{"id":19014,"date":"2013-01-20T00:28:52","date_gmt":"2013-01-19T23:28:52","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=19014"},"modified":"2013-01-20T00:28:52","modified_gmt":"2013-01-19T23:28:52","slug":"andere-wege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=19014","title":{"rendered":"Andere Wege"},"content":{"rendered":"<p>H. G. Adlers gesammelte Werke, zum hundertsten Geburtstag herausgegeben von der Edition Milo im Drava Verlag f\u00fcr die Helmuth A. Niederle, den ich von der Gesellschaft f\u00fcr Literatur kenne, habe ich vor zwei Jahren auch durch die Poetry Fix Gewinnspiele bekommen.<br \/>\nEin sehr umfangreiches Buch \u00fcber eintausendeinhundert Seiten und eintausendeinhundert Gedichte des, wie er es 1981 selber nannte, deutschen Schriftstellers j\u00fcdischer Nation, der aus der Tscheoslowakei kommt, dem \u00f6sterreichischen Kulturkreis angeh\u00f6rt und loyaler britischer Staatsb\u00fcrger ist.<br \/>\nH. G. oder Hans G\u00fcnther Adler wurde 1910 in Prag geworden und gilt, wie ich dem Klappentext entnehme als  gro\u00dfer Lyriker des zwanzigsten Jahrhunders. Ich mu\u00df gleich gestehen, ich habe noch nie etwas von ihm geh\u00f6rt und auch sein Werk \u00fcber das KZ Theresienstadt, das als Standardwerk gilt, ist mir bisher entgangen, obwohl ich mich ja sehr daf\u00fcr interessiere, das Filmfragment einmal im Filmmuseum auch auf You Tube gesehen habe.<br \/>\nEin ganz besonderes Gustost\u00fcckerl also, das ich da neben den mir eher unbekannten ost und westdeutschen Gegenwartslyrikern, die ich sonst <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/01\/19\/die-irren-kurse-einer-sterbenden-fliege\/?preview=true\">bekommen<\/a> habe, gewonnen habe.<br \/>\nDas Buch ist von Katrin Kohl und Franz Hocheneder unter Mitwirkung des Sohnes Jeremy Adler herausgegeben worden, H.C. Adler ist 1988 in London gestorben, hat ein Nachwort von Michael Kr\u00fcger &#8220;Leb wohl, verlorene Welt, leb wohl&#8221; und einen umfangreichen Anhang mit Erkl\u00e4rungen von Kathrin Kohl mit einem Lebenslauf des Autors und ist in neun Abteilungen gegliedert, die die Gedichte aus der Jugendzeit bis Gedichte aus England 1987 umfassen und das Leben des mir bisher unbekannten Adlers ist mehr als interessant, studierte er doch von 1930 bis 1935 an der deutschen Universit\u00e4t in Prag Musik Kunst Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie, war als Lehrer, Sekret\u00e4r und am tschecholowakischen Rundfunk f\u00fcr Sendungen in deutscher Sprache t\u00e4tig. Ab August 1941 war er in einem Zwangsarbeiterlager interniert, kam dann nach  Theresienstadt, Auschwitz, Buchenwald etc und wurde 1945 befreit. Seine Familie, Frau und Eltern sind in den Lagern umgekommen, um sich von dem Sturmbandf\u00fchrer Hans G\u00fcnther zu distanzieren, nannte er sich nur mehr H.G. Nach dem Krieg kehrte er nach Prag zur\u00fcck, hatte dort als Deutschsprachiger Schwierigkeiten, so da\u00df er 1947 nach England emigrierte, dort wieder heiratete, sein Buch &#8220;Theresienstadt 1941-1945, etliche Romane und auch seine Gedichte weiterschrieb, von denen viele bisher unver\u00f6ffentlicht waren.