{"id":16378,"date":"2012-09-12T10:17:19","date_gmt":"2012-09-12T08:17:19","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=16378"},"modified":"2012-09-12T10:17:19","modified_gmt":"2012-09-12T08:17:19","slug":"china-geheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=16378","title":{"rendered":"China geheim"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein wahres Gustost\u00fcckerl aus dem <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/21\/bucherschrank-geschichten\/\">offenen B\u00fccherschrank<\/a>, in dem man ja, ich schreibe es immer wieder, wahre Rarit\u00e4ten finden kann, n\u00e4mlich Egon Erwin Kischs &#8220;China geheim, erst erschienen 1933 und gleich auf den Scheiterhaufen der Nazis verbrannt, die Aufbau Ausgabe von 1950 mit einem Vorwort des Lektors oder Verlagsleiters Bodo Uhse, habe ich gelesen. Da war der rasende Reporter schon gestorben und Uhse schreibt, da\u00df er sich lebhaft vorstellen kann, wie sehr die Leser auf die Lekt\u00fcre warten. Dennoch will mit ein paar Worten erkl\u00e4ren, da\u00df, die Leser wissen es,  kurz nach der Ersterscheinung Anfang 1933 im Erich Rei\u00df Verlag, die braune Wende kam, Kisch wanderte ins Moabiter Unteruchungsgef\u00e4ngnis &#8220;China geheim&#8221; wurde eingestampft und nun k\u00f6nnen die DDR oder andere Leser Kisch Reportagen wieder lesen. Die Fr\u00fcchte jener Chinareise, die Kisch 1932 von Moskau aus unternahm und das Land hat sich seit dem Vorabend des Faschismus auch sehr ver\u00e4ndert, &#8220;hat doch der Sieg der chinesischen Volksarmee \u00fcber die Heere Tschiankaischeks und der Sieg Mao-Tse-Tungs \u00fcber die Dollarmillionen des Marschallplans inzwischen stattgefunden.&#8221;<br \/>\nWieso das Buch &#8220;China geheim&#8221; hei\u00dft, ist mir trotz der Vorgeschichte nicht ganz klar geworden, ist ja Kisch mit der Transib 1932 mit einem ganz offiziellen Visum nach China, in dem damals der B\u00fcrgerkrieg herrschte, eingereist, obwohl er, als er von den Chinesen kontrolliert wurde, seine Russischkenntnisse verschweigen mu\u00dfte, denn Kommunisten wurden damals in China mit dem Tod bedroht, zumindest hat man sich solche Geschichten in den Speisew\u00e4gen der Eisenbahnz\u00fcge erz\u00e4hlt. Es beginnt mit der Fahrt in der Transib, die sibirische K\u00e4lte wird geschildert, ohne Handschuhe darf man nichts anfassen und die Mitreisenden sind allesamt Kriegsberichterstatter, die sich nach den Rubelkursen erkundigen.<br \/>\nDann kommt Kisch, der, f\u00fcr mich auch nicht ganz verst\u00e4ndlich, in der &#8220;Wir&#8221; Form schreibt, hatte er einen Begleiter mit sich oder tat man das damals so wenn man berichterstattete, in dem f\u00fcr mich so fremden Land an, das vor fast achtzig Jahren, noch sehr viel anders war, als wir es heute kennen und er gibt in sehr scharfen Worten auch gleich einen sehr lebendigen Bericht von seinen Eindr\u00fccken, so da\u00df man sich das geheime China gut vorstellen kann und es wirklich zu empfehlen ist, 2012 einen Blick zu machen, wie es  vor dem Sieg der gro\u00dfen Revolution, die heute schon Geschichte ist, in China ausgesehen haben mag.<br \/>\nDie F\u00fc\u00dfe der alten Frauen waren noch verkr\u00fcppelt, Pearl S. Buck, die Nobelpreistr\u00e4gerin von 1938, hat diese Greueltaten der Frauenunterdr\u00fcckung  auch sehr anschaulich beschrieben und Kischs scharfer Blick deckt auch noch sehr vieles anderes auf, das uns gar nicht so fremd erscheint. Die Kinderarbeit zum Beispiel. Er kommt in zum Teil noch von  Engl\u00e4ndern betriebenen Seidenspinnereien, wo die Frauen ihre S\u00e4uglinge auf den Boden liegen haben, um sie besser stellen zu k\u00f6nnen und beschreibt solcherart die Karriere eines chinesischen Kindes, obwohl das Mitbringen der S\u00e4uglinge verboten war, aber die englischen Kolonialherren haben sich nicht darum gek\u00fcmmert.