{"id":18376,"date":"2012-12-18T00:07:32","date_gmt":"2012-12-17T23:07:32","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=18376"},"modified":"2012-12-18T00:07:32","modified_gmt":"2012-12-17T23:07:32","slug":"der-russe-ist-einer-der-birken-liebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=18376","title":{"rendered":"Der Russe ist einer, der Birken liebt"},"content":{"rendered":"<p>Nein, Olga Grjasnowas Erfolgsbuch, mit dem die 1984 in Baku geborene, die in am Leipziger Literaturinstitut studierte, auf die Longlist des letzten dBP kam und die mich in <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/18\/zuruck-aus-leipzig\/\">Leipzig<\/a> durch ihre  andere Art die Migrantenfrage zu betrachten, sehr beeindruckte, hat weder etwas mit Birken noch mit Russen zu tun, wie sie in <a href=\"http:\/\/buzzaldrins.wordpress.com\/2012\/11\/23\/olga-grjasnowa-las-in-bremen\/\">Interviews kundgibt<\/a>, obwohl es ja doch irgendwie, eine j\u00fcdisch russische Familie war, die aus Baku mit der kleinen Mascha nach Deutschland fl\u00fcchtete, das Zitat stammt aus Tschechows &#8220;Drei Schwestern&#8221; und, da\u00df die Russen Birken lieben, steht auch irgendwo im Buch, wenn Mascha schon nach Israel gekommen ist, &#8220;um sich h\u00e4ppchenweise zu verlieren und nie wieder aufzusammeln.&#8221;<br \/>\nSie ist aber mit ihren Eltern als kleines M\u00e4dchen nach Deutschland gefl\u00fcchtet und hat dort sehr schnell sehr viele Sprachen gelernt, arabisch, franz\u00f6sisch, hebr\u00e4isch nicht, obwohl sie ja aus einer j\u00fcdischen Familie kommt, hat sich mit einem ostdeutschen Jungen namens Elias, von ihr und ihrer Familie Elischa genannt, befreundet und vorher den in Beirut geborenen Sami und den T\u00fcrken Cem als Freunde gehabt.<br \/>\nMascha ist Dolmetscherin und das Buch beginnt vergleichweise harmlos mit einem Fr\u00fchst\u00fcck in der Wohnung von Elias und Mascha, das in einem heruntergekommenen Stadtteil liegt, in dem es nur Billigkaufh\u00e4user und riesige Pornokinos gibt.<br \/>\nElias, der Fotograf ist, geht dann Fu\u00dfballspielen und die Trag\u00f6die beginnt, denn im zweiten Kapitel ist Mascha schon im Krankenhaus. Elias hat sich das Bein gebrochen, mu\u00df operiert werden und stirbt schlie\u00dflich daran.<br \/>\nIn den ersten zwei Teilen des Romans in dem das passiert lernen wir Mascha, ihr Umfeld und das, was ihr passierte und noch passieren wird, kennen. Oder doch nicht ganz. Elias wollte immer von ihren Traumatisierungen wissen und warum sie erst nach der Wende nach Deutschland gekommen ist? Mascha erz\u00e4hlt nicht viel dar\u00fcber. Ihre Mutter ist Klavierlehrerin, ihr Vater wurde als Kosmonaut ausgebildet und doch nicht in den Weltraum geschickt und in Baku war es sehr schwierig mit den Asaibaidschanern und den Armeinern zu leben, als sie sich um Bergkarabach stritten.<br \/>\nElias hat vielleicht auch selbst Gewalt gelebt, sein Vater ist Alkoholiker und die Mutter kann die Wirtschaft nicht alleinlassen, um den Sohn im Krankenhaus zu besuchen, so da\u00df Mascha damit \u00fcberfordert ist, obwohl sie es sich nicht anmerken l\u00e4\u00dft und den \u00c4rzten, die die Zigaretten ihrer verstorbenen Patienten rauchen, klar erkl\u00e4rt, da\u00df sie sie nicht mit Vornamen anreden und auch nicht angreifen sollen. Als Mascha einen kleinen Hasen auf der Stra\u00dfe findet, geht sie einen Deal mit dem lieben Gott sein, sie wird ihn opfern und wirft einen Stein nach ihm, wenn Elias dadurch gerettet wird, der Hase stirbt. Elias auch, Gott ist nicht k\u00e4uflich, k\u00f6nnte man vielleicht sagen und sich auch \u00fcber Maschas Gewaltt\u00e4tigkeit wundern und sie unsympathisch finden. Mir hat diese Stelle auch nicht gefallen. Ich denke aber, da\u00df ein Mensch, der im Herkunftsland viel Gewalt erlebt, dann in Asylwerberheimen und unter lauter Emigranten aufw\u00e4chst, die alle ihre Gewaltschicksale haben und vielleicht untereinander verfeindet sind, gar nicht anders kann und da\u00df Olga Grjasnowa, das auf eine sehr rotzfreche Art schildert. Allerdings habe ich im <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/09\/22\/zwei-jahre-in-zwei-tagen\/\">Writersstudio<\/a> einmal geh\u00f6rt, da\u00df ein Roman dann gut wird, wenn man das Schlimmste das man erlebt hat, nimmt und dar\u00fcber schreibt und das hat mir schon damals nicht gefallen, weil die Literatur die dann herauskommt, zwar vielleicht Preise um Preise gewinnt, wir die Autoren vielleicht aber damit \u00fcberfordern und uns, wenn wir dann diese \u00fcbersteigerten Gewaltdarstellungen lesen, auch nichts Gutes, denn es ist ja schon das ganz normale Leben wahnsinnig genug und manchmal passieren auch gute Sache.