{"id":16294,"date":"2012-09-07T00:41:03","date_gmt":"2012-09-06T22:41:03","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=16294"},"modified":"2012-09-07T00:41:03","modified_gmt":"2012-09-06T22:41:03","slug":"wohin-denn-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=16294","title":{"rendered":"Wohin denn wir"},"content":{"rendered":"<p>Zum f\u00fcnfundsechszigsten Geburtstag des Schweizer Dichters J\u00fcrg Amann ist bei <a href=\"http:\/\/www.haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/buch&amp;titnr=764\">Haymon<\/a> ein Kurzroman erschienen, der wieder w\u00fcrde ich meinen, mehr eine Erz\u00e4hlung oder eine Novelle ist. Die Novellenform erscheint bei &#8220;Woin denn wir&#8221; wahrscheinlich angemessener, denn das Buch handelt von drei Friedrichen. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Christian Friedrich H\u00f6lderin, zwei ber\u00fchmte Philosophen und ein Dichter, die alle in Zeiten der franz\u00f6sischen Revolution im T\u00fcbinger Stift studiert haben und konsequent in den neununddrei\u00dfig sehr poetischen Kapitieln mit den Vornamen angeredet werden. Die Namensliste, um das who ist who zu verstehen, habe ich mir erst jetzt ergooglet, in der Badewanne ist das schwierig und dann gibt es noch eine Unterteilung. Ein Teil der Handlung spielt n\u00e4mlich in Berlin in den Neunzehnhundertachtundsechzigerjahren und da teilen drei Studenten eine Wohngemeinschaft, die sich Hegel, H\u00f6lderin und Schelling nennen oder vielleicht wirklich so hei\u00dfen. Abwechselnd wird von den einen und dann von den anderen erz\u00e4hlt und damit man das ein bi\u00dfchen besser versteht, tragen die Kapitel des achtzehnten Jahrhunderts r\u00f6mische, die des zwanzigsten normale Zahlen.<br \/>\nIm Klappentext steht etwas von den Idealen, die  die Drei in ihren Jahrhunderten hatten, beziehungsweise wird verglichen was daraus geworden. Von der franz\u00f6sischen zur Studentenrevolte also. Die ersten drei sind  ber\u00fchmte Personen, die wir zumindestens dem Namen nach, kennen, da die meisten Leute, die Belletristik lesen, wahrscheinlich nicht Philosophie studiert haben und vielleicht auch keine H\u00f6lderlin Experten sind, wird man sich beim Lesen vielleicht schwer tun oder dr\u00fcber lesen, beziehungsweise sich in die poetische Amann Sprache hineinfallen lassen. Aber auch das ist nicht ganz so leicht. Steht doch da am Ende &#8220;Der Autor dankt H\u00f6lderlin, Hegel und Schelling f\u00fcr ihre Leihgaben.&#8221; und da m\u00fc\u00dfte man die drei gelesen haben, um die zu erkennen.<br \/>\nWas nimmt sich also die 1953 geborene Vielleserin, die zumindestes das Studentenleben in Wien ab 1973 kennenlernte, mit?<br \/>\nDa sind drei, sp\u00e4ter ber\u00fchmt gewordene M\u00e4nner, die die franz\u00f6sische Revolution erlebten, gro\u00dfe Ideale hatten, die beiden Philosophen hatten sp\u00e4ter Professuren und B\u00fccher geschrieben, die ich nicht gelesen habe. H\u00f6lderlins Werke auch nicht, obwohl ich einmal so wahnsinnig war, \u00fcber H\u00f6lderlins Wahnsinn im Klub <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/05\/02\/klub-logischer-denker\/\">der logischen Denker<\/a> einen Vortrag halten zu wollen, weil ich mir ein diesbez\u00fcgliches Buch gekauft hatte.