{"id":19161,"date":"2013-01-26T00:45:54","date_gmt":"2013-01-25T23:45:54","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=19161"},"modified":"2013-01-26T00:45:54","modified_gmt":"2013-01-25T23:45:54","slug":"das-gesprengte-grab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=19161","title":{"rendered":"Das gesprengte Grab"},"content":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit den Erz\u00e4hlungen aus China, ist da n\u00e4mlich eine DDR-Ausgabe von 1989, Verlag Neues Leben, Berlin, &#8220;Das gesprengte Grab&#8221;, herausgegeben, \u00fcbersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ernst Schwarz zu mir gekommen.<br \/>\nUnd passt auch ganz gut zur Lekt\u00fcre von <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/01\/23\/schwere-flugel\/\">Zhang Jies &#8220;Schwere Fl\u00fcgel&#8221;<\/a>, setzen die sechs ausgew\u00e4hlten Geschichten ja bei der Kulturrevolution an und Ernst Schwarz erz\u00e4hlt in seinem Nachwort auch ein bi\u00dfchen \u00fcber die chinesische Literatur nach 1942, wo Mao mit einer Rede einen &#8220;Markstein f\u00fcr die neue Literatur setzte&#8221; und sie von der bisherigen &#8220;gestelzten Intellektuellensprache&#8221; sehr absetzte.<br \/>\nZhang Jie kommt in Schwarz Literaturgeschichte nicht vor und Ernst Schwarz ist auch besonders interessant, habe ich beim Googlen, im Buch gibt es keine biografische Angaben \u00fcber ihn, herausgefunden, da\u00df er ein 1916 in Wien geborener \u00d6sterreicher ist, der \u00c4gyptologie und Medizin studierte. Nach dem Anschlu\u00df mit seinem Bruder nach Shanghai gehen mu\u00dfte, dort im Selbststudium Chinesisch lernte und 1960 in die DDR kam. Dort war er Lektor an der ostasiatischen Abteilung des Humboldt Instituts. 1993 kam er nach Wien zur\u00fcck, wo sich seine T\u00e4tigkeit f\u00fcr die Stasi herausstellte, 2003 ist er im Waldviertel gestorben. Au\u00dfer dem &#8220;Gesprengten Grab&#8221; hat noch viele andere Anthologien und \u00dcbersetzungen herausgegeben und 1992  die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold erhalten.<br \/>\nInteressant, interessant, h\u00e4tte ich den Herausgeber doch eher f\u00fcr einen Verlagsmitarbeiter gehalten.<br \/>\nErnst Schwarz hat sechs Autoren f\u00fcr seine &#8220;Erz\u00e4hlungen aus China&#8221; ausgew\u00e4hlt, die erste &#8220;Die Witwe&#8221; stammt von dem 1934 in Hangzhou geborenen Zhang Xian, \u00fcber dem ich im Internet nichts finden konnte und die Geschichte ist ein Brief einer Witwe an ihren offenbar bei der Kulturrevolution umgekommenen Mann Weiming. Inzwischen sind die beiden Kinder erwachsen geworden, heiraten oder studieren, Weiming wurde rehabilitiert, seine Witwe ist zur Frau Direktor und in Amt und W\u00fcrden bestellt worden. Nur r\u00fchrt sich jetzt der Liebestrieb und sie will nicht eine jener alten Witwen werden, &#8220;die jeden Abend einen Sack M\u00fcnzen versch\u00fctten und ihn wieder aufsammeln, um in Ruhe schlafen zu k\u00f6nnen.&#8221; Sie hat sich in den Postboten verliebt, der ihr solange und getreulich die Zeitungen brachte. Sie m\u00f6chte ihn auch heiraten, aber das geht doch nicht, da\u00df sie die Ehre des rehabilitierten Genossen damit sch\u00e4ndet, seine Mutter h\u00e4lt auch nichts davon und die Kinder drohen ihr, dann nicht mehr mit ihr zu reden.<br \/>\nAuch \u00fcber den  1957 ebenfalls in Hangzhou geborenen Li Hangyu von dem die Titelgeschichte stammt, konnte ich im Internet nichts finden und seine Geschichte handelt von einem Grabraub. Das Grab von Shen Futai, einem ehemaligen Kaptialisten, der es mit den j\u00fcngsten M\u00e4dchen trieb, soll von Studenten zur &#8220;Beseitigung der vier alten \u00dcbel&#8221; gesprengt werden. Da schaltet sichder &#8220;Knoblauchbruder&#8221; Asan, der alter Grabr\u00e4uber ein, verbindet sich mit den Bootsleuten, die vom F\u00e4kalien beseitigen leben, sie mieten sich ein Boot, gehen noch einmal in den ehemaligen Hof des Kapitalisten, der jetzt eine Kontaktstation der roten Garden ist, Mittagessen, dann machen sie sich zum Grab auf, offenbar wurden den chinesischen Gr\u00e4ber gro\u00dfe Sch\u00e4tze beigegeben, die sie nicht den Studenten \u00fcberlassen wollen. Das Ganze wird sehr interessant, spannend und witzig erz\u00e4hlt und am Ende finden sie nat\u00fcrlich nichts.