<br \/>\nInteressant ist auch, da\u00df sich Oleg Jurjew, von dem ich ja auch ein <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/10\/05\/von-orten-ein-poem\/\">Buch<\/a> gewonnen habe, mit dem Roman &#8220;Panorama&#8221; besch\u00e4ftigt hat. Eine Prosaarbeit &#8220;Unser Georg und andere Geschichten&#8221; ist 1961 bei Bergland herausgekommen, ein Buch das ich gerne finden w\u00fcrde. Verschiedene Preise, wie das \u00f6sterreichische Ehrenkreuz f\u00fcr Wissenschaft und Kunst hat er 1985 auch bekommen und so habe ich mich sehr interessiert durch die tausendeinhundert Gedichte gelesen, die, wie erw\u00e4hnt mit den &#8220;Gedichten aus der Jugendzeit 1927 bis 1932&#8221; beginnen, wo das &#8220;Sommerspiel im B\u00f6hmerwald&#8221; &#8220;Ein Fr\u00e4ulein singt am Bach, der Herr Doktor liegt auf der Wiese und liest Die Mutter ruft &#8220;Da\u00df ihr net obi fall!&#8221; und &#8220;Die Sage von D\u00f6rrstein&#8221;, geschrieben im Juli 1930 besonders beeindruckend waren. Der &#8220;Abschied&#8221; ist Franz Weiss, ermordet in Auschwitz 1943 gewidmet, die Abteilung endet mit &#8220;Kurzen Spr\u00fcchen&#8221; und geht in die &#8220;Fr\u00fchen Gedichte&#8221; von 1934-1940 weiter, die trotz Kriegsbeginn teilweise immer noch sehr idyllisch sind, dann aber vom &#8220;Schicksal und Gesetz&#8221; &#8220;Machthabern&#8221; und &#8220;Volk in Unterjochung&#8221; erz\u00e4hlen.<br \/>\n&#8220;Der Zwingsherr hat gro\u00dfe Gewalt, Doch er vermag nichts. Der Volk hat gro\u00dfe M\u00f6glichkeit, Aber es hat nicht Gewalt. &#8211; Es wechselt der Zwingherr. Ungl\u00fcckliches Volk!&#8221;<br \/>\nDas Gedicht &#8220;Geh\u00e4use&#8221; ist Elias Canetti gewidmet, &#8220;In dieser Zeit&#8221; F. H. Fuchs zum Gedenken, &#8220;der 1942 in Lodsch verhungerte&#8221;, die letzten Gedichte widmen sich dem Kriegsbeginn 1939.<br \/>\nDann geht es weiter mit  Theresienstadt 1942-1944, wo auch der &#8220;Thersienst\u00e4dter Bilderbogen 1942&#8221;, meist auf der Schreibmaschine geschrieben und sp\u00e4ter immer wieder umgearbeitet entstanden ist. Im Anhang kann man genau \u00fcber die Entstehungsweise der Gedichte lesen, wo zuerst in fast Rilkescher Manier die Lagerimpressionen wiedergegeben werden, wie &#8220;Totenfeier Dann werden die S\u00e4rge stolpernd getragen Hinunter die hallenden Stufen zur Nacht Dort harrt ungeduldig der Lieferwagen, Es werden \u00d6lfunzeln gebracht.&#8221;, bis zu &#8220;Vorfr\u00fchling&#8221;, das den Nachsatz hat &#8220;Als ich am 9. 3. 1943 den ersten Amselschlag im Jahre h\u00f6rte.&#8221;<br \/>\nDer Frau Geraldine oder Gertrud, die in Auschwitz umgekommen ist werden mehrere Ges\u00e4nge gewidmet, es gibt einen Jahreszeitenzyklus und zw\u00f6lf Bilder &#8220;Der Mensch und sein Tag&#8221;, die er f\u00fcr den gleichfalls internierten Komponisten Viktor Ullmann geschrieben hat und nat\u00fcrlich viele Fragen, Verst\u00f6rungen und Bew\u00e4ltigungsversuche, die beispielsweise so ausgedr\u00fcckt werden &#8220;oft f\u00fchl ich \u00c4ngste jagen Durch den verwirrten Sinn, So viel hab ich zu tragen, Da ich ein Wanderer bin.