<br \/>\n&#8220;Der Begriff der Lebensl\u00e4nglichkeit ist hier w\u00f6rtlicher gefa\u00dft als in Strafgesetzb\u00fcchern: das Neugeborene liegt unter dem Webstuhl, Schwesterchen steht an der Spinnmaschine, Mutter arbeitet am Scherbaum, Gro\u00dfmutter n\u00e4ht die Ballen zusammen. so soll dein Leben ablaufen, Baby, nach dem Gesetz, nach dem du angetreten.&#8221;<br \/>\nMan sieht Kischs Ton ist ganz sch\u00f6n sarkastisch, er prangert manches an und wundert sich auch \u00fcber einiges, so zum Beispiel, da\u00df die zum Tod Verurteilten, erst hingerichtet werden, wenn sie von einem Missionar besucht wurden und zum katholischen Glauben \u00fcbergetreten sind. Er glaubte erst an einen Spa\u00df, den der Sergeant mit ihm machte, dann kam der &#8220;fa\u00dfdicke Priester im Kleinauto&#8221; aber wirklich an und waltete seines Amtes.<br \/>\nEin Kapitel ist den Rikscha-Kulis gewidmet, die sich vor einen Stuhl spannen und die reichen Ausl\u00e4nder durch Shanghai tragen, sie verdienen nicht sehr viel damit, sterben fr\u00fch und werden auch noch den Polizisten und den Kindern verpr\u00fcgelt und wenn einer der Ausl\u00e4nder einmal in Not kam, spannte er sich selber davor und konnte hoffen, so das Geld f\u00fcr die Schiffspassage zu bekommen, weil das seine Landsm\u00e4nner nicht sehen konnten. Aber Ausl\u00e4nder ist nicht Ausl\u00e4nder, die &#8220;russischen M\u00e4dchen&#8221; oder &#8220;Poluski gels&#8221;, wie sie von Chinesenjungen ausgerufen werden, m\u00fc\u00dfen sich als Prostituierte verdingen und in dem Land herrscht noch das kolonialisiertes Pidgin-Englisch. Kisch gibt uns gleich sehr anschauliche Proben  und erz\u00e4hlt von einem Herrn, der seinem neuen Boy befahl, das Fenster zu \u00f6ffnen &#8220;Aufi,Fenster, versteh?&#8221;<br \/>\n&#8220;Jawohl, mein Herr&#8221;,antwortete der Chinese, und f\u00fcgte in vollendetem Englisch hinzu: &#8220;Es w\u00e4re wirklich schade, die sch\u00f6ne Fr\u00fchlingslust nicht zu genie\u00dfen.&#8221; Daraufhin entlie\u00df der Kaufmann den Diener. Man w\u00fcnscht nicht, mit einem Kuli in der gleichen Sprache zu verkehren, in der man mit Gentlemen verkehrt.&#8221;<br \/>\nSoetwas habe ich schon bei Elias Canetti gelesen, als sich das Kinderfr\u00e4ulein pl\u00f6tzlich in die franz\u00f6sische Konversation einmischte.<br \/>\nPidgin, bedeutet die Verst\u00fcmmelung des Businessenglisch. &#8220;Kumscha&#8221; hei\u00dft Trinkgeld, &#8220;Savy&#8221; verstehen und dann wird die Lorelei zitiert:<br \/>\n&#8220;Oh my belong too muchy sorry<br \/>\nAnd then my no savy what kind<br \/>\nHave got one olo piecy story<br \/>\nNo wantchy go outsinde my mind<br \/>\nSavy? Wenn nicht, kannst du dir in jeder Buchhandlung die deutsche \u00dcbersetzung dieses Pidgin-Liedes kaufen, sie stammt von Heinrich Heine.&#8221;<br \/>\nEin Brief kommt vor, den ein Vater an seinem Sohn schreibt und der ihn, nachdem er einen Tempel besuchte vor allen S\u00fcnden warnt, werden in diesem doch sehr ausf\u00fchrlich an Holzfiguren die Folterungen dargestellt, die einen S\u00fcnder erwarten.<br \/>\nDer Vater war offenbar Souvenierh\u00e4ndler und die sind damals in China herumgereist und haben den Chiesen die alten Kunstgegenst\u00e4nde abgekauft, so da\u00df die Schattenspieler ausgestorben sind, weil sie keine Kost\u00fcme mehr hatten.<br \/>\nDer Kampf gegen die Kommunisten, der damals geherrscht hat, bis es ein paar Jahre sp\u00e4ter zum Sieg der Rotarmisten kam, wird am Beispiel der Stadt Nanking, die Kisch gar nicht langweilig findet, beschrieben und besonders interessant, Wien wird mit Peking verglichen und das soll Marx gesagt haben.