{"id":17203,"date":"2012-10-16T00:03:06","date_gmt":"2012-10-15T22:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=17203"},"modified":"2012-10-16T00:03:06","modified_gmt":"2012-10-15T22:03:06","slug":"grundbuch-jean-amery","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=17203","title":{"rendered":"Jean Amery bei den Grundb\u00fcchern"},"content":{"rendered":"<p>Man erlebt immer wieder seine \u00dcberraschungen, obwohl ich ja eine sehr abgebr\u00fchte Literaturveranstaltungsbesucherin bin und eigentlich der Meinung, das in der Alten Schmiede vorgebrachte, kann mich weder umhauen, noch besonders stark ber\u00fchren und da wurde von Kurt Neumann vor einigen Jahren die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/10\/20\/grundbuch-wand\/\">Reihe<\/a> <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/03\/29\/grundbuch-die-tante-jolesch\/\">Grundb\u00fccher <\/a>der \u00f6sterreichischen Literatur nach 1945 ins Leben gerufen mit j\u00e4hrlich vier bis f\u00fcnf Veranstaltungen, die f\u00fcnfundvierzigste war Jean Amery gewidmet, der vor ziemlich genau hundert Jahren in Wien als Hans Chaim Mayer auf die Welt gekommen ist und sich am siebzehnten Oktober 1978 in Salzburg das Leben nahm. Schriftsteller und Philosoph ist er gewesen und ich kenne seinen Namen, seit den sp\u00e4ten Achtzigerjahren, als ich gemeinsam mit Margot Koller die &#8220;Selbstmordanthologie&#8221;- der GAV herausgegeben habe und dazu hatte er ja seine Thesen.<br \/>\nEin bekannter Name, aber nie etwas gelesen, nur vor kurzem <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/11\/sie-sprechen-mit-jean-amery-was-kann-ich-fur-sie-tun\/\">Kurto Wendts Arbeitsamtsatire<\/a>, die sich darauf bezieht und jetzt ist er in der Grundbuchreihe, also ging ich hin, ohne mir besonders viel zu erwarten.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/19\/schwestern-der-angst\/\">Lydia Mischkulnig<\/a>, die ich ja vor zwei Wochen, beim <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/10\/04\/gesellschaftliches-volksstuck-von-franzobel\/\">jungen Hitler<\/a> traf und die mich durch ihre sehr speziellen Fragen beeindruckte, hielt die kommentierte Lesung. Bei den Grundb\u00fcchern wird ja immer ein Gegenwartsautor gebeten aus dem Buch zu lesen und dann kommt ein Wissenschaftler und sagt dazu seine Meinung. Kurt Neumann leitete ein, Margot Koller, die schon zur GAV-GV nach Wien gekommen ist, habe ich getroffen und vorher habe ich mir die B\u00fccher am B\u00fcchertisch angeschaut, denn wie erw\u00e4hnt, ich hatte noch nichts gelesen. Es gab eine mehrb\u00e4ndige Werkausgabe und das 1966 erschienene &#8220;Jenseits von Schuld und S\u00fchne-Bew\u00e4ltigungsversuch eines \u00dcberw\u00e4ltigten&#8221;, war das Grundbuch das besprochen wurde und mit dem er, der sich nach dem Holocaust Jean Amery nannte, im deutschsprachigen Raum bekannt wurde. Das Buch enth\u00e4lt f\u00fcnf Essays und Lydia Mischkulnig, die von Kurt Neumann als eine profunde Jean Amery Kennerin vorgestellt wurde, las zuerst einen kurzen Einleitungstext und dann aus dem dicken Buch, das mit &#8220;Den Grenzen des Geistes&#8221; beginnt und da hat es angefangen mich zu packen, denn soetwas habe ich, die ich mich ja schon sehr viel mit dem Holocaust und seiner Literatur befasst habe, noch nicht geh\u00f6rt. Stimmt nicht ganz, Victor Klemperers Tageb\u00fccher sind \u00e4hnlich beeindruckend.<br \/>\nDa kommt ein j\u00fcdischer Intellektueller nach Auschwitz und beginnt zwanzig Jahre sp\u00e4ter dar\u00fcber zu schreiben und spricht dar\u00fcber, wie es einem als j\u00fcdischer Intellektueller dort ging, wenn man als Arzt, wie Viktor Frankl Erdarbeiten machen und \u00dcberlebensstrategien entwickeln mu\u00df, damit einem die polnischen Gauner, die einem da ja darin \u00fcber sind, nicht die Schn\u00fcrsenkel stehlen, schreibt von seiner Entwurzelung und Einsamkeit, als religionsloser j\u00fcdischer Intellektueller und beginnt im zweiten Essay \u00fcber &#8220;Die Folter&#8221; zu schreiben, die er chronologisch vorher erlebte, als er als Widerstandsk\u00e4mpfer 1943 verhaftet wurde und dann nach Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen kam.<br \/>\nDer mittlere Essay hei\u00dft &#8220;Wieviel Heimat braucht der Mensch&#8221;, der vierte handelt, glaube ich, von den &#8220;Ressentements&#8221;, wie das Buch auch hei\u00dfen sollte. Der Verlag hats nicht zugelassen und der f\u00fcnfte &#8220;Vom Zwang und Ungl\u00fcck Jude zu sein&#8221;, da beschreibt er auch, wie er 1935 in einem Wiener Cafehaus in der Zeitung von den N\u00fcrnberger Prozessen gelesen hat und das in diesem Moment begriff.<br \/>\nLydia Mischkulnig beeilte sich sehr m\u00f6glichst viel vorzulesen, verhaspelte sich dabei und war auch sichtlich ber\u00fchrt. Dann kam Gerhard Scheit, der den Band auch mitherausgegeben hat und erz\u00e4hlte etwas von seiner Entstehungsgeschichte, n\u00e4mlich, da\u00df der Text \u00fcber die Folter heute noch angegriffen wird, das Adorno aber schon in den Sechzigerjahren seinen Studenten das Lesen desselben empfohlen hat, da\u00df sich Amery, der nach dem Krieg in Belgien lebte, mit Satre auseinandersetzte und in den Sechzigerjahren  Helmut Heissenb\u00fcttel seine Texte angeboten hat, der sie im Rundfunk ver\u00f6ffentlichte, wovon er dann \u00fcberlebte.<br \/>\nIn der Diskussion meinte Kurt Neumann, da\u00df der vom Verlag gew\u00e4hlte Titel besser gewesen w\u00e4re, w\u00e4hrend er Amery wahrscheinlich zu aufdringlich erschien und meinte auch, da\u00df das Gro\u00dfartige nicht nur das pers\u00f6nlich Erlebte w\u00e4re, denn das h\u00e4tte Primo Levi beispielsweise auch getan, sondern die Verkn\u00fcpfung mit der Gegenwart und Lydia Mischkulnig meinte, das Ber\u00fchrende w\u00e4re die klare scharfe Sprache, mit der der Intellektuelle um Fassung ringt und mich haben wohl die psychologischen Komponenten am meisten  beeindruckt, konnte ich mir so doch eine sehr klare Vorstellung machen, wie es damals gewesen ist und so denke ich, wirklich sehr wichtig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man erlebt immer wieder seine \u00dcberraschungen, obwohl ich ja eine sehr abgebr\u00fchte Literaturveranstaltungsbesucherin bin und eigentlich der Meinung, das in der Alten Schmiede vorgebrachte, kann mich weder umhauen, noch besonders stark ber\u00fchren und da wurde von Kurt Neumann vor einigen &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=17203\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-17203","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17203"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17203\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}