{"id":15786,"date":"2012-08-14T09:53:08","date_gmt":"2012-08-14T07:53:08","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=15786"},"modified":"2012-08-14T09:53:08","modified_gmt":"2012-08-14T07:53:08","slug":"erlesenes-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15786","title":{"rendered":"Erlesenes Europa"},"content":{"rendered":"<p>Was nimmt man mit auf eine <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/19\/sechs-landerreise\/\">sechs L\u00e4nderreise<\/a>, wenn man durch die baltischen Staaten, Estland, Lettland, Litauen reisen will und eigentlich nur von der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/17\/litauischer-literaturstreifzug\/\">litauischen Literatur<\/a> einen kleinen Eindruck hat?<br \/>\n<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/16\/die-kleine-passion\/\">Ernst Wiecherts &#8220;Kleine Passion&#8221;<\/a> nat\u00fcrlich, weil es ja durch Polen geht.<br \/>\nAuf die &#8220;Hunde von Riga&#8221; habe ich vergessen oder nicht daran gedacht, da\u00df das ein passender Literaturtip w\u00e4re, aber da gibt es ja  die Geschenkb\u00fccher, die der Hauptverband des Buchhandels, immer um den 23. April anzubieten hat und die ich mir so getreulich hole und dann meistens ungelesen in die Regale stelle, denn B\u00fccherproben, interessieren mich  nicht so sehr, lautete das Vorurteil, also haben sich da zwei passende Anthologien angesammelt.<br \/>\n&#8220;Erlesene Reisen&#8221; von 2010. 2012 gab es f\u00fcnfzehn Geschichten zum &#8220;Erlesenen Europa&#8221;, von Mercedes Echerer zusammengestellt  und ganz im blauen im Eu-Design gestaltet, also habe ich mir, als die &#8220;Kleine Passion&#8221; und die litauischen Literaturstreifz\u00fcge nicht mehr passten, zuerst dieses B\u00fcchlein herausgeholt, das obwohl wir ja nicht in den S\u00fcden kamen, passend schien, denn sechs L\u00e4nder in sechzehn Tagen sind ja  auch ein sch\u00f6ner Europastreifzug.<br \/>\nZuerst gibt es ein Vorwort von Mercedes Echerer und die zeigt die Situation sofort sch\u00f6n auf.<br \/>\n&#8220;Der Reichtum Europas ist die kulturelle Vielfalt&#8221;, t\u00f6nt es vom Rednerpult. Ich sitze in diesem uniformierten Konferenzsaal und frage mich, wer von den Anwesenden wohl Anh\u00e4nger der baltischen Kunstszene oder Schw\u00e4rmer der slawischen Hip-Hop-Kultur, oder Kenner der zeitgenossischen Literatur der Benelux-L\u00e4nder sein mag.&#8221;<br \/>\nAls ich das gelesen habe, sind wir von Riga nach Tallinn gefahren und ich dachte, ich habe  auch nicht viel Ahnung von der baltischen Literatur und war ver\u00e4rgert, weil ich beim Vorbereiten nicht daran dachte, da\u00df ein Hennig Mankell Krimi passen k\u00f6nnte.<br \/>\n&#8220;Ich sitze vor einem Turm aus B\u00fcchern und st\u00f6bere in Erinnerungen, suche Verdr\u00e4ngtes, recherchiere Beobachtungen und Berichte, forsche nach Kritik und Visionen, durchforste Alltagsgeschichten und Tr\u00e4ume. &#8211; Gemeinsam mit Gerald Schantin entscheiden wir uns f\u00fcr 15 sehr pers\u00f6nliche Blickwinkel als bet\u00f6rende Zeugen der Vielfalt und faszinierende Mittler der Welten.- Viel Freude bei der Lekt\u00fcre&#8221;, w\u00fcnscht Mercedes Echerer noch und die habe ich gehabt und den Streifzug in Estland und in Finnland, wo ich mich haupts\u00e4chlich damit besch\u00e4ftigte, auch sehr geno\u00dfen.