<br \/>\nVon dem 1928 geborenen und 2005 verstorbenen Lu Wenfu findet sich etwas in Wikepedia  und sein &#8220;Brunnen&#8221; ist eine erstaunlich aktuell und ber\u00fchrend klingende Geschichte einer Frau die zwischen Reaktion und Revolution zerreiben wird und schlie\u00dflich trotz aller Emanzipation und T\u00fcchtigkeit ins Wasser gehen mu\u00df, weil der Klatsch und die Intrigen sie nicht hochkommen lassen. So hei\u00dft das erste Kaptiel auch &#8220;Aktuelles aus der Zentralestelle f\u00fcr Neuigkeiten&#8221; und das ist ein Brunnen in der Dong-Huija-Gasse zu deren die Frauen und M\u00e4dchen Wasserholen kommen, weil die H\u00e4user noch nicht an die Leitungen angeschlossen sind. Sie tauschen sich \u00fcber alle Neuigkeiten aus und da gibt es das Haus von Zhu Sheng, der eigentlich aus einer Gelehrtenfamilie kommt, aber das Kunstst\u00fcck zusammenbringt nach der Revolution als arm und aus der Arbeiter eingestuft zu werden. Jetzt sucht er eine Frau, die sowohl sch\u00f6n und gebildet ist, als sich auch als billige Sklavin verwenden l\u00e4\u00dft und die ist Xu Lisha. Hochschulabsolventin aber aus der Bourgeoisie stammend, so bekommt sie nur einen untergeordneten Posten in einer kleinen Fabrik im Bezirk und mu\u00df dort, weil der Leiter sie abh\u00e4rten will, die Flaschen waschen. Da nimmt Sekret\u00e4r Zhu Sheng sich ihrer an, verschafft ihr eine bessere Stelle, einen guten Sessel und eine Kochplatte, weil zur Zeit des &#8220;gro\u00dfen Sprunges&#8221; Hungersnot in China herrschte und macht ihr von seiner Mutter unterst\u00fctzt, einen Heiratsantrag, weil man bei &#8220;der  Liebe zu einem Fr\u00e4ulein so vorgehen soll, wie man Tauben zu f\u00fcttern pflegt. Zuerst locken und dann im richtigen Moment zupacken und den Hals umdrehen.&#8221;<br \/>\nSo wartet zuerst ein sch\u00f6nes Vorstellungsessen, dann soll Xu Lisha, ihren Lohn abgeben, f\u00fcr die Mutter einkaufen, kochen, etc, sie wehrt sich mit allen Kr\u00e4ften trotz aller Ratschl\u00e4ge, der Frauen von der &#8220;Zentralstelle&#8221; und bekommt einen Pr\u00fcgel nach dem anderen vor die F\u00fc\u00dfe geworfen. Schafft es trotzdem sich hochzuarbeiten, ein Medikament zu entwickeln, soll auch ins Ausland fahren, etc. Da kommen dann wieder der Ehemann, die Intrigen und die alte chinesische Moral ins Spiel und am Schlu\u00df landet Xu Lisha im Brunnen und die Zentralstelle f\u00fcr Nachrichten wird verlegt.<br \/>\nDie 1953 geborene Rgisseurin Wang Zhebin, die offenbar auch bei der Verfilmung von <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/30\/balzac-und-die-kleine-chinesische-schneiderin\/\">&#8220;Balzac und die kleine chinesische<\/a> Schneiderin&#8221; mitgewirkt hat, erz\u00e4hlt in &#8220;Die Wahrheit \u00fcber einen Liebesbrief&#8221; \u00fcber die Aufregung die ein Liebesbrief bei einer Bergbaubrigade ausl\u00f6st, er soll kritisiert werden. Am Schlu\u00df stellt sich heraus, da\u00df  Marx selbst ihn geschrieben hat.<br \/>\nDer 1934 in Beijing geborene Wang Meng war Kulturminister, hat ein paar ber\u00fchmte Romane geschrieben und ist auch <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/10\/18\/frankfurter-wochenende\/\">2009<\/a> in Frankfurt aufgetreten. In &#8220;Spiel der Verwandlungen&#8221; erz\u00e4hlt er die Geschichte einer Gutsherrenfamilie nach 1949. Der Vater Ni Wucheng war Schuldirketor und jongliert sich dann bis zu seinem Tod als eine Art chinesischer Don Quijotte oder Bockerer durch die Kulturrevolutionen. Zitiert immer Marx und Engels und will alles revolutionieren, nur stellt er sich schrecklich ungeschickt dabei an und will auch st\u00e4ndig in den Restaurants essen, was als verboten oder unschicklich galt. Die Gro\u00dfmutter sagt &#8220;Euer Gnaden&#8221; zu den Rotgardisten und mu\u00df daf\u00fcr ihr schmutziges Fu\u00dfwaschwasser austrinken und der Sohn der die Geschichte miterlebt, kommt auch nicht ungeschoren davon.