{"id":18839,"date":"2013-01-10T00:00:31","date_gmt":"2013-01-09T23:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=18839"},"modified":"2013-01-10T00:00:31","modified_gmt":"2013-01-09T23:00:31","slug":"die-literarische-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=18839","title":{"rendered":"Die literarische Welt"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Fund aus dem Wortschatz und ein wirkliches Gustost\u00fcckerl, n\u00e4mlich Willy Haas, 1957 geschriebene Erinnerungen &#8220;Die literarische Welt&#8221;.<br \/>\nWilly Haas werden jetzt wahrscheinlich die meisten fragen, wer ist das? Keine Ahnung oder nie geh\u00f6rt! Da bin ich zum Gl\u00fcck ein bi\u00dfchen weniger unbedarft, habe ich mir doch vor Jahren, als ich noch Psychologie studierte und mich mit meiner Freundin Elfi f\u00fcr Herrn &#8220;Novak&#8221; Opernkarten anstellen ging, um, ich glaube f\u00fcnfzig Schillig, den Briefwechsel zwischen Willy Haas und Hofmanntsthal gekauft. Gekannt habe ich damals nur Hofmannsthal, aber die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/26\/johannes-urzidil-lesebuch\/\">Johannes Urzidi<\/a>l <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/14\/die-verlorene-geliebte\/\">B\u00fccher<\/a> folgten bald und Kafkas &#8220;Amerika&#8221;, das ich auch gelesen habe, mu\u00df aber gleich gestehen, da\u00df sich mir das Genie Kafkas noch immer nicht erschlossen hat, vielleicht ist er mir zu sagenumwoben und zu skurril. Ich bin da ja realistischer und halte mich wahrscheinlich eher an das &#8220;Mittelm\u00e4\u00dfigere&#8221;, aber das sind nicht meine Worte, sondern schon die von Willy Haas und der war ein Freund Franz Werfels, der mir ein bi\u00dfchen zug\u00e4ngiger, als Franz Kafka ist und mit beiden in Prag zur Schule gegangen, da war dann noch Max Brod dabei, zudem der Gymnasiast, weil schon in den h\u00f6heren Klassen und schon ver\u00f6ffentlicht, erf\u00fcrchtig aufschaute.<br \/>\nAber ganz unbedarft bin ich nach meiner Matura und als Studentin auch nicht gewesen, habe ich da ja den &#8220;Mann ohne Eigenschaften&#8221; gelesen, Franz Werfels &#8220;Verdi&#8221; aus dem B\u00fccherkasten meiner Eltern und Stefan Zweigs &#8220;Die Welt von gestern&#8221; ebenfalls von dort und da steht ungef\u00e4hr das drinnen, was auch der 1891 in Prag geborene Willy Haas geschrieben und erlebt hat.<br \/>\nHaas ist in Prag ins Gymnasium gegangen, war mit dem Genie und Lyriker Werfel befreundet, einen Rene Rilke, der ein paar Stra\u00dfen weiter wohnte, gab es auch, was waren das f\u00fcr Zeiten, wo man die Ber\u00fchmtheiten in der Schulbank traf und so schreibt Haas in seinen Erinnerungen dar\u00fcber.<br \/>\n&#8220;Die Literarische Welt&#8221; ist eine Literaturzeitschrift, die er erst sp\u00e4ter f\u00fcr Ernst Rowohlt gegr\u00fcndet hat, zuerst ist er in Prag zur Schule gegangen, hat Jus studiert und das ungeliebte Studium abgebrochen, ist mit einer Frau, die noch mit einem anderen Dichter verliebt und verheiratet war, nach Berlin gegangen und ist dort Filmkritiker geworden.<br \/>\nDas schildert er sehr k\u00f6stlich, er sitzt in Berlin, hat kein Geld, jemand verschafft ihm eine Stelle an der Zeitung, wo er die Filmkritiken sortieren mu\u00df, nach ein paar Tagen geht er zum Redakteur, sagt&#8221;Wir haben doch noch eine Freikarte und keinen Kritiker, der hingehen k\u00f6nnte, geben Sie sie doch mir!&#8221;<br \/>\nDer Redakteur schaut die Kritik an, Haas, denkt &#8220;Uje, nichts!&#8221;, da sagt er dann &#8220;H\u00e4tten Sie mir doch gesagt, da\u00df sie schreiben k\u00f6nnen!&#8221;<br \/>\nSp\u00e4ter wird er noch Filmdrehb\u00fccher schreiben und Greta Garbo, er f\u00fcr die &#8220;Freudlose Gasse&#8221;, entdecken und dem gerade aufsteigenden Sternchen schreiben &#8220;Ich prophezeie Ihnen, da\u00df sie weltber\u00fchmt werden!&#8221;<br \/>\nEs kommt keine Antwort, sp\u00e4ter als man schon vor Hitler fl\u00fcchtet, erf\u00e4hrt er dann vom Sekret\u00e4r, da\u00df der den Brief weggeworfen wurde.<br \/>\nIn Berlin ist er aber schon als Jugendlicher mit seinen Eltern gewesen und dort auch in Kabarett gegangen, beziehungsweise taten das seine Eltern, die sich auch die Schlagertexte, die damals modern gewesen sind, kauften. Haas gibt ein paar Beispiele &#8220;Von der gl\u00fccklichen Berliner Zeit&#8221;: &#8220;Ich bin die Josephine von der Heilsarmee&#8221; oder &#8220;In der Luft, in der Luft liegt der Paprika, Steigt zum Himmel, Himmel, Himmel mit Hurrah!