{"id":19256,"date":"2013-02-02T00:04:05","date_gmt":"2013-02-01T23:04:05","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=19256"},"modified":"2013-02-02T00:04:05","modified_gmt":"2013-02-01T23:04:05","slug":"sansibar-oder-der-letzte-grund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=19256","title":{"rendered":"Sansibar oder der letzte Grund"},"content":{"rendered":"<p>Alfreds Andersch ber\u00fchmter Roman, die Abrechung mit dem Nationalsozialismus, der auch, wie ich zuf\u00e4llig in dem dazu enthaltenen Begleitbuch gelesen habe, auch in deutschen Schulen gern gelesen wird, beginnt ganz einfach.<br \/>\nAn einem Tag im Oktober 1937 sitzt ein Junge in dem kleinen ostdeutschen Fischerst\u00e4dtchen Rerik in seinem Versteck,  liest Huckleberry Finn, tr\u00e4umt, wie er in den Weiten des Missisippis verschwinden k\u00f6nnten und denkt an die drei Gr\u00fcnde aus Rerik wegzugehen. Erstens es ist nichts los, zweitens ha\u00dft er alle, seit sein Vater, offenbar ein Alkoholiker im Meer ertrunken ist, der dritte Grund f\u00e4llt ihm vorerst nicht ein. Seine Mutter l\u00e4\u00dft ihn ohnehin nicht weg und sagt, er mu\u00df noch zweieinhalb Jahre beim Fischer Knudsen lernen und dann zur Marine gehen. Da\u00df in dem Jahr und in dem \u00d6rtchen ohnehin gerade  viel passiert, scheint dem F\u00fcnzehnj\u00e4hrigen nicht aufzufallen.<br \/>\nDa ist doch n\u00e4mlich der Fischer Knudsen, offenbar ein ehemaliger Kommunist, aber das gibt es ohnehin nicht mehr, seit  die &#8220;Anderen&#8221; kamen, deutlicher spricht es Andersch nicht aus und der Fischer hat offenbar eine behinderte oder geistesgest\u00f6rte Frau, auch das wird nicht klarer, nur \u00fcber den Witz, den sie st\u00e4ndig allen erz\u00e4hlt angedeutet und soll in die Anstalt und irgendwie wei\u00df man schon, da\u00df dort nichts Gutes passiert. Dann gibt es noch den Pfarrer Helander mit der Beinprotese vom World War one und die Kirche mit den T\u00fcrmen, in der sich die Skulptur des lesenden Klostersch\u00fclers befindet, die, weil entartete Kunst, abeholt werden soll und dann gibt es noch einen ehemaligen Kommunisten, einen der sich auch schon entfernt hat, obwohl er einstens in Leningrad an der Parteiakademie studierte und der soll sich mit Knudsen treffen, um sich zu erkundigen, ob es noch eine Parteizelle gibt und der Pfarrer will Knudsen veranlassen den &#8220;Klostersch\u00fcler&#8221; nach Schweden zu schmuggeln. Ja und Judith gibt es auch, das ist ein katholisch getauftes M\u00e4dchen mit stark j\u00fcdischen Aussehen und einem ebensolchen Pa\u00df aus wohlhabenden Haus und die Mama hat ihr geraten, in das kleine Hafenst\u00e4dtchen zu fahren, weil das romantisch ist und sie einmal  dort war und zu den schwedischen Booten zu gehen und sich f\u00fcr Geld hin\u00fcberfahren lassen.<br \/>\n&#8220;Das tue ich nicht, ich lasse dich nicht allein!&#8221;, sagt Judith zur gel\u00e4hmten Mutter und geht in die K\u00fcche. Als sie zur\u00fcckkommt ist die Mutter tot, hat sich vergiftet und Judith packt den Koffer, f\u00e4hrt los, quartiert sich im &#8220;Wappen von Wismar&#8221; ein, bestellt im Gastraum ein Wurstbrot und hat Schwierigkeiten mit dem Wirt, der ihren Pa\u00df sehen will.<br \/>\nDas ist eigentlich die ganze Handlung. Man k\u00f6nnte noch hinzuf\u00fcgen, da\u00df Knudsen am Ende Judith und die Skulptur nach dr\u00fcben bringt, da\u00df der Junge, der tausendmal vorhatte, abzuhauen und nach Amerika oder besser nach Sansibar, dem Sehnsuchtsort aufzubrechen, denn das ist der letzte Grund, wieder zur\u00fcckf\u00e4hrt um, wahrscheinlich bald ein Hitlerjunge oder Soldat zu werden und um Knudsen nicht allein zu lassen und den braucht seine Berta. Gregor ist gar nicht mitgefahren, sondern f\u00e4hrt mit dem Fahhrad in den unsicheren Nationalsozialismus k\u00f6nnte man vermuten und der Pfarrer, dessen schlecht amputiertes Bein ohnehin schon brennt und fault, nimmt die Pistole und richtet sie am n\u00e4chsten Morgen auf die, die den &#8220;Klostersch\u00fcler&#8221; abholen wollen, die erschie\u00dfen ihn nat\u00fcrlich sofort. So hat er sich die Folter erspart, vor der er sich f\u00fcrchtete, denn Gott hat ihn ohnehin schon lang alleingelassen.