{"id":19604,"date":"2013-02-22T00:58:48","date_gmt":"2013-02-21T23:58:48","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=19604"},"modified":"2013-02-22T00:58:48","modified_gmt":"2013-02-21T23:58:48","slug":"wolken-drohen-uber-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=19604","title":{"rendered":"Wolken drohen \u00fcber Wien"},"content":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit den Schmankerln bzw. den in den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/18\/ich-aber-habe-leben-mussen\/\">Neunzehnvierzigerjahren erschienenen B\u00fcchern<\/a> aus den Schr\u00e4nken. Diesmal sind es Otto Friedlaenders &#8220;Lebens- und Sittenbilder aus den Jahren vor dem ersten Weltkrieg&#8221;, 1949 im Ring-Verlag, Wien erschienen und Otto Friedlaender ist, entnehme ich Wikipedia, ein 1889 in Wien geborener und 1963 in Waidhofen an der Thaya gestorbener \u00f6sterreichischer Schriftsteller und Pazifist, der das Schotengymnasium besuchte, Rechtswissenschaften studierte, Beamter war und drei B\u00fccher herausgegeben hat.<br \/>\nDen &#8220;Maturajahrgang 1917&#8221;, 1963, &#8220;Letzter Glanz der M\u00e4rchenstadt &#8211; Wien um 1900&#8221;, 1948 und &#8220;Wolken drohen \u00fcber Wien&#8221; 1949.<br \/>\nDas im Wortschatz gefundene Buch ist &#8220;Dem Andenken meiner Mutter Ottilie Friedlaender deren Geist und Wesen aus mir spricht&#8221; gewidmet und ein Vorwort, mit M\u00e4rz 1949 datiert, gibt es auch, in dem der Verfasser, erkl\u00e4rt, &#8220;da\u00df auch dieses Buch, wie sein Vorg\u00e4nger in den Jahren geschrieben wurde, wo \u00d6sterreich nicht \u00d6sterreich hei\u00dfen durfte&#8221; und &#8220;da\u00df in ihm ohne feste Form oder verbindende Handlung lose aneinandergereihte Essays, Erz\u00e4hlungen und Schilderungen ein Beitrag zur menschlichen Trag\u00f6die vom Anfang unseres Jahrhunderts sein sollen, die wie im ersten Buch &#8211; nur subjektive Wahrnehmungen in Anspruch nehmen.&#8221;<br \/>\nDann geht es los mit den elf Texten, die uns in das Wien um Neunzehnhundert zur\u00fcckf\u00fchren und 1948 das erz\u00e4hlen, was damals dort gewesen ist.<br \/>\n&#8220;Ein b\u00f6ser Geist geht durch die Welt&#8221;, hei\u00dft der erste Essay, der meint, da\u00df sich der Wiener nicht um die Politik k\u00fcmmern w\u00fcrde und dann von 1903 erz\u00e4hlt wo der &#8220;Serbenk\u00f6nig Alexander Obrenovic und seine Gattin Dragica Maschin dahingemetzelt wurden&#8221;, was der Ausgangspunkt f\u00fcr die Beschreibung Wiens vor dem ersten Weltkrieg ist, wo der alte Kaiser mit seiner Familie regierte, der Thronfolger noch nicht ermordet, aber sehr geha\u00dft wurde, der Prager Jude Karl Kraus mit seiner roten Fackel den Beamten die Grammatik und die Rechtschreibung beibringen wollte und Wien die Brutst\u00e4dte des Antisemitismus war, wo der Wiener die Juden ha\u00dfte, weil sie die besseren Schauspieler, \u00c4rzte, Rechtsanw\u00e4lte etc hervorbrachten und der B\u00fcrgermeister Lueger die Juden vertreiben wollte, w\u00e4hrend Victor Adler f\u00fcr den Sozialismus war und die Jungen waren gegen die V\u00e4ter und die B\u00fcrger haben ihre Frauen unterdr\u00fcckt und das schmucklose Looshaus am Michaelaplatz und den Klimt, etc, haben sie auch geha\u00dft.