{"id":16227,"date":"2012-09-04T22:31:15","date_gmt":"2012-09-04T20:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=16227"},"modified":"2012-09-04T22:31:15","modified_gmt":"2012-09-04T20:31:15","slug":"erinnerungen-eines-narren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=16227","title":{"rendered":"Erinnerungen eines Narren"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist der letzte Roman von Marianne Gruber &#8220;Erinnerungen eines Narren&#8221;, der im Fr\u00fchjahr bei <a href=\"http:\/\/www.haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/buch&amp;titnr=730\">Haymon<\/a> erschienen ist, in der Alten Schmiede und auch sonstwo pr\u00e4sentiert wurde und ich auch bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/17\/sommerlesereihe-unsterblich-und-film-nach-helmut-zenker\/\">Unsterblich-Podium-<\/a>Veranstaltung im Juli ein St\u00fcckchen daraus h\u00f6ren konnte, doch zu mir gekommen und hat mich auch beim Lesen sehr gefordert, denn Marianne Gruber bietet keine leichte Kost, sondern einen vielschichtigen anspruchsvollen Roman, der nicht nur vom Sterben eines alten Mannes und vom zweiten Weltkrieg erz\u00e4hlt, das hatten wir <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/05\/mein-bruder-schiebt-sein-ende-auf\/\">schon<\/a>, denn daran scheinen sich gerade einige Autoren  um die Siebzig abzuarbeiten, sondern auch die ganze Welt- und Literaturgeschichte einbezieht, sie neu- und umdeutet und da ich in die Hauptschule und nicht ins Gymnasium gegangen bin, habe ich etwas Schwierigkeiten mit der griechischen Mythologie, das hei\u00dft ihre Helden und G\u00f6tter nicht so ganz genau im Kopf und wahrscheinlich auch keinen Respekt vor ihnen, aber auch da gibt es eine beeindruckende Stelle in dem dreihundertf\u00fcnzig Seiten dicken Buch, n\u00e4mlich die, wo der monologisierende Ich-Erz\u00e4hler, der alte namenlose Clown mit dem gef\u00e4lschten Schweizer Pass, der einmal Internatssch\u00fcler war, von Sisyphos und seinen Steinen erz\u00e4hlt &#8220;Mein Vater schaut mich mit gro\u00dfen Augen an. Woher hast du denn das? Lernt man das auch im Gymnasium?&#8221;<br \/>\nAber der Reihe nach, bin ich ja eine gr\u00fcndliche Leserin und habe den Anspruch die Realistik eines Buches zu erfassen und die wird von der 1944 geborenen Autorin, die neben Klavier auch Medizin und Psychologie, letztes bei Viktor Frankl studiert hat, zumindestens gestreift.<br \/>\nDa liegt ein alter Mann in einem Zimmer, vom Seil gest\u00fcrzt, liegt da seit f\u00fcnf Monaten und kann sich nicht bewegen. Es ist der, der sich durch die Weltgeschichte monologisieren wird, aber um die praktischen Dinge des Lebens hat er sich nie gek\u00fcmmert, zumindestens nicht um so banale, wie Versicherungen. H\u00fchner gestohlen und Menschen gerettet, hat er in seiner Jugend schon, aber jetzt braucht er eine alte Frau, die ihn versorgt und aufs Klo begleitet, weil er das allein nicht kann und es kommen auch Leute zu ihm, die Fragen stellen, nach den Versicherungszeiten z.B. und danach, welchen Wochentag man hat und was ein Kilo Brot kostet?<br \/>\nDas habe ich f\u00fcr mein Rigorosum vor mehr als Drei\u00dfig Jahren auch gelernt und f\u00fchre auch regelm\u00e4\u00dfig, den Mini Mental Test durch und die alten Leute, die Shakespeare die Welt und seine St\u00fccke erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, wissen das heute nicht und haben das auch damals wahrscheinlich nicht gewu\u00dft.