<br \/>\nEs ist eine Parabel k\u00f6nnte man sagen, der 1957 geschriebene Roman, des 1914 in M\u00fcnchchen geborenen Alfred Andersch, der 1980 in der Schweiz starb, der in Dachau interniert und Kommunist war. Redakteur ist er auch gewesen.<br \/>\nWegen der einfachen und klaren Sprache und der \u00fcberschaubaren Handlung schreibt Fred M\u00fcller in den &#8220;Oldenbourger Interpretationen&#8221;, die ich mir um einen Euro wohl einmal in einer der &#8220;Buchlandungen&#8221; kaufte, wird er oft in der Schule verwendet und erkl\u00e4rt auf hundert Seiten die Handlung, die Personen, die Erz\u00e4hlperspektiven, den Nationalsozialismus,etc. Unterrichtshilfen und ein Bild von der Barlach-Figur, die die Vorlage zum Klostersch\u00fcler stellte und der  Wismarer Georgenkirche, die Andersch nach Rerik verlegte, gibt es auch.<br \/>\nDas Buch ist auch wirklich interessant durch seine Andeutungen, den Zweifel, die die Personen auf den hundertsiebzig Seiten haben, die immer und immer wieder sagen, da\u00df sie nicht tun werden, was sie sp\u00e4ter ganz selbstverst\u00e4ndlich machen, den inneren Monologen und den sechs Erz\u00e4hlstimmen, der Klostersch\u00fcler hat glaube ich auch eine eigene. Das Buch ist in Kapitel gegliedert und tr\u00e4gt die \u00dcberschriften der handelnden Personen.<br \/>\nDen Klassenunterschied gibt es auch und die Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse, so geh\u00f6ren Judith und der Pfarrer dem B\u00fcrgertum an, Gregor ist ein kommunistischer Arbeiter und traut sich nicht Judith zu k\u00fcssen, der namenlose Junge steht mit seinem Huckleberry Finn \u00fcberhaupt au\u00dferhalb, der Kommunismus ist zerbrochen und die &#8220;Anderen&#8221; sind eigentlich auch noch nicht da, zumindestens in \u00d6sterreich sind sie das zu dieser Zeit noch nicht gewesen.<br \/>\nInteressant diese verhaltene symbolhafte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus und ein ber\u00fchmtes Buch, von dem ich immer nur in Andeutungen h\u00f6rte, bis ich es, einmal auf der Wiedner Hauptstra\u00dfe in einer der zwei Buchhandlungen, die es damals dort gab, um wahrscheinlich einen Euro f\u00fcnfzig kaufte.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/03\/20\/leipzig-in-den-wohnzimmern\/\">Gregor Sanders<\/a> hat glaube ich einen Erz\u00e4hlband geschrieben, der sich auf den Roman und auf Rerik bezieht, was ich, glaube ich, einmal beim Leipziger Buchmessen Surfen h\u00f6rte.<br \/>\nIch habe den Roman eigentlich f\u00fcr schwer lesbar gehalten, aber wahrscheinlich habe ich, das passiert mir manchmal Alfred Andersch mit G\u00fcnther Anders verwechselt, \u00fcber den ich einmal ein Seminar h\u00f6rte und ein paar ungelesene B\u00fccher in meinen Regalen habe.<br \/>\n&#8220;Sansibar oder der letzte Grund&#8221; habe ich also jetzt gelesen und mit dem stillen leisen Buch eine Entdeckung gemacht, so da\u00df es, von dem ich gar nicht wei\u00df, ob es noch erh\u00e4ltlich ist, sehr empfehlen kann. Ich habe ich Fischer TB-Ausgabe von 1960 gelesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfreds Andersch ber\u00fchmter Roman, die Abrechung mit dem Nationalsozialismus, der auch, wie ich zuf\u00e4llig in dem dazu enthaltenen Begleitbuch gelesen habe, auch in deutschen Schulen gern gelesen wird, beginnt ganz einfach. 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