{"id":19596,"date":"2013-02-18T00:01:39","date_gmt":"2013-02-17T23:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=19596"},"modified":"2013-02-18T00:01:39","modified_gmt":"2013-02-17T23:01:39","slug":"ich-aber-habe-leben-mussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=19596","title":{"rendered":"Ich aber habe leben m\u00fcssen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein ganz besonderes Schmankerl auf dem B\u00fccherfundus meiner Eltern Guido Kopps &#8220;Passion eines Menschen des 20. Jahrhunderts,  1946 im Ried-Verlag, Salzburg erschienen.  Ein Mann im KZ-Anzug mit roten Winkel vor dem Lager und schematisierten Leichenbergen.<br \/>\n&#8220;Gewidmet in tiefer Liebe meiner durch die SS-Banditen geschiedenen Frau Antonia, Anna, Maria,Kopp.&#8221;<br \/>\nAuf der R\u00fcckseite sind erstaunlich f\u00fcr die Jahreszahl Besprechungen der &#8220;Salzburger Nachrichten, des &#8220;Demokratischen Volksblatts, des &#8220;Salzburger Tagblatts&#8221;, der &#8220;Volksstimme&#8221; und von Thomas Ludwig aufgedruckt, die beispielsweise schreiben &#8220;Was das Buch besonders interessant macht, ist die Person des Autors&#8221;.<br \/>\nDar\u00fcber gibt es au\u00dfer im Text, aber kein Wort zu finden, so schaute ich im Internett und da fand ich nur antiquarische Hinweise zu dem Buch, das bis achtundzwanzig Euro kostet, wenn es noch vorhanden ist und aus dem Stadtarchiv Rosenheim die Biografie und das Bild eines Mannes mit Bart und runder Brille, &#8220;der 1896 in Ruderting geboren wurde, im ersten Weltkrieg Gefreiter war, 1918 in den Arbeiter und Soldatenrat gew\u00e4hlt wurde, bis 1919 mit gro\u00dfen rhetorischen und agitatorischen Talent eine revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit entwickelte, dann floh, 1919 zum Tod verurteilt wurde, er verb\u00fc\u00dfte  acht Jahre Festungshaft in Straubing, lebte in Wien, Prag und Barcelona, wo er im spanischen B\u00fcrgerkrieg mitk\u00e4mpfte, 1937 wurde er in Salzburg verhaftet und an die M\u00fcnchner Gestapo ausgeliefert, von dort kam er nach Dachau und nach Buchenwald, wo er 1945 befreit wurde und bis zu seinem Tod 1971 in Salzburg lebte.&#8221;<br \/>\n\u00dcber das Buch kein Wort, das mit einem in Salzburg, vom 25. August 1945 datierten Vorwort beginnt.<br \/>\nDa springt Kopp, der seine Passion in direkter Rede, an das &#8220;Du&#8221; der Menschheit, die nichts versteht, richtet, in die Trag\u00f6die, die damit beginnt, da\u00df er &#8220;Im Jahre 1937, am 5. Mai in \u00d6sterreich von der Polizeidirektion Salzburg, an die Gestapo M\u00fcnchen ausgeliefert wurde&#8221; und man liest, wie auch in den Besprechungstexten steht, ein Buch, das sich von den &#8220;Anderen B\u00fcchern und Berichten aus den Konzentrationslagern durch die bemerkenswerte Problemstellung, mit welcher der Verfasser sich mit den furchtbaren Attentaten auf Menschenw\u00fcrde, Freiheit und Recht auseinandersetzt, unterscheidet&#8221;, merkt man dem Buch doch seine Umittelbarkeit und seine Authentizit\u00e4t an, wie einer da nach dem Krieg sich mit all dem auseinanderzusetzen versucht. Hitlers  &#8220;Mein Kampf&#8221; zitiert, betont, da\u00df er es seiner W\u00fcrde schuldig war, niemals mit dem Hitlergru\u00df zu gr\u00fc\u00dfen und sich fragt, wie es m\u00f6glich ist, da\u00df das einer Kulturnation passieren konnte?