{"id":18293,"date":"2012-12-13T00:45:23","date_gmt":"2012-12-12T23:45:23","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=18293"},"modified":"2012-12-13T00:45:23","modified_gmt":"2012-12-12T23:45:23","slug":"ich-lebe-in-der-apokalypse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=18293","title":{"rendered":"Ich lebe in der Apokalypse"},"content":{"rendered":"<p>Ulrich Bechers Briefe, die er an seine Eltern zwischen 1917 und 1945 geschrieben hst, sind von seinem Sohn Martin Roda Becher, der 1944 in New York geboren wurde, im <a href=\"http:\/\/www.theodorkramer.at\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=9&amp;Itemid=9\">Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft<\/a> herausgegeben worden und ich habe mich gleich auf das Buch gest\u00fcrzt und es trotz \u00dcberf\u00fcllung noch schnell auf die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">2012 er Leseliste<\/a> gesetzt, ist es mir mit dem 1010 in Berlin geborenen und 1990 in Basel gestorbenen Schriftsteller doch sehr seltsam gegangen, beziehungsweise habe ich keine Ahnung von ihm gehabt, als ich Anfang der Neunzigerjahre in einer zur freien Entnahme-Kiste zwei aus der st\u00e4dtischen B\u00fccherei ausrangierte Becher B\u00fccher gefunden habe.<br \/>\nUlrich Becher wer ist das? Von einem Johannes R. Becher hatte ich geh\u00f6rt und auch die &#8220;Hungrige Stadt&#8221; in doppelter Ausgabe von meinen Eltern &#8220;vererbt&#8221; bekommen, von Ulrich Becher aber keine Ahnung und da es in den alten B\u00fcchern keine biographischen Hiweise gibt, war das Lesen des &#8220;Nachtgallenzyklus&#8221; auch etwas schwierig und ich habe es vorerst abgebrochen. Dann war ich 2005, glaube ich, zu Utes Geburtstag in Leipzig und bin bei Hugendubel \u00fcber die Abverkaufskiste und \u00fcber einen Aufbau-Verlagsbriefband aus aus F\u00fcnfzigerjahren und da auf Briefe von Ulrich Becher, die sich auch auf <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/09\/14\/kurz-nach-4\/\">&#8220;Kurz nach 4&#8221;<\/a> bezogen, gesto\u00dfen, so da\u00df ich das Buch als ich es 2010 gelesen und besprochen habe, mich auch daran erinnerte, da\u00df ich den &#8220;Bockerer&#8221; ja nicht nur im Kino, sondern einmal mit meiner Mutter und unserer Gartennachbarin im Volkstheater gesehen habe.<br \/>\nDie Besprechung hat den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/08\/28\/lesen-und-wandern-am-berg\/\">Arco-Verleger<\/a> wieder auf die Briefe aufmerksam gemacht, so da\u00df er mir die &#8220;Kurz nach 4&#8221; Neuausgabe auf der vorigen Buch-Wien \u00fcberreichte, wo ich weitere biographische Angaben fand, so da\u00df ich den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/22\/nachtigall-will-zum-vater-fliegen\/\">&#8220;Nachtgallenzyklus&#8221;<\/a> im Sommer gelesen und jetzt noch ein bi\u00dfchen mehr Hintergrundinformation \u00fcber einen langsam wiederentdeckten Dichter habe.<br \/>\nDa ist das Vorwort des Sohnes, der schreibt, da\u00df ihm sein Vater in seinen Briefen nie mehr als den Rat gegeben hat, doch einmal Matura zu machen, sehr interessant, hat Ulrich Becher oder Uli bzw. Uly wie er sich nannte, sehr viel und sehr oft an seine Eltern geschrieben und das in einer Zeit, wo es noch keine E-Mails gab.<br \/>\nDa\u00df das m\u00f6glich war und offensichtlich auch sehr viel praktiziert wurde, kann man in den Briefwechseln sehen und der erste in dem Buch enthaltenen Brief, stammt aus 1917, da war Uli gerade zehn und er schreibt dem Papa, da\u00df er Kriegsanleihe zeichnen soll.<br \/>\nWieder interessant, denkt man 2012 und beginnt vielleicht zu schmunzeln, dann wird Uli \u00e4lter und kommt nach Wickersdorf, was eine Art Waldorf- oder freie Schule gewese sein d\u00fcrfte. Dort hat er den sp\u00e4teren Verleger Peter Suhrkamp zum Lehrer, wird auf  Upton Sinclairs &#8220;Sumpf&#8221;, ein Buch das ich in meinen Regalen  habe, aufmerksam und schreibt den Eltern, da\u00df sie ihm alle B\u00fccher von ihm schicken sollen und meint, da\u00df man nach solcher Lekt\u00fcre ein Kommunist werden mu\u00df.<br \/>\nUli Becher scheint aber soetwas, wie ein Weltmann, Flaneur oder Reiseschriftsteller geworden sein, obwohl es einen langen Brief mit seinen Studienpl\u00e4nen gibt. Sein Vater war Rechtsanwalt, einen j\u00fcngeren Bruder namens Rolf, der sein Studium abschlo\u00df und Chemiker wurde, gab es auch.