{"id":18328,"date":"2012-12-16T00:17:58","date_gmt":"2012-12-15T23:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=18328"},"modified":"2012-12-16T00:17:58","modified_gmt":"2012-12-15T23:17:58","slug":"abzahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=18328","title":{"rendered":"Abz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p>Die 1979 geborene Tamta Melaschwili hat f\u00fcr ihren Debutroman &#8220;Abz\u00e4hlen&#8221;, 2011 den georgischen Literaturpreis Saba  bekommen und ich habe von dem Buch im Fr\u00fchling durch \u00d61 erfahren. Da wurde es in Ex Libris vorgestellt. In <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/18\/zuruck-aus-leipzig\/\">Leipzig<\/a> habe ich dann Tamta Melanschwili gesehen und das Buch auf meine Geburtstagsliste gesetzt. Auf der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/11\/26\/buch-wien-geschichten\/\">Buch-Wien<\/a> war Tamta Melaschwili auch prominent vertreten und die Geschichte der beiden dreizehnj\u00e4hrigen M\u00e4dchen Ninzo und Zknapi, die in der Kampfzone leben, dort, wo w\u00e4hrend des Krieges sich nur noch die Frauen, die Alten und die Kinder aufhalten ist auch sehr expressiv erz\u00e4hlt.<br \/>\nIm Nachwort erz\u00e4hlt die Autorin \u00fcber ihre Art des Schreibens. Sie hat als Kind ihre eigene Sprache erfunden und in dieser Gedichte geschrieben. Dann hat sie, weil im Krieg Papier und Bleistifte Mangelware, auf alten Schulheften geschrieben. War einige Zeit arbeitslos und ist 2008 nach Deutschland gekommen, da hat sie wieder zu schreiben begonnen, ein kreatives Wrting Seminar besucht und in Georgien  in einer leeren Wohnung den Roman geschrieben, in dem es nicht nur um Georgien, sonder \u00fcber das Leben im Krieg schlechthin geht.<br \/>\n&#8220;Den Rhythmus dieser Sprache habe ich jetzt in meine Texte auf Georgisch transportiert. Scheinbar habe ich sie doch nicht ganz vergessen&#8221;,  schreibt die Autorin und das Buch lebt wohl davon, von der flapsigen Expressivit\u00e4t der beiden M\u00e4dchen, die in der Konfliktzone leben und nicht hinausk\u00f6nnen.<br \/>\n&#8220;Sagt Ninzo, sage ich!&#8221;, hei\u00dft es hier ununderbrochen. Dann werden drei Tage dieser Pubertierenden erz\u00e4hlt, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, abwechselnd und nicht in dieser Reihenfolge, was das Verstehen gar nicht einfach macht.<br \/>\nAber Krieg ist wahrscheinlich auch nicht zu verstehen, schon gar nicht von zwei halben Kindern, die aber schon viel gesehen haben und noch viel sehen m\u00fcssen. Rotzfrech und lebenslustig sind sie auch, vor allem Ninzo mit dem gro\u00dfen Busen, die gerne zu demn Soldaten mit den blauen Augen auf die andere Seite geht, in H\u00e4user einbricht und sich die Sachen, die die Emmigranten dort, ohnehin nicht mehr brauchen holt und auch die blauen Kleider von Verstorbenen tr\u00e4gt.<br \/>\n&#8220;Ein f\u00fcr alle Mal; Sie sind weg! Und wei\u00dft du, warum? Das waren nicht so arme Hunde wie wir, die hatten Geld! Sie haben gezahlt und durften hier raus! Und ich? Und du? Wir krepieren hier, weil wir nicht so dicke \u00c4rsche haben wie die! Die werden leben, weiterleben, und ich Todgeweihte darf mir nicht einmal ihre Lumpen nehmen?&#8221;, sagt sie zu Zknapi, die sie davon abhalten will und weil Zknapi, was soviel wie Kleine bedeutet und ein Kosenamen ist, eine Mutter hat, die f\u00fcr ihren S\u00e4ugling keine Milch mehr hat, soll sie auch in die Apotheke einbrechen und das Milchpulver holen, weil nur sie durch die St\u00e4be kann.<br \/>\nNinzo hat eine Gro\u00dfmutter, die sie pflegen und versorgen mu\u00df, wof\u00fcr die M\u00e4dchen Spitzwegerich sammeln und die tr\u00e4umt nur von ihren verlorenen Sohn, wie auch das der Gro\u00dfvater tut, f\u00fcr den die M\u00e4dchen ein Totengebet abschreiben sollen und der ihnen daf\u00fcr alte Bobons gibt, die sie an andere Kinder weiterschenken.<br \/>\nKein Zweifel, die Halbw\u00fcchsigen in der Konfliktzone sind \u00fcberfordert und bekommen trotzdem ihre Monatsblutung, versuchen neugierige Jungens davon abzuhalten in den Graben zu gehen, wo ein Toter der anderen Seite liegt, der schon erb\u00e4rmlich stinkt, weil niemand da ist, der ihn vergr\u00e4bt und Zknapi bekommt von einem Mann die Liste der Gefallenen \u00fcberreicht, die sie \u00fcbergeben soll, aber nicht hineinsehen, ob vielleicht der Vater auf der Liste steht? Da sitzt sie dann hinter dem Baum mit dem Umschlag und beginnt abzuz\u00e4hlen, ob sie \u00f6ffnen oder zulassen soll?<br \/>\nDie beiden M\u00e4dchen bekommen auch ein Angebot von dem Burschen, der sich doch  bereit erkl\u00e4rt, den Toten zu vergraben, sie sollen mit einem Korb Pilze getarnt Drogen schmuggeln. Als sie erwischt werden, markiert Ninzo einen epileptischen Anfall und als eines der Kinder sie Schlampe nennt, weil sie bei dem Wachposten der anderen Seite gesehen wurde, bekommt Zknapi so eine Wut, da\u00df sie es fast erschl\u00e4gt, w\u00e4hrend ihre Mutter nicht mehr weiterleben will, weil sowieso alles sinnlos ist.<br \/>\nAm Ende steht Ninzo unbeweglich in der Kampfzone mit ihren gro\u00dfen Busen und die Soldaten haben alle M\u00fche und wissen nicht, wie sie sie von dort wegbringen sollen?<br \/>\nWirklich sehr beeindruckend der Debutroman, auf etwas mehr als hundert Seiten wird hier, die Not, das Elend und die \u00dcberforderung der rotzfrechen Dreizehnj\u00e4hrigen, die es wirklich \u00fcberall geben kann, erz\u00e4hlt.<br \/>\n&#8220;Der jungen georgischen Erz\u00e4hlerin Tamta Melaschwili ist ein aufsehenserregendes Debut von emotionaler Wucht gelungen&#8221;, steht im Klappentext, dem ich mich nur anschlie\u00dfen und das Buch wirklich sehr empfehlen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1979 geborene Tamta Melaschwili hat f\u00fcr ihren Debutroman &#8220;Abz\u00e4hlen&#8221;, 2011 den georgischen Literaturpreis Saba bekommen und ich habe von dem Buch im Fr\u00fchling durch \u00d61 erfahren. 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