<br \/>\nIn den &#8220;Gespr\u00e4chen&#8221; wird das Sittenbild einer l\u00e4ngst verklungenen Stadt, 1948 gab es all das ja nicht mehr, denn zwei Kriegen haben die Weltordnung  geh\u00f6rig durcheinander gebracht, noch viel deutlicher, kommen da ja die zu Wort, die an keinen Krieg glauben, obwohl der ja eigentlich sehr sch\u00f6n w\u00e4re und an das Automobil und an den Frauensport glauben sie ebenfalls nicht und, da\u00df die Frauen ihre Mieder ablegen und sich emanzipieren wollen? Wo k\u00e4mmat man da hin und Wien war einmal sch\u00f6n, als es noch das Glacis und die Stadtmauer gab.<br \/>\n&#8220;In H\u00e4user und Wohnungen&#8221; geht es in diesem Stil, im Kampf der Alten gegen die Jungen weiter, da wird von den B\u00fcrgerwohnungen geschrieben, die einen Salon und ein Speisezimmer haben mu\u00dften mit roten Pl\u00fcsch und vielen falschen Zierrat an den dunklen W\u00e4nden, die die ver\u00e4ngstigten Dienstm\u00e4dchen dann jeden Morgen abstauben mu\u00dften, w\u00e4hrend sich die Familien in den restlichen Zimmern zusammendr\u00e4ngten und das Bad, sofern es eines gab, nur als Abstellplatz f\u00fcr das Fahrrad benutzt wurde, w\u00e4hrend die Jungen ihr Badezimmer und ihr Schlafzimmer und auch die hellen W\u00e4nde und den englischen Landhausstil haben wollten.<br \/>\nDie n\u00e4chste Geschichte hei\u00dft &#8220;Omin\u00f6se Herbstage&#8221; und da geht es im November 1897 gleich hinein in so ein b\u00fcrgerliches Speisezimmer.<br \/>\n&#8220;Sollen wir den Walter heute ausgehen lassen?&#8221;, fragt die Frau Mama den Herrn Papa beim Mittagessen, wo wir schon von den vorherigen Texten wissen, da\u00df die Frauen dort nichts zu reden hatten und die Meinungen ihrer Gatten immer sch\u00f6n nachplapperten.<br \/>\n&#8220;Warum nicht?&#8221;, fragt dieser.<br \/>\n&#8220;Es ist doch ganz gutes Wetter?&#8221;<br \/>\nJa, nat\u00fcrlich aber auch eine Demonstration auf der Ringstra\u00dfe, denn da sollte so ein Gesetz beschlossen werden, das Tschechisch zur Amtssprache machen sollte, was nat\u00fcrlich nicht geht und zur &#8220;Revolution&#8221; f\u00fchren k\u00f6nnte, obwohl die tschechische Anna, die den Grie\u00dfschmarrn serviert, der Liebling der Familie ist.<br \/>\nWas die denkt, erfahren wir nicht, der Papa geht aber ins Kaffeehaus und der kleine Walter mit dem Fr\u00e4ulein in den Volksgarten. Dort stehen schon die Gaffer vor dem Gitter, um auf die Demonstranten dau\u00dfen, wie auf die Affen im K\u00e4fig zu schauen, der Wachter will sie vertreiben, es reitet auch die Polizei hinein und dem Fr\u00e4ulein, das aus guter Familie und auch aus dem tschechischen Leitmeritz kommt, hilft ein Herr auf das Gitter, was sie err\u00f6ten l\u00e4\u00dft. Politiker Badeni von dem der Vorschlag kommt, demissioniert und am Sonntag kommen der Gro\u00dfpapa und der Schwager Kary zum Mittagessen und da wird nat\u00fcrlich dar\u00fcber diskutieren. Denn nein, das geht doch nicht, da\u00df die Kinder in der Schule, Friedlaender scheint darunter nur Knaben zu verstehen, Tschechisch statt Griechisch lernen, obwohl der zwangspensionierte Gro\u00dfpapa meinte, der selbst Deutsch, Kroatisch und Italienisch spricht, da\u00df es beim Milit\u00e4r nicht darauf ank\u00e4me, woher einer kommt, sondern nur ob er ein guter Soldat w\u00e4re! Dann gehen alle zum Kaffee in den Salon, der Rittmeister, der leider nicht studieren konnte, weil nur das Geld f\u00fcr den \u00e4lteren Bruder vorhanden war, k\u00fc\u00dft dem Fr\u00e4ulein aus Trotz die Hand, die Gn\u00e4dige erbleicht dar\u00fcber, der Gro\u00dfvater schl\u00e4ft  bei seiner Zigarre ein und der kleine Walter kann nachts nicht schlafen, weil er \u00fcber alles nachdenken mu\u00df, bzw. das Fr\u00e4ulein, das mit ihm im Zimmer schl\u00e4ft noch bei einer N\u00e4harbeit sitzt.