{"id":16564,"date":"2012-09-21T00:16:54","date_gmt":"2012-09-20T22:16:54","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=16564"},"modified":"2012-09-21T00:16:54","modified_gmt":"2012-09-20T22:16:54","slug":"taubenflug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=16564","title":{"rendered":"Taubenflug"},"content":{"rendered":"<p>In Zdenka Beckers 2009 bei Picus erschienenen Roman &#8220;Taubenflug&#8221;, der, wie im Klappentext steht &#8220;Geschichte einer Kindheit und Jugend in der Tschechoslowakei der f\u00fcnfziger und sechziger Jahren werden viele Probleme angerissen und in einer Rahmenhandlung zusammengef\u00fchrt. So beginnt es in der Gegenwart, die Ich-Erz\u00e4hlerin Silvia, genannt Columbina, trifft beim Bebr\u00e4bnis einer Freundin ihrer Mutter, auf einem Bratislava Friedhof, ihren Jugendfreund Daniel wieder, den sie sechsunddrei\u00dfig Jahre nicht gesehen hat.<br \/>\nAn dem Tag wird nicht nur Tereza Polakova begraben, sondern auch die Urne ihres Sohnes Gregors beigesetzt und Silvia ist von Wien, wo sie als Taubenforscherin lebt, nach Bratislava gekommen und erinnert sich, an ihre Jugend, in einem slowakischen Dorf, das es nicht mehr gibt, weil es eingeschliffen wurde, um die Stadt Bratislava zu erweitern. Silvia ist dort bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, der Vater ist an den Asbestfolgen als Arbeiter einer Chemiefabrik gestorben, so da\u00df die Mutter sich als Schneiderin ihr Leben verdiente und es gab einen Garten, der ihr gemeinsam mit Tereza Polakova geh\u00f6rte, der Mutter Daniel und Gregors, die beide Silvias Jugendfreunde waren. Um diesen Garten zu bekommen, sollte Siliva Gregor heiraten, so w\u00fcnschte es sich die Mutter. Silvia f\u00fchlte sich aber mehr Daniel hingezogen, der sich f\u00fcr Tauben interessierte und sie zu z\u00fcchten begann. In dem Dorf gab es auch eine Kirche und einen jungen Pfarrer, Herrn Matus, der sich ebenfalls Tauben hielt, in Jeans und Zivilkleidung durch das Dorf ging und eine besondere Beziehung zu seinen Ministranten hatte. Besonders Gregor schien ihn oft zu besuchen, w\u00e4hrend sich Daniel mehr f\u00fcr die Tauben interessierte und als er einmal von Herrn Matus in seinem roten Skoda in die Stadt migenommen wurde, kommt er emp\u00f6rt zur\u00fcck, nennt den Pfarrer &#8220;Perversling&#8221; und spricht von einer unanst\u00e4ndigen Ber\u00fchrung. Im Dorf wird ihm nicht geglaubt, der Pfarrer besticht ihn mit Tauben und Gregor freundet sich irgendwann mit Silvias Freundin Veronika an.<br \/>\nDas geht bis in das Jahr 1968, da sind Daniel und Silvia siebzehn und stehen vor der Matura. Daniel begleitet Herrn Matus nach Ungarn zu einem Taubenwettbewerb und kommt nach dem Einmarsch der Russen nicht mehr zur\u00fcck. Silvia und Veronika fl\u00fcchten nach der Matura nach Wien, Veronika kehrt aber nach Bratislava zur\u00fcck, um Gregor zu heiraten, w\u00e4hrend Silvia Entologie studiert und ihre Diplomarbeit oder Dissertation \u00fcber Tauben schreibt.<br \/>\nNach dem Begr\u00e4bnis ihrer Mutter, die ein paar Wochen vor Tereza Polakova an einem Schlaganfall stirbt, findet sie in ihrer Wohnung, ein B\u00fcndel Briefe, die ihr Daniel nach seiner Flucht geschrieben hat, er ist zuerst auch nach \u00d6sterreich gegangen, dann nach Amerika und bittet Silvia immer wieder sich zu melden, die Mutter hat aber die Briefe unterschlagen, weil sie sich mit Tereza wegen diesem Garten zerstritten hat und ihrer Tochter ihre Jugendliebe nicht g\u00f6nnen wollte.<br \/>\nDen Garten gibt es aber l\u00e4ngst nicht mehr, wurden die beiden Frauen ja in eine Bratislava Plattensiedlung \u00fcbersiedelt und Silvia reist Daniels Spuren nach ohne es zu wissen, ist sie ja etwas sp\u00e4ter, als er in Traiskirchen und h\u00f6rt, als sie Amerika bereist, auch von seinen Taubenz\u00fcchtungen.