{"id":17183,"date":"2012-10-21T00:01:51","date_gmt":"2012-10-20T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=17183"},"modified":"2012-10-21T00:01:51","modified_gmt":"2012-10-20T22:01:51","slug":"planet-wermut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=17183","title":{"rendered":"Planet Wermut"},"content":{"rendered":"<p>Die Fu\u00dfballeuropameisterschaft, die zumindestens von mir schon fast vergessen wurde, hat in Fr\u00fchling ein gr\u00f6\u00dferes Interesse an der Ukrainie wachgerufen, so da\u00df es in <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/18\/zuruck-aus-leipzig\/\">Leipzig<\/a> und auch in Wien einen Schwerpunkt an der Literatur dieses Landes gab und einige diesbez\u00fcgliche Publikationen, wie zum Beispiel den bei Droschl erschienenen Essayband &#8220;Planet Wermut&#8221;, der 1960 geborenen in Kiew lebendenden Oksana Sabuschko, die daraus nicht nur in Leipzig, sondern auch ein paar Tage sp\u00e4ter in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/21\/oksana-sabuschko-und-martin-pollack-in-der-hauptbucherei\/\">Hauptb\u00fccherei<\/a> las, wo mir Alfred das Buch kaufte und wir in kleiner Runde  auch noch in dem Cafe oben auf dem Dach zusammengesessen sind.<br \/>\nDa es eine Verbindung zu Kulturkontakt zu geben scheint, sind Oksana Sabuschko, <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/20\/der-wahrhaftige-volkskontrolleur\/\">Andrej Kurkov<\/a> und <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/08\/staatspreis-fur-literaturkritik-und-jury-andruchowytsch\/\">Juri Andruchowitsch <\/a>\u00f6fter in Wien zu h\u00f6ren und ich habe, glaube ich, Oksana Sabuschko schon einmal in der Hauptb\u00fccherei geh\u00f6rt, als sie dort die &#8220;Feldstudien zum ukrainischen Sex&#8221; vorstellte.<br \/>\nPlanet Wermut, eine Anspielung auf Tschernobyl, da Tschernobyl im Buch Cornobyl geschrieben, auf Ukrainisch Wermut hei\u00dft, ist der Titel der Essaysammlung, die au\u00dfer der Titelgeschichte noch drei andere Texte enth\u00e4lt, die das ukrainische Problem beschreiben, das wie dem Klappentext zu entnehmen ist, uns alle angeht.<br \/>\nDer erste Text &#8220;Zimmer 101 oder Die Suche nach dem Ausgang&#8221;, beginnt mit einem Orwell Zitat aus &#8220;1984&#8221; und einem von Lewis Carroll aus &#8220;Alice im Wunderland&#8221; und das &#8220;Zimmer 101&#8221;, wahrscheinlich eine Anspielung  aus &#8220;1984&#8221;, der Ort, in dem, in dem Roman das B\u00f6se passiert. Oksana Sabuschko verbindet damit die ukrainische Situation und stellt die Frage, wie man mit den Leuten umgeht, die seine Eltern, Freunde, etc, ins Lager f\u00fchrten oder verh\u00f6rten und dann Jahre auf einen zukommen und mit einem freundschaftlichen verkehren wollen. Die Hungerskatastrophe unter Stalin 1933, bei der sehr viele Ukrainer verhungerten, wird thematsiert und dann der Bogen in die Gegenwart an Hand der chinesischen Schuhe, die die Autorin, kaufte, weil sie so billig sind, aber nat\u00fcrlich von H\u00e4ftlingen in Lagern fabriziert wurden, 1933 war das bei den Sowets ebenso.<br \/>\nAus dem zweiten Essay &#8220;Planet Wermut&#8221; hat Oksana Sabuschko schon in der Hauptb\u00fccherei gelesen, er beginnt mit dem 26. April 1986 in Kiew, als die Autorin pl\u00f6tzlich Schnee auf ihrer Bluse hatte und den Himmel, ohne etwas von der Katastrophe zu ahnen, als sehr sch\u00f6n empfand, die fand man erst sp\u00e4ter heraus, so da\u00df die Schulkinder am bald herannahenden ersten Mai noch immer zur Parade gezwungen wurde, inzwischen hat sich ein damals daf\u00fcr Verantwortlicher umgebracht, w\u00e4hrend man etwas sp\u00e4ter schon die M\u00fctter mit ihren Kinderw\u00e4gen auf den Stra\u00dfen unwillig musterte und sich selber vor der Verstrahlung, Geigenz\u00e4hler gab es nicht zu kaufen, durch Haarewaschen und Schuhabputzen sch\u00fctzte.<br \/>\nDer \u00fcber sechzig Seiten gehende Essay bringt Vergleiche mit Filmen von Lars van Trier, Oleksadr Dovzenko und Andrej Tarkovskij, wobei die beiden letzteren wieder in die Drei\u00dfigerjahre und in die Stalinzeit zur\u00fcckgehen und f\u00fcr jemanden, der sich mit der ukrainischen Geschichte und den sowetischen Filmen nicht so auskennt, nicht leicht zu verstehen ist.