<br \/>\nDann gehts zur &#8220;Erziehung&#8221; und da erfahren wir, da\u00df in Wien um Neunzehnhundert die B\u00fcrger ihre S\u00f6hne, Friedlaender schreibt Kinder, alle auf Gymnasium bzw. Mittelschule schickten, damit sie sp\u00e4ter Beamte werden konnten, denn in Wien war und ist die &#8220;\u00dcbersch\u00e4tzung der akademischen Berufe&#8221; ja sehr gro\u00df. In Wahrheit z\u00e4hlten aber nur das &#8220;Schottengymnasium&#8221;, das &#8220;Theresianum&#8221; und die &#8220;Jesuitenschulen&#8221;, denn das sind die Ministerschmieden und die Kinder, die es dort nicht schaffen, werden manchmal vor Verzweiflung in den Selbstmord getrieben, w\u00e4hrend die Professoren nur gem\u00fctlich zu den Mamas sagen &#8220;Schauns, gn\u00e4dige Frau, wenn er bei uns nicht mitkommt, dann geben S`ihn halt in ein anderes Gymnasium &#8211; es kann ja einer auch ein ganz anst\u00e4ndiger Mensch werden, wenn er nicht bei den Schotten maturiert hat!&#8221;<br \/>\nDann wird noch ein bi\u00dfchen \u00fcber den Karl May nachgedacht und \u00fcber die Sittlichkeit und Friedlaender mokiert sich wieder  \u00fcber die Generationenfrage und dar\u00fcber, da\u00df die B\u00fcrger stolz darauf waren ihren S\u00f6hnen kein Taschengeld zu geben, denn sie haben zu Hause ja alles und sich dann dar\u00fcber wunderten, da\u00df die Schulden machten oder sich vielleicht sogar von ihren \u00e4lteren Geliebten aushalten lie\u00dfen. Da\u00df sie auch Nachhilfestunden geben h\u00e4tten k\u00f6nnen, habe ich nicht gelesen, aber vielleicht war das um Neunzehnhundert in den feineren Familien verp\u00f6nt.<br \/>\nDann gehts wieder zu dem kleinen Walter, bzw. zu seiner &#8220;Mademoiselle&#8221;, weil die B\u00fcrgerkinder ja Franz\u00f6sisch und nicht am Ende Tschechisch lernen mu\u00dften und so nahm die Mama ein solches Fr\u00e4ulein namens Jeanne in das Hofzimmer auf, das zwar schon am Antrittstag zu sp\u00e4t kam, daf\u00fcr aber den ganzen Tag lachte, parlierte und den Herren, dem Papa, dem Hauslehrer und dem Hausmeister die Augen verdrehte, dem kleinen Walter von den l` hommes erz\u00e4hlte und sich im Belvedere mit einem Herrn Langbein traf.<br \/>\nDas n\u00e4chste Kapitel ist der Wiener Universit\u00e4t mit ihren Couleurs- nationalen- sozialistischen und auch j\u00fcdischen Studenten gewidmet, Frauen scheint es dort ebenfalls noch keine gegeben zu haben und dann gehts an die Karriere des Dr. Rosenkranz, einem begnadeten Verwaltungsjuristen, die ausnahmsweise bis hinauf zum Anschlu\u00df geht. Die Verwaltung soll er reformieren, wechselt dabei mehrere Minister und endet in Amerika als Gastprofessor, w\u00e4hrend seine Schwester eine begnadete K\u00f6chin ihn mit einem kleinen Restaurant erh\u00e4lt, w\u00e4hrend sich die Mama, die sich sein Studium vom Munde absparte, am Zentralfriedhof von Fliegerbomben in ihrer Ruhe gest\u00f6rt wird.