<br \/>\n&#8220;Es ist der Vorabend zum zweiten Weltkrieg&#8221;, beginnt der Klappentext und das wird in einem gro\u00dfen Teil des Buchs behandelt, das  mit dem abgest\u00fcrzten Clown und seinem Redeflu\u00df beginnt, denn der erz\u00e4hlt allen, die es h\u00f6ren wollen, seine Geschichte, die von dem Internatssch\u00fcler, der obwohl kein Jude und auch sonst nicht verfolgt, aber Mutterlos, seinen Vater und das Internat verl\u00e4\u00dft und sich einem Wanderzirkus anschlie\u00dft. Dort wird er von dem weisen Hieronimo zum Hilfsclown ausgebildet, es gibt Rollo, den Liliputaner und Rachel, die sch\u00f6ne J\u00fcdin, die aus Angst vor der Verfolgung in der Zirkuskuppel schl\u00e4ft,  gibt einen L\u00f6wendompteur, B\u00e4ren, einen Direktor und in der Schweiz erlebt der Zirkus  gro\u00dfe Not und Hunger. Es gibt keine Arbeitserlaubnis, aber Polizisten, die eine Ausgangsgenehmigung erteilen und auch Schokolade bringen, geschmuggelte Fl\u00fcchtlinge, einen evangelischen Pfarrer, der alle verr\u00e4t, obwohl man sonst wenig vom Krieg w\u00fc\u00dfte, wenn es nicht ab und zu ein Flugzeug zu beoachten gibt, da der Held nur wenige Zeitungen liest, sondern Rachel seine Schokolade schenkt und mit Rollo streitet.<br \/>\nSo geradelinig wird das nicht erz\u00e4hlt, sondern es gibt immer wieder Unterbrechungen, wo der Erz\u00e4hler mit den jungen M\u00e4nnern spricht, die seine Geschichte h\u00f6ren wollen und dann in die Vergangenheit abdriftet, denn offenbar hatte er mehrere Leben, es gibt auch einen geheimnisvollen Anderen, der immer wieder kurz erw\u00e4hnt, aber von mir nicht ganz verstanden wurde. Das St\u00fcck, das ich schon in der Alten Schmiede h\u00f6rte, handelte  von einem Pedro und der spanischen Inquisition. Dann gibt es zwei sehr beeindruckende Kapiteln, wo der Held mit einem William an die Schaupl\u00e4tze von Romio und Julia bzw. Othello geht, um mit ihm zu kl\u00e4ren, wie das damals wirklich war mit der Eifersucht und dem Sterben?<br \/>\nDa ist mir eingefallen, da\u00df es auch einen Text von Marianne Gruber gibt, der &#8220;Julias Spange&#8221; hei\u00dft, mit dem sie, wenn ich mich nicht irre, damals in die Endauswahl des <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/13\/abschreiben-kopieren-textmontagen\/\">Limes-Literaturpreises<\/a> gekommen ist, um den ich mich auch beworben habe.<br \/>\nEin gro\u00dfer Teil des Buches beschreibt die Erlebnisse im Wanderzirkus bis Kriegsende, wo der alte Mann zweiundzwanzig war, die Einsch\u00fcbe, die von Jason und Medea, Aigeus und  Theseus, Romeo und Julia,  dem Vogel Ph\u00f6nix etc. handeln, sind eher k\u00fcrzer und auch die, was nach dem Krieg geschah. Da kommt der Held nach Wien zur\u00fcck und sucht nach seinen Vater, er findet nur einen Grabstein mit seinem eigenen Namen, hat Schwierigkeiten mit seinem gef\u00e4lschten Schweizer Pass, echte Papiere hat er nicht mehr, weil er damals offenbar in die Schweiz geschmuggelt wurde, lebt kurz bei einem Psychiater, nimmt Kontakt mit einem Anwalt auf und trifft auch seinen alten Griechisch Professor. Dann kommt schon Rollound holt ihm zum Zirkus zur\u00fcck. Rachel, Hieronymo und Rollo sterben. Der Clown wird macht Gastspiele in Paris und in der ganzen Welt, dann st\u00fcrzt  er vom Seil.<br \/>\n&#8220;Was sehe ich oben?&#8221; , hat er Hieronymo vor seinem ersten Auftritt gefragt.<br \/>\n&#8220;Nichts oder du st\u00fcrzt ab!&#8221;, hat der geantwortet.