<br \/>\nIm dritten Text &#8220;Das letzte Tor&#8221;, geht es dann zum Fu\u00dfball und der, laut <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/10\/03\/erzahltes-und-reflektiertes\/\">Marianne Gruber<\/a> so wichtigen Angelegenheit, da\u00df es klar ist, da\u00df  zu Ludwig Lahers Lesung nur wenige Leute kommen und es gibt ja auch tats\u00e4chlich mehrere Fu\u00dfballfans unter den Autoren und Germanisten, die dann auch B\u00fccher dar\u00fcber schreiben.<br \/>\nIn der Ukraine scheint das \u00e4hnlich zu sein und Oksana Sabuschko zieht auch den Zusammenhang zum Nationalismus, zitiert das Freundschaftsspiel zwischen \u00d6sterreich und Ukraine am 15. November 2011. Wer hat gewonnen? Die Ukrainie wahrscheinlich, sonst w\u00fcrde Sabuschko ihren Text wahrscheinlich nicht damit beginnen. Zitiert Schlachtrufe &#8220;Es lebe die Ukraine, Die Helden leben hoch!&#8221; und kommt damit zur orangenen Revolution von 2004, die ich ja ein bi\u00dfchen miterleben konnte, auch weil mir Stefan Teichgr\u00e4ber damals \u00f6fter Unterschriftaktionen und Namenslisten schickte.<br \/>\n2006 war Oksana Sabuschko w\u00e4hrend der Fu\u00dfball-WM  auf einem Literatur-Festival in Ulm und konnte in der Nacht nicht schlafen, weil die Deutschen ihren Sieg feierten, allerdings scheinen die sich Vergangenheitsbedingt ihrer Siegesrufe von wegen &#8220;Wollt ihr den totalen Krieg?&#8221;, ein wenig zu genieren. Der Zusammenhang zwischen Fu\u00dfball und Nationalismus ist ja sehr interessant, warum man deshalb in K\u00e4mpfe und Kriege ausbricht, verstehe ich auch nicht so ganz, scheint aber so zu sein.<br \/>\nDann gehts in &#8220;Als Frau und Schriftstellerin in einer Kolonialkultur&#8221;,  in die ukrainische Literaturgeschichte und wird wieder etwas schwierig, denn Oksana Sabuschko ist ja &#8220;Mit ihren Feldstudien&#8221; ber\u00fchmt geworden, so weit komme ich noch mit, dann gabs aber eine Zeitschrift in der ukrainischen Diaspora in Argentinien, die \u00fcber sie einen Artikel mit der \u00dcberschrift schrieb &#8220;Haben wir eine vierte Lesja?&#8221;<br \/>\nSabuschko schnappte die \u00dcberschrift, trug sie zu ihren m\u00e4nnlichen Kollegen und fragte, wer sind die anderen zwei? und die antworteten, weil sie ja in derselben Schule sozialisiert wurden, alle &#8220;Lina Kostenko und Olena Teliha!&#8221;<br \/>\nIch mu\u00df gestehen, von allen drein noch nie etwas geh\u00f6rt zu haben, offenbar lernen wir in unseren Schulen nicht viel \u00fcber die ukrainische Nationalliteratur. Oksana Sabuschko f\u00fchrt das aber ein bi\u00dfchen aus und gibt auch ein paar Textbeispiele und der Inhalt ihres Artikels ist der, da\u00df die Frauen nach den Siegen als erstes von den M\u00e4nnern vergewaltigt werden, \u00fcberall, nicht nur in der Ukraine, als Unterwerfungsgeste und, da\u00df die sowetische Regierung ihren B\u00fcrgern durch die Mehrraumpolitik, die Lust am Sex und an der Fortpflanzung austrieb und sich die Frauen f\u00fcr das, was sie machen, sch\u00e4men und sich als schlecht und als Untermenschen bezeichnen.<br \/>\nInteressant, der Essayband, weil man viel \u00fcber die Ukraine, f\u00fcr die mich ja sehr interessiere und auch schon einiges gelesen habe, erf\u00e4hrt, obwohl mir die Romanform wahrscheinlich lieber ist und mir manches in dem Buch auch sehr theoretisch erschien, so da\u00df ich nicht alles verstanden habe, was wieder ein Indiz daf\u00fcr ist, da\u00df man sich mehr f\u00fcr die Literatur und das Leben der anderen interessieren sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fu\u00dfballeuropameisterschaft, die zumindestens von mir schon fast vergessen wurde, hat in Fr\u00fchling ein gr\u00f6\u00dferes Interesse an der Ukrainie wachgerufen, so da\u00df es in Leipzig und auch in Wien einen Schwerpunkt an der Literatur dieses Landes gab und einige diesbez\u00fcgliche &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=17183\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-17183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17183"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17183\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}