<br \/>\nUli Becher hat die Roda Roda Tochter Dana geheiratet und ist mit ihr durch Europa gezogen, hat viel in der Schweiz, aber auch in Graz und Wien gelebt und mu\u00df, da man als Schriftsteller nicht viel verdient, die Eltern um Geld bitten. So da\u00df man immer wieder lesen kann, wie teuer die Zimmer waren und die Quartiere viel teuerer, als erwartet.<br \/>\nUli Becher scheint auch viel krank gewesen zu sein, da ich mir keine Ferndiagnosen leisten will, schreibe ich nichts von Hypochonder, die Pollenallergie und der Schnupfen scheinen ihn aber sehr geplagt zu haben. So kann man in einem der Briefe lesen, da\u00df er seine Mutter zu einem Arzt in Z\u00fcrich schickt und ihm ausrichten l\u00e4\u00dft, da\u00df die Salbe, die er diesmal verschrieben hat, nicht so heilsam, wie die letzte war. Hat in ihr vielleicht das Cocain gefehlt?<br \/>\nUli Becher scheint auch sehr tierliebend gewesen zu sein und hat seinen Hund auf seine Odysseen mitgenommen. Der war sehr verzogen und folgte nicht, so gab es einen Klaps vom Herrli und einen Aufstand auf der Stra\u00dfe, wo Becher der Tierqu\u00e4lerei bezichtigt wurde und die Polizei holen mu\u00dfte.<br \/>\nSp\u00e4ter ist aus dem Herumflanieren dann das Fl\u00fcchtlingsschicksal geworden. Becher kam aus dem besetzten Wien gerade noch heraus und hatte Schwierigkeiten mit einem Herrn, der sich als Baron ausgab. Laut Becher aber kein solcher war, so da\u00df er ihn als galizischen Juden beschimpft haben soll. Becher rechtfertigt sich vor seinem Vater ausf\u00fchrlich dar\u00fcber und gibt auch Prognosen ab, wie lange der Krieg dauern wird.<br \/>\nDa er ihn 1940 f\u00fcr beendet h\u00e4lt, hat er sich sehr geirrt und Wien, das ist auch sehr interessant, wird als f\u00fcrchterliche Stadt beschrieben.<br \/>\nDem w\u00fcrde ich nicht so zustimmen, aber von innen sieht man es anders und ich kann es auch erst ab 1953 beurteilen.<br \/>\nIn den vierziger Jahren sind die Bechers zuerst nach Brasilien, dann nach New York ausgewandert.<br \/>\nHier wurde ja auch der Nachtigallenzyklus geschrieben und sehr interessant sind auch die Stellen, wo Becher \u00fcber die vielen Emigranten schreibt. In Wien hat er Torberg kennengelernt, mit Zuckmayer war er befreundet und in seinen New Yorker Briefen mokiert er sich dar\u00fcber, da\u00df Oskar Maria Graf seine B\u00fccher in einem Selbstverlag herausgegeben haben soll, weil in New York der europ\u00e4ische Ruhm nichts z\u00e4hlt.<br \/>\nIhm scheint dann fast dasselbe Schicksal gedroht zu haben. 1945 war der Spuk aber zu Ende. Vorher wurde noch sein Sohn geboren und obwohl Becher  einmal geschrieben hat, nicht nach Europa zur\u00fcckzukehren, hat er das doch getan und ist in der Schweiz gestorben.<br \/>\nDie Briefe enden 1945, denn da konnten die Eltern auch nach New York kommen und ich habe es sehr interessant gefunden, von den Alltagssorgen eines mir einmal v\u00f6llig unbekannten Schriftstellers erfahren zu haben.<br \/>\nMan mag sich ja die Frage stellen, wie weit solche Briefe f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt sind? Martin Roda Becher tut das in seinem Vorwort auch und meint, da\u00df sie schon daf\u00fcr geschrieben wurden, weil man ab einen bestimmten Bekanntheitsgrad mit der sp\u00e4teren Ver\u00f6ffentlichung rechnen mu\u00df. Eine Alternative w\u00e4re das Verbrennen. Aber heutzutage ist sowieso alles anders, da es durch das Internet kaum noch Originale gibt und die E-Mails druckt man sich wahrscheinlich nicht aus, so da\u00df diese Briefwechseln vielleicht bald der Vergangenheit angeh\u00f6ren werden, was die historisch Interessierte nat\u00fcrlich schade findet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Bechers Briefe, die er an seine Eltern zwischen 1917 und 1945 geschrieben hst, sind von seinem Sohn Martin Roda Becher, der 1944 in New York geboren wurde, im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft herausgegeben worden und ich habe mich &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=18293\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-18293","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18293","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18293"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18293\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}