<br \/>\nJetzt ist er abgest\u00fcrzt, wird von der alten Frau gepflegt und nach dem Brotpreis gefragt, er erz\u00e4hlt seinem Besucher und fordert ihn zuletzt auf, seinen Koffer mit den Steinen und dem alten Kost\u00fcm zu nehmen und sein Nachfolger zu werden.<br \/>\n&#8220;\u00dcber den Rest nicht viele Worte,je l\u00e4nger das Leben dauert, desto weniger gibt es zu berichten, alles dr\u00e4ngt sich zusammen, am Schlu\u00df hat es in einer Nu\u00dfschale Platz!&#8221;, hei\u00dft es im letzten Kapitel, wo es vom Kriegsende  schnell in die Gegenwart geht und die Jahrzehnte, die dazwischen liegen, mit ein paar S\u00e4tzen gestreift werden.<br \/>\n&#8220;Vier W\u00e4nde lautlos auseinander und nichts mehr&#8221;, lauten die letzten Worte und Marianne Gruber, die auch Kafkas &#8220;Schlo\u00df&#8221; weitererz\u00e4hlt hat, ist bestimmt eine gro\u00dfartige Erz\u00e4hlerin, die mit einer sehr genauen Sprache sehr viel erz\u00e4hlt. Das Elend des Sterben, die Frageb\u00f6gen der Psychiatrie, genauso wie die Weltgeschichte, den zweiten Weltkrieg mit seinem Elend, auch das, was damals in Verona und in Venedig wirklich geschehen ist, zu wissen scheint und geradezu spr\u00fcht von Einf\u00e4llen und Geschichten.<br \/>\nIch mag es ja sozialkritischer lieber und fange mit den alten Griechen, wie erw\u00e4hnt, nicht so viel an, obwohl mir die Metapher vom Sisyphos, wenn ich einen neuen Roman beginne,  Seite um Seite  beharrlich korrigiere und das Ganze dann trotzdem niemand lesen will, schon mehr als einmal eingefallen ist. Marianne Gruber hat auch zu Sysiphos und seinen Steinen einen eigene Deutung und ich habe sie um 1980  kennengelernt, als wir beide mit unseren Geschichten, den Wettbewerb zu einem frauenfreundlicheren Kinderbuch &#8220;M\u00e4dchen d\u00fcrfen pfeifen, Buben d\u00fcrfen weinen&#8221; gewonnen haben. Damals habe ich sie sehr solidarisch empfunden und kann mich an eine ganze Liste von Ratschl\u00e4ge erinnern, die sie mir gegeben hat, wo und wie ich versuchen k\u00f6nnte, meine Texte zu ver\u00f6ffentlichen. Sie hat sp\u00e4ter im Fernsehen moderiert, das habe ich als Nichtfernseherin weniger verfolgt,  treffe sie aber regelm\u00e4\u00dfig in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur, deren Pr\u00e4sidentin und Nachfolgerin von Wolfgang Kraus sie ist und finde es etwas schade, da\u00df ich mit meinen selbstgemachten B\u00fcchern in der Herrengasse nicht lesen kann und habe das beim Dichter-Fasching aber schon zweimal getan<br \/>\n&#8220;Die gl\u00e4serne Kugel&#8221; habe ich, glaube ich, vor langen gelesen und bei der Lesung &#8220;Ver\u00f6ffentlichtes und <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/28\/veroffentlichtes-und-unveroffentlichte-von-julian-schutting-und-marianne-gruber\/\">Unver\u00f6ffentlichtes von Julian Schutting und Marianne Gruber&#8221;<\/a> war ich in diesem Fr\u00fchjahr auch und Professorin ist sie, glaube ich, gemeinsam mit Gerhard Ruiss in diesem Jahr auch geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist der letzte Roman von Marianne Gruber &#8220;Erinnerungen eines Narren&#8221;, der im Fr\u00fchjahr bei Haymon erschienen ist, in der Alten Schmiede und auch sonstwo pr\u00e4sentiert wurde und ich auch bei der Unsterblich-Podium-Veranstaltung im Juli ein St\u00fcckchen daraus h\u00f6ren konnte, &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=16227\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-16227","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16227"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16227\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}