{"id":19421,"date":"2013-02-10T00:41:31","date_gmt":"2013-02-09T23:41:31","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=19421"},"modified":"2013-02-10T00:41:31","modified_gmt":"2013-02-09T23:41:31","slug":"die-grenzen-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=19421","title":{"rendered":"Die Grenzen der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit dem literarischen Essay, diesmal mit einem der sicher erh\u00e4ltlich ist, ist Anna Migutschs &#8220;Die Grenzen der Sprache&#8221; &#8211; &#8220;An den R\u00e4ndern des Schweigens&#8221;, aus der Residenz-Reihe &#8220;Unruhe bewahren&#8221; ja erst diese Woche erschienen und diese Reihe, entnehme ich dem Klappentext, &#8220;antwortet auf eine Gegenwartstendenz, die immer ungem\u00fctlicher wird. Dem Fortschritt der Moderne wohnt eine Verschlei\u00dfunruhe inne, w\u00e4hrend die Vergangenheit zunehmend entwertet und die Zukunft ihrer Substanz beraubt wird&#8221;.<br \/>\nDa w\u00e4re wir wieder bei dem <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/03\/langsamer\/\">&#8220;Langsamer&#8221;<\/a>, das ich ja auch nicht so unbedingt einhalte, bin ich ja eine eher Schnelle, die fast manisch voranhastet und auch so viele B\u00fccher liest, da\u00df sich <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/10\/26\/vorschau-auf-zwillingswelten\/#comments\">JuSophie<\/a> und die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/07\/lesegewohnheiten\/?preview=true\">Blogger<\/a> dar\u00fcber wundern, aber Innehalten in Form eines Essyb\u00e4ndchen kann ein guter Ruhepunkt sein und da gibt es nun das Anna Migutsch Buch mit drei Texten zur Sprache an der Grenze und den schweigenden R\u00e4ndern. Peter Bierl hat in einem anderen Band die Frage &#8220;Wie wollen wir leben?&#8221; beantwortet und &#8220;Die Kunst des Zwitschern&#8221; von Helwig Brunner, Katrin Passig und Franz Schuh gibt es in der Reihe auch.<br \/>\nDie 1948 in Linz geborene Autorin, die dort bzw. in Amerika lebt, kenne ich, glaube ich, seit dem ich schreibe, bzw. mich mit Literatur besch\u00e4ftige. Gab es da ja die gro\u00dfe  Trilogie &#8220;Die Z\u00fcchtigung&#8221;, &#8220;Das andere Gesicht&#8221;, &#8220;Ausgrenzung&#8221;, wo sie sich unter anderem mit ihrem autistischen Sohn besch\u00e4ftigte.<br \/>\nVorstandsmitglied oder Vizepr\u00e4sidentin der IG Autoren war oder ist sie auch und als G\u00fcnther Nenning vor Jahren diesen &#8220;\u00d6sterreichkoffer&#8221; herausgeben wollte, war sie, glaube ich, bei denen, die aufgeschrieen habe, &#8220;Ich lasse mir meine Werke doch nicht stehlen!&#8221;<br \/>\nDer Koffer ist in anderer Form, ebenfalls bei Residenz unter Leitung von Robert Schindel et al erschienen und darin m\u00f6glicherweise auch eines der fr\u00fchen Migutsch-B\u00fccher.<br \/>\nDas &#8220;Familienfest&#8221; gab es einmal bei &#8220;Buchlandung&#8221; um einen Euro, da wird die Autorin vielleicht auch aufschreien, ich freue mich aber \u00fcber billige B\u00fccher. Dann gibt es die Amerika-Aufenthalte, unterrichtet sie ja Germanistik und amerikanische Literatur an \u00f6sterreichischen und amerikanischen Universit\u00e4ten und hat sich in &#8220;Zwei Leben und ein Tag&#8221; auch mit Mobby Dick besch\u00e4ftigt.<br \/>\nDeshalb das Interesse und die Besch\u00e4ftigung mit der amerikanischen Literatur, in der ich mich nicht sehr gut auskenne und das kann man an der &#8220;Welt, die R\u00e4tsel bleibt&#8221;, dem ersten Text, auch gut merken.<br \/>\nGeht es da ja, um den Horizont, um die Weiten und die Grenzen und da ist Anna Migutsch gleich bei der gro\u00dfen amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson, 1830 &#8211; 1886, die ich nur vom Namen her kenne und beginnt ihre Gedichte zu zitieren.<br \/>\nSie tut es zweisprachig, erst Englisch, dann Deutsch, bei den daranfolgenden Begr\u00fcndungen, verwendet sie aber nur mehr die englischen Titel und Zitate, womit ich mir ein bi\u00dfchen schwer tat, da ich, obwohl ich ja um die \u00dcbersetzungsprobleme Bescheid wei\u00df, mich gern an meine Muttersprache halte.<br \/>\nEs ist aber auch so ein guter Eindruck von der Dichterin zu bekommen, die \u00fcber &#8220;den einsamen Gipfelgang&#8221;, dichtete und wie Migutsch schreibt, &#8220;wei\u00dfgegkleidet durch ihr weitl\u00e4ufiges Elternhaus huschte, ihr Haus in den letzten Lebensjahren nicht mehr verlie\u00df und auch keine Besuche empfing oder sich ihnen nicht mehr zeigte&#8221;. Sie hat sich in ihren Gedichten, die zu Zeit ihres Lebens kaum ver\u00f6ffentlicht waren, sehr mit ihrem Tod besch\u00e4ftigt, damit eine Grenze \u00fcberschritten und, wie tut man das?<br \/>\nWie kann der Dichter \u00fcber den eigenen Tod erz\u00e4hlen oder seine Protagonisten diesen schildern lassen? Anna Migutsch f\u00fchrt ein bi\u00dfchen in die Kunstgriffe der Literaten ein und verl\u00e4\u00dft dann kurz Amerika, geht zu Kaspar David Friedrichs &#8220;M\u00f6nch am Meer&#8221;, der zuerst in Seitenansicht gemalt wurde, dann aber indem er in &#8220;R\u00fcckenansicht gezeigt wird, den Blick auf die Unendlichkeit des Horizonts mit ihrem Sog ins Jenseitige oder auch in die absolute Leere zwingt.