<br \/>\nW\u00e4hrend sich in ihrer Heimat die samtene Revolution ereignet, sich die Slowakei von der Tschechei trennt und Gregor in die Politik einsteigt und eine gro\u00dfe Zukunft vor sich hat. So wird an seinem f\u00fcnfzigsten Geburtstag ein gro\u00dfes Fest in der Burg von Bratislava gefeiert, zu dem nur die Gr\u00f6\u00dfen von Politik und Wirtschaft Zutritt haben und Silvia den ORF und die Seitenblicke daf\u00fcr interessieren soll. Veronika hat f\u00fcr ihren Mann eine Ballonfahrt organisiert, die er aber nicht \u00fcberlebt, weil er an H\u00f6henangst leidet und au\u00dferdem ist auch einer von Pfarrers Matus Ministranten aufgetaucht, der diesen, offenbar war an den Ger\u00fcchten doch etwas daran, erschossen hat. Die Wohnungen der beiden M\u00fctter, die sie vom Staat nach der Umsiedlung bekommen haben und die gar nicht so luxuri\u00f6s geschildert werden, spielen auch eine Rolle. Nach der Wende kann man sie als Eigentumswohnungen kaufen und Veronika will sie f\u00fcr ihre T\u00f6chter haben, so soll Silvias Mutter eine bei sich anmelden, was die nicht will und Tereza will ihre Wohnung auch nicht an die Schwiegertochter weitergeben, weil sie sie f\u00fcr ihren verschwundenen Sohn aufbewahren will. Veronika, die als erfolgreiche Juristin geschildert wird, hat sich aber in den letzten Tagen ihres Lebens sehr, um Silvias Mutter gek\u00fcmmert, so da\u00df Silvia, als sie zu der Notarin geht, um die Verlassenschaft zu regeln, eine betrunkene und seltsam agierende Veronika vorfindet, die ihr ein nicht ganz g\u00fcltiges Testament unter die Nase h\u00e4lt, das sie als Wohnungserbin ausweist. Silvia geht daraufhin in die Kirche und trifft dort Daniel wieder, mit dem sie zuerst zu dem Begr\u00e4bnis geht und dann mit ihm nach Wien f\u00e4hrt.<br \/>\nEine etwas widerspr\u00fcchige Geschichte, in der sehr viele Themen, wie zum Beispiel, das des sexuellen Mi\u00dfbrauchs durch die Kirche angrissen werden. Interessant f\u00fcr mich, dachte ich doch, da\u00df die Religion bei den Tschechen und den Slowaken keine so gro\u00dfe Rolle spielte. Die Erbschaftsstreitigkeiten sind f\u00fcr mich auch nicht ganz nachvollziebar, die Kindheit in der sozialistischen Gesellschaft scheint mir dagegen sehr realistisch und vor allem erf\u00e4hrt man sehr viel \u00fcber Tauben und ihre Zucht in dem Buch. Das erscheint mir neben den historischen Ereignissen, der Flucht nach \u00d6sterreich, den Aufstieg in den Neoliberalismus, etc, das Interessanteste daran zu sein, w\u00e4hrend die Rahmenhandlung mit den geifernden Freundinnen und ihren kleineren oder gr\u00f6\u00dferen Bosheiten, zu dick aufgetragen und etwas kitschig wirkt.<br \/>\nEinen Fehler habe ich auch gefunden. Wenn Silvia 1974 ihr Studium abschlo\u00df, wird sie wahrscheinlich Frau Doktor und nicht Magistra geworden sein.<br \/>\n&#8220;Dies ist ein Roman und die Figuren darin entsprechen der Fantasie&#8221;, steht auf der letzten Seite. Ein  wichtiger Hinweis, weil man sonst Parallelen zu Zdenka Beckers Leben ziehen k\u00f6nnte, die 1951 in Eger geboren wurde, ihre Kindhheit in Bratislava verbrachte, dort studierte und als freiberufliche  \u00dcbersetzerin und Autorin in St. P\u00f6lten lebt.<br \/>\nIch kenne sie wahrscheinlich \u00fcber die Litges oder die IG Autoren, sehe sie manchmal in St. P\u00f6lten und habe auch mit ihr einen Text in der ersten \u00d6sterreich Antholgie, die Amrat Mehta auf Hindi herausgebracht hat. Sie hat damals den Kontakt mit dem \u00dcbersetzer aufgenommen, ihn nach St. P\u00f6lten und nach Wien gebracht, ist selbst in Indien gewesen, einige ihrer anderen Romane sind inzwischen auf Hindi erschienen. 2006 sind &#8220;Die T\u00f6chter der Roza Bukovska&#8221; bei Residenz erschienen. 2013 habe ich bei www.buecher.at gelesen, soll ein neuer Roman bei Deuticke herauskommen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zdenka Beckers 2009 bei Picus erschienenen Roman &#8220;Taubenflug&#8221;, der, wie im Klappentext steht &#8220;Geschichte einer Kindheit und Jugend in der Tschechoslowakei der f\u00fcnfziger und sechziger Jahren werden viele Probleme angerissen und in einer Rahmenhandlung zusammengef\u00fchrt. 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