<br \/>\n&#8220;Im zwanzigsten Jahrhundert an Ketten gelegt. In einem christlichen Staat aus Liebe zur Menschheit ge\u00e4chtet und gesch\u00e4ndet, wie der bissige K\u00f6ter eines  starsinnigen Bauern. Im Land eines Goethes und Schillers, eines Kants und Engels, eines Beethovens und Bachs &#8211; es war einfach Wahnsinn, es konnte doch nicht sein!&#8221;<br \/>\n&#8220;Und zehn Millionen Marxisten im Reich schwiegen da, wo war denn da der Verstand? Sch\u00f6n, der F\u00fchrer hatte Autobahnen gebaut und Stadione und Geld gesamelt f\u00fcr Winterhilfe und Volkswagen und alle hatten Arbeit. Deutschland hatten sie gejubelt, wird sch\u00f6n!&#8221;<br \/>\nEs kommt in den Bunker von Dachau und wird dort st\u00e4ndig mit dem Tod bedroht, von Scheinerschie\u00dfungen und Aufforderungen sich die Pulsadern aufzuschneiden oder den Strick, der in die Zelle gelegt wurde, zu verwenden, scheint es gewimmelt zu haben. Kopp wird zu seinen Erlebnissen im spanischen B\u00fcrgerkrieg befragt und soll aussagen,&#8221;wie B\u00e4umer von Dachau geflohen ist&#8221;, aber er verr\u00e4t keine Kameraden, kommt in Dunkelhaft, mu\u00df seine Zelle putzen und bekommt, weil er sich mit einer Stecknadel, die Fingen\u00e4gel putzt vierzehn Tage nichts zu essen oder eine Zeitlang nur jeden sechsten Tag etwas, so da\u00df bei einszweiundsiebzig und f\u00fcnfundvierzig oder f\u00fcnfzig Kilo hinunterhungert, sein sch\u00f6nes &#8220;Leninb\u00e4rtchen&#8221; wird ihm auch gestutzt. Da\u00df \u00d6sterreich und die Tschechoslowakei eingenommen wurde, erf\u00e4hrt er bei den Verh\u00f6ren,auch, da\u00df es zu einem &#8220;Nichtangriffspakt zwischen der Sowet-Union und Deutschland&#8221; gekommen ist.<br \/>\nHalt, gibt ihm bei all dem der Gedanke an seine Frau Toni, die ihm Briefe schreibt, die er manchmal bekommt und manchmal nicht und die ihm, bevor er verhaftet wurde, angeboten hat, sich gemeinsam umzubringen, was er ausgeschlagen hat. Jetzt wird Toni zur Scheidung gezwungen, bzw. passiert das, wie ihm im Gericht in das er gebracht wurde, ein Richter sagte, automatisch, wenn die Eheleute einige Zeit von Tisch und Bett getrennt sind, wie das in seiner Ehe passierte, da er ja zweiunddrei\u00dfig Monate in Dachau war und er sich  nur fragt, da\u00df da ja auch alle Ehen der Soldaten geschieden werden m\u00fc\u00dfte. Zu Weihnachten wartet er auf ein Paket und auf ein \u00c4pfelchen, das nicht kommt und im Gerichtskorridor h\u00f6rt er, da\u00df der Krieg begonnen hat.<br \/>\n&#8220;Hier,&#8221; sagte dann der eine, &#8220;bei Byalistok war ich im letzten Krieg und jetzt sind sie auch schon bald dort. Warschau wird morgen fallen und dann teilen wir das Ganze in zwei H\u00e4lften. Siehst du, da hinter Warschau herunter, da haben wir eine ganz gerade H\u00e4lfte, die andere H\u00e4lfte nimmt dann der Russe und der Krieg im Osten ist fertig!<br \/>\n&#8220;So dachten die Narren!&#8221;, setzt Kopp hinzu.<br \/>\nDann wird er nach Buchenwald, ein Lager von dem niemand etwas wu\u00dfte und es vorher Ger\u00fcchte gab, da\u00df sie nach Mauthausen, wo es die ber\u00fchmte Todenstieg gibt und das ber\u00fcchtig war, weil &#8220;F\u00fcnfhundert H\u00e4ftlinge, sagte man, w\u00e4ren vor wenigen Wochen hingekommen und drei\u00dfig davon lebten noch&#8221;, kommen sollten, w\u00e4hrend Bucenhwald, das in der N\u00e4he von Weimar liegt, vers\u00f6hnte.