<br \/>\n&#8220;Ein Wort von Karl Marx, das Wort, da\u00df \u00d6sterreich das deutsche China sei, will uns nicht aus dem Sinn, sooft wir uns im Gewirr der chinesischen Gassen verlieren. Da f\u00fchlen wir uns wahrhaftig, als w\u00e4ren wir im asiatischen \u00d6sterreich, in einem chinesischen Wien. Gaudium und Elend, ewiges Teehaus und Gesch\u00e4ftsgeist, Servilit\u00e4t und Strenge, Fremdenha\u00df und Fremdenindustrie wohnen hart an hart. Volk der Ph\u00e4aken. Immer ist Sonntag, auch wochentags. Immer ist Tag, auch bei Nacht.&#8221;<br \/>\nEnden tun die Reportagen bei dem sprachgewaltigen Kisch nat\u00fcrlich in einem Kasperlst\u00fcck. Da wird in einem Dachgarten eines Grand Hotel ein Kasperltheater aufgef\u00fchrt und der B\u00fchnenmeister f\u00fchrt dem Kasperl s\u00e4mtliche Prominente vor, die sich im Publikum befinden, das haupts\u00e4chlich aus der V\u00f6lkerbundkommission besteht, die &#8220;nichts als Spesen&#8221; macht. Dann kommen die Soldaten und schreien &#8220;Die Feinde m\u00fcssen sterben, wir m\u00fcssen leben. China h\u00f6re mich! Feinde \u00fcber dir, China Fremde \u00fcber dir. China.&#8221;<br \/>\n&#8220;Ich wollte gar nicht, da\u00df das St\u00fcck so ernst endet, ich kann nichts daf\u00fcr!&#8221;, sagt der B\u00fchnenmeister. &#8220;Ist es schon aus?&#8221;, fragt der Kasperl. &#8220;Hm, ich glaube nicht f\u00fcr immer!&#8221;, antwortet der B\u00fchnenmeister und Bodo Uhse freute sich 1950 nat\u00fcrlich \u00fcber den Sieg der Rotarmisten.<br \/>\nWieweit Kisch wieder aufgelegt wurde und noch zu haben ist, wei\u00df ich nicht genau. Wenn man bei Wikipedia nachsieht, findet man jedenfalls eine lange Werkliste.<br \/>\n&#8220;Das kriminalistische Reisebuch&#8221;, habe ich mir in den Neunzigerjahren von meinem Vater schenken lassen, das war glaube ich, genauso eine Neuauflage, wie, das Kriegstagebuch &#8220;Schreib das auf, Kisch&#8221;, das 1991 im Aufbau Verlag erschienen ist. Wie das Buch zu mir gekommen ist, wei\u00df ich gar nicht mehr, ich kann mich auch nicht an das Lesen erinnern. Es gibt aber ein Eselsohr und eine Visitenkarte von einem Gasthaus in Marbach an der Donau, vielleicht habe ich es  auf eine unserer Donauradtouren mitgenommen, die wir in den Neunzigerjahren mit der Anna manchmal machten.<br \/>\nUnd der B\u00fccherschrank macht es m\u00f6glich, Kisch in Originalausgaben zu lesen, so habe ich auch noch zwei B\u00fccher aus den Vierzigerjahren gefunden, die im Globus, dem \u00f6sterreichischen Aufbauverlag, wie man sagen k\u00f6nnte, erschienen sind.<br \/>\n&#8220;Entdeckungen in Mexiko&#8221; und &#8220;Marktplatz der Sensationen&#8221;.<br \/>\nDer rasende Reporter, der 1885 in Prag geboren ist und 1948 dort starb, ist aber auch in Amerika gewesen und hat noch \u00fcber sehr viel anderes berichtet und ich kann, wie schon geschrieben, die Lekt\u00fcre wirklich sehr empfehlen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein wahres Gustost\u00fcckerl aus dem offenen B\u00fccherschrank, in dem man ja, ich schreibe es immer wieder, wahre Rarit\u00e4ten finden kann, n\u00e4mlich Egon Erwin Kischs &#8220;China geheim, erst erschienen 1933 und gleich auf den Scheiterhaufen der Nazis verbrannt, die &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=16378\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-16378","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16378","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16378"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16378\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}