&#8221;<br \/>\nDer mir ebenfalls unbekannte amerikanische Lyriker Robert Frost schlie\u00dft sich an der Wende des 20. Jahrhundert in seinem &#8220;neither out far nor in deep&#8221; daran an und schreibt &#8220;Sie kehren dem Land den R\u00fccken. sie schauen immer aufs Meer&#8221; und wir haben sie wieder die Grenze und die Unendlichkeit, was eigentlich ein Widerspruch ist.<br \/>\nMelville wird in dem Essay nat\u00fcrlich auch zitiert, die &#8220;Sehnsucht nach dem Verborgenen und die religi\u00f6se Erwartung der Erl\u00f6sung, der Utopie und dem Prinzip Hoffnung&#8221; und enden tut es mit dem Fortschritt, dem diese Reihe Grenzen zeigen soll.<br \/>\nDann gehts in den &#8220;Weltinnenraum&#8221; und weiter auf die Suche nach dem Horizont, n\u00e4mlich zu Ludwig Wittgenstein, der sich ja in seinem &#8220;Tractatus&#8221; ganz besonders mit dem Schweigen und dem Unaussprechlichen besch\u00e4ftigt hat.<br \/>\nAnna Migutsch kann aber auch bei Rilkes &#8220;Duineser Eligen&#8221;, die &#8220;Sprache der Dichtung, als unzul\u00e4ngliches Instrument der Erkenntnis&#8221; erkennen. Etwas, wo ich ihr zugegebener Weise nicht ganz folgen kann und mich lieber an der Sch\u00f6nheit der Worte berausche, als nach der christlichen Mystik im &#8220;Stundenbuch&#8221; zu suchen, aber ich bin nicht religi\u00f6s und auch eher literarisch als philosophisch interessiert, also weiter auf die Suche nach den Horizonten, wo Migutsch Borges &#8220;Bibliothek von Babel&#8221; und nat\u00fcrlich Walter Benjamin zitiert.<br \/>\n&#8220;S\u00e4mtliche B\u00fccher, wie verschieden sie auch sein m\u00f6gen, bestehen aus denselben Elementen&#8221;, hat Luis Borges \u00fcber die Bibliothek von Babel geschrieben und, da\u00df &#8220;das Wort in der Dichtung nie ein blo\u00dfes Kommunikationsmittel ist&#8221; habe ich mir auch schon gedacht, auch wenn ich \u00fcblicherweise vom psychologisch realistischen Schreiben ausgehe und da treffe ich im dritten Teil, dem &#8220;Abgrund&#8221;, Bekanntes, wenn auch nicht gleich, besch\u00e4ftigt sich Anna Migutsch da zuerst mit Vladimir und Estragon und &#8220;Warten auf Godot&#8221;, sie nennt es &#8220;Waiting for&#8221; und zitiert auf Englisch, was bei mir den schon beschriebenen Widerstand ausl\u00f6ste, in einem deutschsprachigen Buch keine englische Zitate lesen zu wollen, so da\u00df ich weiter hastete und da sehr bald zu Paul Celan, mit dem ich mich vor kurzem ja auch <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/04\/sag-das-jerusalem-ist\/\">besch\u00e4ftigte<\/a> und zur &#8220;Todesfuge&#8221; kam.<br \/>\n&#8220;Bei Paul Celan entspringt das metaphorische Sprechen einer anderen Bewu\u00dftseinslage&#8221;, schreibt Anna Migutsch.<br \/>\n&#8220;Sein lyrisches Werk steht von Anfang an unter dem Vorzeichen der Vernichtung, die nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch die Sprache bedroht&#8221;,  da kann sich nun die Psychologin und die an den menschlichen Krisen und Traumen sehr interessierte wiederfinden, obwohl ich die &#8220;Todesfuge&#8221; sicher ganz anders und nicht philosophisch interpretiere.<br \/>\nMan kann es aber auch so versuchen und \u00fcber den Tellerrand hin\u00fcberschauen, mu\u00df es vielleicht, wenn man sich, wie ich, die B\u00fccher dem bekannten Autorennamen nach und ohne weiter hinzusehen bestellt.<br \/>\nDa erlebt man \u00dcberraschungen, lernt mit Rilke zu philosophieren, erf\u00e4hrt ein bi\u00dfchen was \u00fcber Religion und Mystik und wird von Anna Migutsch immer wieder dazu aufgefordert, sich Gedanken \u00fcber die Grenzen der Sprache und das Unaussprechliche zu machen, weil die Welt ja ein R\u00e4tsel ist und bleibt und ich mir die Shoah und andere Grausamkeiten des Lebens eigentlich weder mit der Philosophie noch mit der Psychologie wirklich erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit dem literarischen Essay, diesmal mit einem der sicher erh\u00e4ltlich ist, ist Anna Migutschs &#8220;Die Grenzen der Sprache&#8221; &#8211; &#8220;An den R\u00e4ndern des Schweigens&#8221;, aus der Residenz-Reihe &#8220;Unruhe bewahren&#8221; ja erst diese Woche erschienen und diese Reihe, &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=19421\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-19421","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19421","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19421"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19421\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19421"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19421"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19421"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}