<br \/>\n&#8220;Denn ich dachte an Goethe und Schiller und an die Gr\u00fcndung der Republik und h\u00e4tte beinahe gejubelt&#8221;<br \/>\nAber nat\u00fcrlich ist es in dem Bunker dort nicht sch\u00f6n, obwohl er viele Bekanntschaften macht, einen Zigeunerjungen trifft er, der es Hunger wegens &#8220;geschwult&#8221; h\u00e4tte und einen anderen, der t\u00e4glich verpr\u00fcgelt wird, weil er nicht wei\u00df, warum er sich hier befindet. Den Domherrn von Bromberg trifft er an, der sich seine Gedanken dar\u00fcber machen mu\u00df, warum Gott sowas  zul\u00e4\u00dft und auch den Herrn von Bechinie, den ehemaligen Sicherheitsdirektor von Salzburg, der ihn 1937 ausgeliefert hat, der wird , wie im Nachwort steht, das am 5. J\u00e4nner 1946 in Salzburg geschrieben wurde &#8220;ein paar Monate sp\u00e4ter, gleichfalls aus dem Bunker entlassen.<br \/>\n&#8220;Doch nicht so munter wie ich, sondern mit geschwollenen Beinen und etwa zwanzig Jahren mehr als ich, das hei\u00dft schon beinahe als Greis&#8221;, w\u00e4hrend das Buch mit den Worten endet: &#8220;Am f\u00fcnften April 1940 habe ich den Bunker von Buchenwald verlassen. Und acht Tage kam ich dann ins Revier, und da wu\u00dfte ich schon, da\u00df ich von der Indivudualmordanstalt in die Massenmordarena gekommen war, doch davon erz\u00e4hle ich ein andermal.Denn ich kann nicht alles aufeinmal nochmal erleben, ich brauche jetzt ein bi\u00dfchen Erholung, denn noch habe ich nicht mehr als 52 Kilo. Und das ist nicht genug, sagen die \u00c4rzte, bei 1.72 Meter in der jetzigen demokratischen Zeit. Und dagegen kann ich nichts sagen, denn ich bin selbst ein Demokrat.&#8221;<br \/>\nWahrscheinlich ist es der Humor, bzw. Sarkasmus, das das Buch, wenn man es noch bekommt, lesenswert macht und es stellt nat\u00fcrlich viele Fragen auf, die noch immer nicht beantworten wurden, wie so etwas passieren konnte, in einer Zeit, wo es hunderte, tausende vielleicht sogar zehntausende B\u00fccher \u00fcber den Holocaust gibt, die das Schreckliche erz\u00e4hlen und erkl\u00e4ren wollen und es heute in unserer sch\u00f6nen, neoliberalen Welt nat\u00fcrlich ganz anders und viel besser ist.<br \/>\nUnd trotzdem schwirrt gerade ein Video durch das Internet, das aufzeigt, wie Amazon sein Weihnachtsgesch\u00e4ft, um uns all die sch\u00f6nen Pakerln, zeitgerecht zu liefern, durch Leiharbeiter aus Spanien, Ungarn, Rum\u00e4nien etc, erledigt, die in ihren arbeitslosen L\u00e4ndern froh \u00fcber den Dreimonatejob waren, an einen Lotteriegewinn glaubten, dann in leerstehende Freizeitparks einquartiert wurden und von einem Securitydienst, der mit Rechtsradikalen in Verbindung stand, schwarze Jacken, Stiefeln und T\u00e4towierungen trug, Tag und Nacht in ihren Bungalows kontrolliert und gefilmt wurden, die auch ihre Taschen nach Br\u00f6tchen durchsuchten, die sie vielleicht vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch mitgenommen hatten.<br \/>\nEin Kleinigkeit zu alldem nat\u00fcrlich, man sieht aber trotzdem, sehr viel haben wir nicht daraus gelernt und soll man sich jetzt das Buch, wenn es noch zu bekommen ist, bei Amazon bestellen oder es doch besser bei Anna Jeller versuchen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein ganz besonderes Schmankerl auf dem B\u00fccherfundus meiner Eltern Guido Kopps &#8220;Passion eines Menschen des 20. 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