<br \/>\nBeginnen tut es mit Ursula Albrecht und Ines Sommer mit der Erinnerung an die DDR, wo eine Tochter aus einem fortschrittlichen Hause aus der Schule flog, weil sie bei der Jugendweihe, nicht den &#8220;Kampf um die sozialistische Weltrevolution geloben wollte&#8221;, sondern stattdessen aus Goethes &#8220;Faust&#8221; zitierte.<br \/>\nDs war schon einmal passend, denn das erste Mal sind wir 1990 in Finnland gewesen und dann mit einer F\u00e4hre in die noch existierende DDR nach Berlin gefahren, wo die Mauer schon ge\u00f6ffnet war, so da\u00df man locker von Ost nach West und zur\u00fcck fahren konnte. 1985 brauchten wir noch ein Visum, hatten den Zwangsumtausch und die scheelen Blicke der Parteimitglieder. Mit der F\u00e4hre sind wir damals, glaube ich, von Sassnitz nach Stockholm gefahren.<br \/>\nAuch die Geschichte von Nelly Bakus war sehr interessant. Denn sie schildert das Europa von der anderen Seite. Da gibt es Stipendiaten, die aus Wei\u00dfru\u00dfland oder anderen nicht EU-L\u00e4ndern nach Amsterdam etc kommen wollen, weil sie eine Einladung einer Universit\u00e4t oder etwas Derartiges haben und an der Borniertheit der Beamten scheitern, die ihre Einladungen nicht anerkennen, so da\u00df die Autorin einmal nicht nach \u00d6sterreich fahren konnte, weil die Tschechei den Transit verweigerten&#8230;<br \/>\nSylvia Treudl hatte bei der letzten <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/27\/ig-autoren-und-zum-dritten-mal-andere-buchmesse\/\">GV der IG Autoren<\/a> etwas \u00c4hnliches von einer Stipendiatin, die sie betreute, zu berichten, w\u00e4hrend wir es von der anderen Seite, ja viel einfacher haben und  problemlos von Harland bis nach Finnland fahren konnten und den Pa\u00df nur f\u00fcr die Schiffspassage oder die Campingpl\u00e4tze brauchten.<br \/>\nAchim Bennig hatte etwas \u00fcber sein &#8220;Bi\u00dfchen Tschechien&#8221; zu berichten, denn das Reinhardt Seminar, das er einmal besuchte, befindet sich offenbar in der N\u00e4he der tschechischen Botschaft und da lernte er Jiri <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/27\/manes-sperber-preis-und-regionalversammlung-der-ig-autoren\/\">Grusa<\/a> kennen, der zuerst Dissident und Verfolgter, sp\u00e4ter Botschafter war und inzwischen verstoben ist, der Text stammt aber aus dem Juli 2008, so da\u00df er davon nichts berichtet.<br \/>\nAuch Gyorgi Budas &#8220;Drei Br\u00fccken \u00fcber meine Donau&#8221; war sehr eindrucksvoll. Denn ich war ja schon einmal in Passau und bin mit dem Schiff an der Stelle gefahren, wo die drei Fl\u00fc\u00dfe zusammenflie\u00dfen und in Budapest war ich auch schon ein paar Mal.<br \/>\nDann gibt es eine Stelle aus Michail Bulgakows &#8220;Der Meister und Margarita&#8221;, da habe ich den Europa-Bezug nicht ganz verstanden, das Buch aber, glaube ich, an den Tag gefunden, als der B\u00fccherschrank in der Zieglergasse, <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/05\/zwei-jahre-offene-bucherschranke-in-wien\/\">neu er\u00f6ffnet<\/a> wurde und wartet, wie die &#8220;Hunde aus Riga&#8221; auf das Lesen. Mit Romanausz\u00fcgen tue ich mir immer etwas schwer, aber das Buch soll ja zum Lesen des Ganzen anregen und das werde ich demn\u00e4chst auch tun.