<br \/>\nDann gehts in &#8220;Die Politik&#8221; und da skizziert Friedlaender noch einmal das Wien um Neunzehnhundert, mit seiner Monarchie, dem Victor Adler, dem B\u00fcrgermeister Lueger, den Georg Sch\u00f6nerer, dem Kahtholizismus, dem deutschen Reich dr\u00fcben und den friedliebenden Wienern, die keinen Krieg und nur ihre Ruhe haben wollen.<br \/>\nIns Ausland geht es nat\u00fcrlich auch und dorthin f\u00e4hrt der neunzehnj\u00e4hrige Walter, der von der Mademoiselle vielleicht doch nicht genug Franz\u00f6sisch gelernt hat, nach Frankreich, um dort zu studieren, wundert sich \u00fcber die alten Z\u00fcge, wird angeschnauzt und bekommt von allen erkl\u00e4rt, da\u00df \u00d6sterreich doch so weit weg ist. Stimmt nicht, mit dem Zug nur vierundzwanzig Stunden, mit den Arbeitern trinkt er Wein im Abteil, weil man das in Frankreich mu\u00df, der Handlungsreiseisende schw\u00e4rmt vom &#8220;Jean Stro\u00df&#8221; und der Dekan der Universit\u00e4t hat die Vorstellung, da\u00df in Wien alle jodeln.<br \/>\n&#8220;Kommen Sie einmal am Freitag abend zu uns und jodeln Sie meiner Frau was vor!.<br \/>\nEr h\u00e4lt dann auch einen Vortrag \u00fcber &#8220;\u00d6sterreich als nationales und soziales Problem&#8221; und wundert sich \u00fcber die vielen slawischen Studenten im Publikum.<br \/>\nDann &#8220;erlischt der Glanz&#8221;, will hei\u00dfen, Karl Lueger, Josef Kainz und Gustav Mahler sterben, Sch\u00fc\u00dfe fallen in Sarajevo, der erste Weltkrieg kommt, die Monarchie zerf\u00e4llt, der gute alte Kaiser stirbt, was danach passierte wei\u00df man inzwischen auch, obwohl Wikipedia \u00fcber dasm wie und wo Otto Friedlaender world war II \u00fcberlebte und seine Erinnerungen an die Monarchie schrieb, keine Auskunft gibt, bei den antiquarischen Buchangaben steht nur irgendwas von einem &#8220;gut geschriebenen spannenden Roman&#8221; und das ist es wohl nicht, obwohl ich Friedlaender in dem kleinen Walter vermute, er auch im Schottengymnasium war und wahrscheinlich heimlich unter der Lampe von den sch\u00f6nen Waden des Fr\u00e4ulein Jeannes in aller Unschuld schw\u00e4rmte.<br \/>\nEin Buch das mir, 2013 gelesen, einen starken Eindruck machte, das Zimmer meiner Gro\u00dfmutter in den proleatirischen Jubel\u00e4umsbauten in Ottakring, mit den roten Pl\u00fcschvorh\u00e4ngen und den Bildern des in Stalingrad gefallenen Onkels, schwebt mir vor, obwohl das keine B\u00fcrgerwohnung war, die ich bis in die Siebzigerjahre besuchte, aber die Gro\u00dfmutter konnte tschechisch reden, leider hat sie das weder an ihren Sohn noch an ihre Enkeltochter weitergegeben und so kann ich das, was Friedlaender 1949 \u00fcber die Schule von 1900, das Sprachenlernen und den Kampf der Alten gegen die Jungen schrieb, nur als sehr modern und leider immer noch h\u00f6chst aktuell empfinden.<br \/>\nSchade, da\u00df es das Buch nicht mehr gibt, weil ich mir das Wien um Neunzehnundert und das, zu dem es wurde und wie es derzeit ist, jetzt noch ein bi\u00dfchen besser vorstellen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit den Schmankerln bzw. den in den Neunzehnvierzigerjahren erschienenen B\u00fcchern aus den Schr\u00e4nken. 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