<br \/>\nFeng Jicai, 1942 in Tianjin geboren, erz\u00e4hlt in &#8220;Abschied im Nebel&#8221;, die Geschichte von Jian Mei, der er &#8220;Fr\u00e4ulein&#8221; nennt, obwohl sie verheiratet ist. Ein Schriftsteller kommt zu einem offiziellen Aufenthalt nach London, hat eine Betreuerin und einen Terminplan, n\u00fctzt aber die erste Gelegenheit Jian Mei anzurufen, die er kennenlernte, als er ein vierundzwanzigj\u00e4hriger Journalist und sie ein vierzehnj\u00e4hriges aufstrebendes Klariertalent, Tochter eines Musikprofessor und einer ber\u00fchmten Pianistin, war. Sie spielte ihm vor, erkl\u00e4rte selbstbewu\u00dft &#8220;Ich werde besser als meine Mutter&#8221;, er schrieb einen Artikel \u00fcber sie. Dann kam die Kulturrevolution. Die Mutter nahm sich das Leben, das Klavier wurde versiegelt, nach der Reform bat der Bruder den Journalisten sie zu heiraten, damit er sie los w\u00fcrde. Jang Mei, die nicht mehr Klavier spielt, lehnte ab, verlobte sich mit einem Jungen, den sie in der Brigade kennenlernte, der sie aber sitzen lie\u00df, um die Tochter eines Ministers zu heiraten, so da\u00df sie mit einem um f\u00fcnfzehn Jahre \u00e4lteren Mann, den sie erst einen Monat kannte, zuerst nach Hong Kong, dann nach London kam. Jetzt lebt sie allein in China Town, ist Kellnerin, hat ihren Bo\u00df im Bett, nennt den Journalisten zynisch &#8220;mein kleiner Marx&#8221;, verspielt ihr Geld in Pferdewetten und packt einen Koffer mit Geschenken f\u00fcr ihre Familie, obwohl sie nur ein sch\u00e4biges Zimmer und wahrscheinlich keine eigenen M\u00f6bel hat und einen Engl\u00e4nder mu\u00df sie demn\u00e4chst auch heiraten, um die Staatsb\u00fcrgerschaft zu erhalten.<br \/>\nAls der Aufenthalt des Schriftstellers vor\u00fcber ist verabschieden sie sich im Nebel. Am Flugplatz h\u00f6rt er noch, da\u00df sie einen Autounfall hatte und in Peking denkt er daran, was alles anders geworden w\u00e4re, wenn sie dort geblieben w\u00e4re? Ja, denke ich 2013, ohne Kulturrevolution w\u00e4re sie wahrscheinlich Pianistin geworden, aber h\u00f6chstwahrscheinlich frustriert, weil doch nicht an die Spitze gekommen, medikamentens\u00fcchtig, depressiv u u u, aber das hat Feng Jicai 1989 vor der Wende h\u00f6chstwahrscheinlich nicht gemeint.<br \/>\nEin sehr interessantes Buch von dem ich viel gelernt habe und das ich jeden nur empfehlen kann, h\u00f6chstwahrscheinlich wird es aber nicht mehr zu bekommen sein, hat man ja, wie ich h\u00f6rte, 1989 all die Aufbau und Neue Welt B\u00fccher in die Erde gesteckt und verderben lassen.<br \/>\nInzwischen habe ich im B\u00fccherschrank auch ein englischsprachiges Penguin B\u00fcchlein &#8220;The chinese Literatur Szene&#8221; mit lauter fr\u00f6hlich dreinschauenden Chinesen in den blauen Mao-Anz\u00fcgen Helmen und M\u00fctzen, die begeistert die kleine rote Bibel in der Hand halten, gefunden, Gl\u00fcck mu\u00df man haben und kann mich, wenn ich will, noch ein bi\u00dfchen weiter mit der chinesischen Literatur besch\u00e4ftigen. Pearl S. Buck, die ich bisher nicht erw\u00e4hnte gibt es in den offenen und in den Schr\u00e4nken meiner Eltern auch und da kommt ja bald das <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">&#8220;\u00dcber allem die Liebe&#8221;<\/a> daran.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit den Erz\u00e4hlungen aus China, ist da n\u00e4mlich eine DDR-Ausgabe von 1989, Verlag Neues Leben, Berlin, &#8220;Das gesprengte Grab&#8221;, herausgegeben, \u00fcbersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ernst Schwarz zu mir gekommen. 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