<br \/>\nDaraus ist nichts geworden. H\u00f6lderlin hat Jahre in einem Turm gelebt und seine Briefe mit <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/04\/20\/scardanelli\/\">Scardanelli<\/a> unterschrieben, viel mehr wei\u00df ich nicht von ihm auch nach der Lekt\u00fcre, der sehr poetischen Novelle, sage ich einmal, nicht. Oder, da\u00df der sich als Hauslehrer oder Hofmeister durchs Leben brachte, dabei seine Werke schrieb, wo die Kinder, die er unterrichtete und ihre M\u00fctter eine Rolle spielten. Zwei jungen M\u00e4dchen ist er vielleicht etwas zu nahe gekommen. Am Ende trennen sich die Freunde und eine Deutung des Buches ist ja, da\u00df Amann sehen wollte, was davon zweihundert Jahre sp\u00e4ter \u00fcberblieb? F\u00fcr mich sind das zwei komplett andere Schuhe. Die Berlin Kapitel sind aber dichter, mir vertrauter und ich kann das alles, wahrscheinlich weil ich selber einiges davon erlebte, gut nachvollziehen.<br \/>\nDa sind also drei junge M\u00e4nner ohne verwirrende Vornamenflut, ob sie wirklich Hegel, Schelling, oder H\u00f6lderlin hei\u00dfen oder sich nur nach ihren ber\u00fchmten Vorbildern so nennen, bleibt ausgespart, ich habe es jedenfalls nicht als Wiedergeburt gelesen, die kommen vom T\u00fcbinger Gymnasium nach Berlin in die Zeit der Studentenrevolte. H\u00f6lderin, Hegel, Schelling echt, wollten offenbar das Paradies in ihren Werken finden, die drei Achtundsechziger erleben eine Vorstellung eines amerikanischen Stra\u00dfentheaters &#8220;Paradise now&#8221; und noch so manch andereres Happening.<br \/>\n&#8220;Hair&#8221; und &#8220;Jesus Christ Superstar&#8221;, war ja damals auch in Mode, sie haschen und kiffen auch ein bi\u00dfchen uns versuchen sich dadurch in andere Bewu\u00dftseinszust\u00e4nde zu versetzten, vor allem suchen sie aber nach den Frauen und das haben, wie ich dem Buch entlesen habe, ihre Vorbilder auch getan. Zweimal drei junge M\u00e4nner, die sich dem weiblichen Geschlecht ann\u00e4hern wollen, im T\u00fcbinger Stift des achtzehnten Jahrhunderts war das wohl nicht einfach, seltsamerweise scheint es das auch in der Berliner WG nicht zu sein. Zwei Zimmer, eines mit zwei, eines mit einem Bett, H\u00f6lder bekommt das eine mit der Auflage es zu verlassen, wenn die beiden anderen eine Frau mitbringen. Die tun das aber erstaunlich wenig, denn die die sie treffen, sind verlobt, verheiratet oder studieren Medizin. H\u00f6lder schreibt aber trotzdem einen Roman auf einer Hermes Schreibmaschine im Bett und auch einige Gedichte, von denen sein Vater sagte &#8220;Ein richtiger Dichter wirst du nie!&#8221;<br \/>\nDie drei reisen am Ende des Semesters ab und was ist geblieben?<br \/>\nJa, richtig, das habe ich au\u00dfer der Revolution, die, bei der Benno Ohnesorg sein Leben lie\u00df, noch vergessen, sie fahren in den Osten, nicht nach Russland, sondern in den zweiten Teil der geteilten Stadt, werden von den Vopos aufgehalten, m\u00fc\u00dfen Strafe zahlen, haben wir 1985 in Ostberlin auch so erlebt, gehen in ein Restaurant essen, wo das Essen fast nichts kostet, es gibt aber nur Gulasch und keine Karte, das haben wir in Dresden so erlebt und als sie sich an einen Tisch neben ein paar Herren setzen wollen, werden sie von der Bedienung weggesetzt. Dann gehen sie noch in die ber\u00fchmte Humboldt Universit\u00e4t und wollen mit den Studenten  diskutieren, fallen als Fremdk\u00f6rper auf und werden dann von zwei Herren in Anz\u00fcgen entfernt.