&#8221;, dann kommen zwei Texte \u00fcber seine &#8220;Theaterleidenschaft&#8221; beziehungsweise seine &#8220;Begegnungen mit Max Reinhardt&#8221;, den er schon als Knabe in Prag sah, dann seinen Aufstieg in Berlin, Wien, Salzburg erlebte und schlie\u00dflich davon berichtet, wie er in Amerika scheiterte.<br \/>\nEin Kapitel ist Brecht und seiner &#8220;Dreigroschenoper&#8221; gewidmet, den Haas, man glaubt es kaum, durch Hofmannsthal kennengelernt hat und der den beiden &#8220;unheimlich&#8221; war, weil der &#8220;das Profil eines Jesuiten, die Drahtbrille eines Oberlehrers, das kurzgeschnittene Haar eines Str\u00e4flings und die zerschli\u00dfene Lederjacke eines alten Parteibolschwiken&#8221; hatte, was Haas nicht gefiel.<br \/>\nEs kam dann am 31. Oktober 1928, ein Jahr bevor die Banken krachten, zur Urauff\u00fchrung der &#8220;Dreigroschenoper&#8221; und auch zu einem &#8220;Plagiatsskandal&#8221;, da Brecht einige Verse von Villon \u00fcbernommen hatte und auch zu zitieren vergessen hatte. Interessant die Parallelen. Die &#8220;Dreigroschenoper&#8221; wurde dann auch von G. W. Pabst verfilmt und Haas schreibt &#8220;glaube ich nicht, da\u00df der Film ganz an das Original heranreicht&#8221;.<br \/>\nIm n\u00e4chsten Kapitel geht es um &#8220;Schauspieler und Regisseure&#8221;, denn offenbar ist Haas dann auch Theaterkritiker geworden und hat die Inszenierungen aller Theatergr\u00f6\u00dfen der Neunzehnhundertzwanzigerjahre gesehen und bekrittelt. Interessant, da\u00df schon damals, wie ich es nennen m\u00f6chte, die Originale &#8220;vermurkst&#8221; wurden. Haas schreibt vom &#8220;Svejk&#8221; und da\u00df es passieren konnte, da\u00df man, wenn man im Altprag Stra\u00dfenbahn fuhr, die Kondukteure auf das Zwicken und die Passagiere auf das Aussteigen verga\u00dfen, weil der Schaffner so interessant vom &#8220;Svejk&#8221; erz\u00e4hlte. In Berlin inzenierte aber au\u00dfer Reinhardt auch Erwin Piscator und der lie\u00df in Schillers &#8220;R\u00e4uber&#8221; den Spiegelberg in der &#8220;Maske des (damals noch sehr m\u00e4chtigen) Leo Trotzki mit verbeulten, harten Melonenhut , in einem grauen, sch\u00e4bien Jacket&#8221; auftreten. Nun ja, nun ja, also auch keine Erfindung unserer Regisseure, aber \u00fcber das habe ich mich schon als junge Studentin , als ich noch ins Theater ging, ge\u00e4rgert. Der Theaterkritiker Haas tat das in Berlin der Neunzehnzwanzigerjahre sehr oft und hatte auch manchmal seine Eltern dabei, der Papa hat ihm ja bald, nach dem er sein Bankkonto gesehen hat, verziehen, da\u00df er nicht seine gutgehende Rechtsanwaltspraxis \u00fcbernommen hatte, die Mama war viel kritischer und hat erst gesagt &#8220;Du hast doch recht getan, da\u00df du nicht in Prag geblieben bist, mein Junge!&#8221;, als sie erlebte, da\u00df ihm die ber\u00fchmte Henny Porten w\u00e4hrend einer Premiere aus der Loge zuwinkte.<br \/>\nDann wird von der &#8220;Literarischen Welt&#8221; berichtet, der Zeitschrift die Haas zwischen 1925 und 1933 herausgegeben hat und in der Texte von Hofmannsthal aber auch von James Joyce, Marcel Proust, den damaligen Literaturgr\u00f6\u00dfen und man staune auch Berichte von Hedwig Courths-Mahler \u00fcber ihre Lehrerin Marlitt, die Haas sehr gesch\u00e4tzt hat, erschienen sind.<br \/>\nRainer oder Rene Maria Rilke hat er wegen seines &#8220;Adelsd\u00fcnkels&#8221; weniger gesch\u00e4tzt und als die Nazis kamen ging er nach Prag zur\u00fcck und von dort nach Indien, wo es sehr beeindruckende Beschreibungen von den Nasenringen der Frauen und den heiligen K\u00fchen gab und sich Haas in der Filmwelt bet\u00e4tigte. Des Klimas wegen kam er wieder nach Deutschland zur\u00fcck, wo er von den Kindern berichtete, die einen Hausbau f\u00fcr eine neue Ruine hielten und Alfred Kerrs Schlaganfall miterlebte.<br \/>\nEin sehr beeindruckendes Buch eines, wie ich meine, sehr selbstbewu\u00dften Mannes, das man um einen Eindruck vom literarischen Leben der ersten H\u00e4lfte des vorigen Jahrhunderts zu bekommen, lesen sollte, wenn man es noch bekommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Fund aus dem Wortschatz und ein wirkliches Gustost\u00fcckerl, n\u00e4mlich Willy Haas, 1957 geschriebene Erinnerungen &#8220;Die literarische Welt&#8221;. Willy Haas werden jetzt wahrscheinlich die meisten fragen, wer ist das? Keine Ahnung oder nie geh\u00f6rt! 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