Sekret\u00e4r empfiehlt, so kommt der Provinzj\u00fcngling nach Paris, nicht ohne vorher mit einer Leiter in Verrieres einzudringen und die Nacht den darauffolgenden Tag unter und im Bett  von Frau Renard zu verbringen, in Paris hat er dann Schwierigkeiten in die feine Gesellschaft einzudringen, schreibt er doch dieses mit zwei &#8220;ss&#8221; und f\u00e4llt auch gleich vom Pferd als er mit Norbert, dem Sohn des Marquis, ausreiten soll. Julian wird dann in ein Duell verwickelt, bekommt einen nat\u00fcrlichen adeligen Vater angedichtet und wird in die feine Gesellschaft eingef\u00fchrt. Die Tochter des Marquis, ein etwas \u00fcberspanntes neunzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen, das am 30. April wegen irgendwelcher Hinrichtungen im Sechzehntenjahrhundert Trauer tr\u00e4gt, von Jakobinern schw\u00e4rmt, Voltaire liest, aber t\u00e4glich in die Messe geht, verliebt sich in ihm, schreibt ihm, trotz Erwartung einer Ehe mit einem Herzog, tollk\u00fchne Briefe, die ihn, der alles hasst und trotz Priesterseminar an nichts glaubt, in eine Paranoia bringen und zu sadomasochistischen Liebesspielen f\u00fchren, nach drei Tagen l\u00e4\u00dft sie ihn fallen, er wird von ihren Vater auf gro\u00dfe Mission geschickt und erh\u00e4lt von einem russischen Brief Liebesbriefe und den Rat, diese an eine Freundin Mathildes abzuschreiben, um sie eifers\u00fcchtig zu machen, der Plan gelingt, so da\u00df die schwangere Mathilde, den M\u00fcllerssohn schlie\u00dflich heiraten will und der Vater auch seine Zustimmung gibt. Dann kommt ein vom Beichtvater der Frau Renard erzwungener Brief, in dem sie ihm denunziert, er eilt nach Verrieres, l\u00e4\u00dft sich dort die Pistolen laden und schie\u00dft in der Kirche auf sie, trifft nicht, h\u00e4lt sich aber trotzdem f\u00fcr einen M\u00f6rder und proviert bei der Gerichtsverhandlung die Geschworenen ihn zum Tod zu verurteilen, obwohl doch beide Frauen sich bis zum \u00c4uersten sich f\u00fcr ihn einsetzten und sich Frau Renard sogar dem K\u00f6nig vor die F\u00fc\u00dfe werfen wollte. Mathilde l\u00e4\u00dft den Marmor f\u00fcr die Grotte, in der er begraben liegt mit italienischen Marmor auslegen. Frau Renard stirbt drei Tage sp\u00e4ter in den Armen ihrer S\u00f6hne und ich habe einen Roman gelesen, der wahrlich in die Osterzeit passt, den ich schon einmal begonnen habe und in den ich auch nicht ganz leicht hineingekommen bin. Sind die Romane aus den vorigen Jahrhunderten ja viel umst\u00e4ndlicher und weitschweifender geschrieben, als unsere Konzentrationsf\u00e4higkeit zul\u00e4\u00dft, dieser ist auch noch sehr widerspr\u00fcchig. Die Charaktere widersprechen sich st\u00e4ndig, obwohl er auf der anderen Seite wieder sehr modern klingt, erstaunliche S\u00e4tze in ihm zu finden sind und man ein durchaus spannendes, wenn wahrscheinlich \u00fcbersteigertes Sittenbild von 1830 vorfindet. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder ein Buch aus dem B\u00fccherschrank meiner Eltern, n\u00e4mlich Stendhals &#8220;Rot und Schwarz&#8221;, Zeitbild von 1830, einundvierzigig Jahre nach der franz\u00f6sischen Revolution, neun Jahre nach Napoleons Tod, Frankreich ist wieder Monarchie, das in dem kleinen franz\u00f6sischen St\u00e4dtchen Verrieres &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=20259\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-20259","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20259","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20259"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20259\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20259"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20259"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20259"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}