<br \/>\nAber weiter in der Geschichte. Die Freunde Cem und Sami werden eingef\u00fchrt, Sami, in Beirut geboren, in Deutschland aufgewachsen, der ein Jahr lang auf sein Visum nach Amerika warten mu\u00df und Cem der T\u00fcrke, den man in seiner Schule gesagt hat, da\u00df Migrantenkinder nicht aufs Gymnasium sollen, weil ihre Eltern dadurch \u00fcberfordert werden und der jetzt trotzdem promovieren wird. Sie bieten Mascha Hilfestellung, als sie ins Krankenhaus kommt und ihr die \u00fcberforderten \u00c4rzte sagen, da\u00df Elias gestorben ist. Der Vater Horst will Elias Sachen haben und schreibt ihr Brief um Brief, da\u00df sie sie ihm bringen soll. Mascha kann sie aber nicht hergeben, weil dann klar ist, da\u00df Elias nicht mehr zur\u00fcckkommen wird.<br \/>\nTrotzdem ist sie kaltbl\u00fctig genug, mit ihrem Professor, den sie in der Krankenhausmensa trifft, ins Bett zu gehen und von ihm daf\u00fcr eine Stelle in Tel Aviv zu verlangen, wo sie im dritten Teil dann ankommt. Ihre Eltern sind damit nicht zufrieden, ist Mascha als Diplomdolmetscherin damit doch unterfordert, sol sie doch bei der UN dometschen, aber Mascha, die nicht Hebr\u00e4isch spricht will dorthin und wird von Elischa dabei begleitet und am Flughafen wird ihr von der Security gleich ihr Computer zerschossen, weil eine, die B\u00fccher im Gep\u00e4ck hat und Arabisch spricht, auff\u00e4llig ist.<br \/>\nIn Jerusalem wird sie von ihren Verwandten erwartet, die ihr von der Schoah erz\u00e4hlen und es ist schwierig in den Restaurants, wo man nicht arabisch sprechen darf. An ihrem Arbeitsplatz f\u00fchlt sie sich unterfordert, daf\u00fcr lernt sie das Geschwisterpaar Tal und Ori kennen, die auch keine regimetreuen Israelis sind. Mit der Feministin Tal geht sie ein Liebesverh\u00e4ltnis ein, die will sie auf Demonstrationen mitnehmen und bringt sie nach Ramallah, w\u00e4hrend Cem aus Sorge, um sie nach Israel kommt und mit Sami ihre Unterschrift f\u00e4lscht, damit sie in Wien das &#8220;United Nations Competative Examination for Russian Language Interpreters&#8221; machen kann.<br \/>\nMascha ist aber eine, die es sich nicht leicht macht, so steht sie schlie\u00dflich in Ramallah blutend auf der Stra\u00dfe, erlebt vielleicht das, was damals in Baku passierte, noch einmal mit, bekommt Panikatacke um Pannikattacke, erlebt Elischa in seiner Leichenstarre, f\u00fchlt sich an seinem Tod schuldig und ruft schlie\u00dflich Sami an, da\u00df er sie holen soll.<br \/>\n&#8220;H\u00f6her!&#8221; sagt Elischa. &#8220;Ja, genau so&#8221;<br \/>\nIch hake mich bei ihm unter, und wir gehen eine Weile nebeneinander her. Die Sonne ist schon fast untergegangen, aber es ist noch hell!&#8221;, sind die letzten Worte des Romans.<br \/>\nDann kommt eine Danksagung an Norbert Gstrein und andere ohne die das Buch nicht entstanden oder fertig geworden w\u00e4re, das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gef\u00f6rdert und von Literaturagentur Simon betreut wurde.<br \/>\nMir ist Mascha nicht unsympathisch und ich glaube auch, da\u00df all die Gewalt, die hier geschldert wurde, die auch die ist, die man in den Nachrichten t\u00e4glich h\u00f6ren kann und die man zum Gl\u00fcck meist verdr\u00e4ngen kann, durchaus realistisch ist.<br \/>\nWir leben damit und haben gelernt damit umzugehen. Es ist auch gut die Wirklichkeit zu kennen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Trotzdem denke ich, da\u00df wir die jungen Autorinnen viellecht \u00fcberfordern, wenn wir von ihnen immer mehr und immer Schrecklicheres verlangen. Das Buch hat seinen Platz auf der Longlist aber verdient und ist sicher als lesenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, Olga Grjasnowas Erfolgsbuch, mit dem die 1984 in Baku geborene, die in am Leipziger Literaturinstitut studierte, auf die Longlist des letzten dBP kam und die mich in Leipzig durch ihre andere Art die Migrantenfrage zu betrachten, sehr beeindruckte, hat &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=18376\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-18376","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18376","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18376"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18376\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18376"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18376"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18376"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}