<br \/>\nDas kann es nicht sein was geblieben ist und das gibt es inzwischen auch nicht mehr.<br \/>\nIch nehme mir ganz prosaisch mit, die Ideale sind hier und dort zerbrochen und die die Herren Hegel, Schelling, H\u00f6lderlin zwei werden heute bald in Pension gehen, wenn sie nicht arbeitslos sind. Studienr\u00e4te, richtige oder verkrachte Dichter sind sie vielleicht auch geworden, wahrscheinlich nicht so ber\u00fchmte Philosophen, wie ihre Vorbilder, aber das war im achtzehnten Jahrhundert, als es noch nicht so viele Studenten gab, wie zweihundert Jahre sp\u00e4ter, wohl auch leichter und ich habe mich nat\u00fcrlich gefragt, wer der H\u00f6lder sein k\u00f6nnte, wen hat Amann damit gemeint, welcher Dichter hat vielleicht so geschrieben?<br \/>\nEine sehr interessante Erz\u00e4hlung, von der ich mir den poetischen Ton mitnehme, nach Schelling, Hegel und H\u00f6lderlin gegooglet habe, aber nicht mehr Zeit habe, als ihre Lebensl\u00e4ufe zu lesen. Das ist auch nicht so wichtig.<br \/>\nDie franz\u00f6sische Revolution hat meiner Meinung nach auch mehr Blut, als wirkliche Freiheit gebracht, so da\u00df ich nicht so ganz verstehen kann, warum man den 14. Juli so  gro\u00df feiert. Dann kamen Weltkrieg I und II und die, die die Studentenrevolte 1968 machten, hatten noch das Trauma ihrer Eltern und ihrer Gro\u00dfeltern im Blut und darauf reagiert.<br \/>\nDer realexistierende Sozialismus hat auch nicht sehr viel gebracht. Die Mauer ist gefallen. Daf\u00fcr haben wir jetzt die EU, den Neoliberalismus und die Wirtschaftskrise und die, die heuer ihre Matura machten, werden h\u00f6chstwahrscheinlich auch ihre Ideale haben und die Welt ver\u00e4ndern wollen, ob sie sich Hegel, Schelling und H\u00f6lderlin nennen, wei\u00df ich nicht.<br \/>\nElfriede Jelinek, Rosa Luxemburg und Berta von Suttner, etc, w\u00e4re mir auch lieber.<br \/>\nVon J\u00fcrg Amann, habe ich, glaube ich, 1982 das erste Mal etwas geh\u00f6rt, als Brigitte Guttenbrunner, die ich vom Arbeitskreis schreibender Frauen kenne, beim Bachmannpreis gelesen hat. Denn den hat er damals gewonnen und der Arbeitskreis ist in diesem Sommer auf einen Berg bei M\u00fcrzzuschlag gewandert und dort hat sie mir davon erz\u00e4hlt und mir seinen Text zu lesen gegeben. Sp\u00e4ter habe ich ihn dann, glaube ich, bei &#8220;Rund um die Burg&#8221; lesen geh\u00f6rt und wenn man bei Wikipedia nachschaut, kommt man auf eine sehr lange Werkliste. Auch ein Vielschreiber, habe ich mir gedacht und die Lekt\u00fcre des B\u00fcchleins sehr genossen, obwohl es mir, wie schon erw\u00e4hnt, keine wirklich neuen Erkenntnisse brachte, ich k\u00f6nnte mir aber vorstellen, da\u00df das Schreiben dem Autor sehr gefallen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum f\u00fcnfundsechszigsten Geburtstag des Schweizer Dichters J\u00fcrg Amann ist bei Haymon ein Kurzroman erschienen, der wieder w\u00fcrde ich meinen, mehr eine Erz\u00e4hlung oder eine Novelle ist. Die Novellenform erscheint bei &#8220;Woin denn wir&#8221; wahrscheinlich angemessener, denn das Buch handelt von &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=16294\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-16294","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16294"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16294\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}