&#8221;<br \/>\nDann kommen die Nachkriegsgedichte zwischen 1945 und 1946 geschrieben, wo er auch seine zweite Frau Bettina kennenlernt und die England-Gedichte, die in mehrere zeitliche Abteilungen gegliedert sind, bis 1987 gehen. Siebenhundert Seiten Gedichte nach dem Holocaust. H. G. Adler zeigt, da\u00df das man das kann, tut es in seiner Sprachen, seinen Anklagen, Elegien und Balladen,  bezieht sich nat\u00fcrlich immer wieder auf das grauenvoll Erlebte, beispielsweise in &#8220;Auferstehung&#8221;:  &#8220;Noch einmal sei es gesagt, Was aus dem Meer des Schweigens Seine Leidenschaft zum Tage wirft: Flammen des B\u00f6sen! Gewalten von gestern! Doch gestern ist nicht mehr, Gestern ist Wahn, ist nicht zu glauben, Gestern &#8211; ein M\u00f6rdern der Seelen.&#8221;<br \/>\nWidmet seine Gedichte Rudolf Felmyer, Hermann Broch oder Venezia Canetti, &#8220;Gr\u00fcsse&#8221; sind G\u00fcnther Eich&#8221;, &#8220;Kieselstern&#8221;: &#8220;Hart das Lich gestreut Auf die Hand, Ein tr\u00fcber begehrlicher Schatten Wedelt den Fuchsschwanz&#8221;, dessen Sohn Clemens Eich gewidmet und schreibt so viel, da\u00df ich gar nicht auf alles eingehen kann. So nur ein paar Beispiele, bzw die Heinrich B\u00f6ll gewidmeten Gedichte &#8220;An die Vergangenheit&#8221;, &#8220;Aufblick im Alter&#8221; und Eingew\u00f6hnung&#8221;, der ja auch schon ein fast vergessener Literaturnobelpreistr\u00e4ger ist<br \/>\nSp\u00e4ter wird es auch moderner. In den neun-Ges\u00e4ngen aus den Englandgedichten 1970-1979 geht es um die Umweltverschmutzung, die Parade am 1. Mai, es wird auch mal &#8220;gerockt und angerichtet wird mit &#8220;Badesalz und Sonnen\u00f6l.&#8221; Und w\u00e4hrend Jandl &#8220;Laut und Luise&#8221; reimte, gibt es bei Adler in den sp\u00e4ten Englandgedichten &#8220;Laut und Leise&#8221; und  &#8220;Tschechische Erinnerungen&#8221; gibt es, Eva Mikulasova gewidmet, \u00fcbersetzt von Eva Adler, gleich zweisprachig, deutsch und tschechisch, war Adler ja ein deutschsprachiger Dichter. Dann geht es in diesem umfangreichen Gedichtkonvolut langsam zu den &#8220;Letzten Gedichten&#8221;, die mit &#8220;Heimkehr verw\u00fcrfelter Welt&#8221; ausklingen. Im Buch geht es dann zur\u00fcck, n\u00e4mlich zu den Abbildungen, wo man unter anderen Adlers Hochzeitsfoto Prag 30. 10. 1941 die \u00c4rztin Gertrud Klepetar und H. G. Adler mit Judenensternen sehen kann.<br \/>\nHelmuth A. Niederle ist  f\u00fcr die Herausgabe einer mir sonst vielleicht unbekannten gro\u00dfen Stimme, die einen Teil der Gewalt des vorigen Jahrhunderts hautnah erlebte, sehr zu danken, wie ich mich auch noch einmal bei <a href=\"http:\/\/www.fixpoetry.com\/\">Julietta Fix<\/a> f\u00fcr den Gewinn und ihre Gewinnspiele, die sie mir einige Jahre so getreulich schickte, bedanken will, die &#8220;Anderen Wege&#8221; sehr empfehle und gerne auch die &#8220;Theresienst\u00e4dter Studien&#8221; lesen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H. G. 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