<br \/>\nTibor Dery geht wieder in die Vergangenheit zur\u00fcck, wo man in Budapest sieben Jahre in der Todeszelle sitzen und dann mit einem Schlag entlassen und nach Hause geschickt werden konnte. Der Taxifahrer nimmt in dieser Situation kein Trinkgeld und f\u00fchrt einen extra zum Zigarettenladen, die Hausbesorgerin sperrt die Wohnung auf, in der inzwischen eine Untermietfamilie einquartiert wurde,  die Frau hat auf einen gewartet und das Leben ist sch\u00f6n&#8230;<br \/>\nDann kommt Karl Markus Gau\u00df  und der ist ein Kenner Osteuropas, erw\u00e4hnt die baltischen Staaten und hat 2005 alle L\u00e4nder bereist, die damals in die EU aufgenommen wurden. Lettland und Estland zum ersten Mal. Ich war ein bi\u00dfchen sp\u00e4ter daran und er erw\u00e4hnt bei den Literaturhinweisen auch den serbischen Juden Danilo Kis und von dem habe ich auch ein Buch in meinen Regalen, das ich noch lesen sollte.<br \/>\nDann kommt ein Text \u00fcber Luxenburg &#8220;Einfach nur der Nase nach?&#8221;, mit dem f\u00e4ngt man in den baltischen Staaten naturgem\u00e4\u00df weniger an, ich kann nur sagen, in Luxenburg war ich noch nie und sollte vielleicht einmal dorthin fahren oder ein paar B\u00fccher dar\u00fcber lesen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/17\/der-tod-wirft-lange-schatten\/\">Veit Heinichen<\/a> habe ich schon gelesen. Sein Text geht \u00fcber Triest und dort war ich auch schon  ein Osterwochenende mit der Anna und dem Alfred und habe mich, als ich &#8220;Den verr\u00fcckten Traum der Thea Leitner&#8221; geschrieben habe, auch darauf bezogen.<br \/>\nMarkus Jakob schreib \u00fcber Barcelona und dort sind wir, als wir 2005, in Andalusien waren, nur durchgefahren, die Hotelburgen und die Billigarbeiter aus Afrika haben wir aber auch gesehen und ein bi\u00dfchen scharfe Europakritik tut sehr gut, auch wenn der Text die Welt nicht \u00e4ndern wird. Mich beeindruckten damals die vielen marokkanischen oder algerischen Gastarbeiterfamilien, die mit ihren vollgepackten Autos in die Heimat fuhren und das Rasthaus total dominierten, so da\u00df ich mitten in Spanien, die einzige Frau ohne Kopftuch war, die laut und fr\u00f6hlich waren und dann die ganzen Baguettes, die sie sich zum Essen holten, einfach liegen lie\u00dfen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/16\/staatspreis-und-lesefesteroffnung\/\">Paul Nizon<\/a>, den ich ja auch kenne, beziehungsweise einmal in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/01\/16\/versaumnisse\/\">Alten Schmiede vers\u00e4umte<\/a>, hatte einen Exkurs \u00fcber die franz\u00f6sische Frau und schw\u00e4rmt dabei von seiner Concierge. Nn ja die Einblicke der \u00e4lteren Herren auf das weibliche Geschlecht sind manchmal schwierig, die Feministinnen machen es ihnen aber wahrscheinlich auch nicht leicht.<br \/>\nDanach tritt Pier Paulo Pasolinie &#8220;aufs Gaspedal&#8221; und erz\u00e4hlt, wie er mit Alberto Moravia in Rom spazierengeht,  von dem habe ich auch noch ein paar B\u00fccher zu lesen und ein paar Tage in Rom waren wir auch einmal. Um ein Stipendium in einer dieser <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/10\/alle-wege\/\">ber\u00fchmt ber\u00fcchtigten Wohnungen<\/a>, habe ich aber nie angesucht. Erika Pendretti geht in &#8220;Engste Heimat&#8221; nach B\u00f6hmen zur\u00fcck, w\u00e4hrend Tom Sharpe von einem englischen oder irischen Gro\u00dfvater schreibt, der den unehelichen Sohn seiner Tochter ziemlich weltfremd aufwachsen l\u00e4\u00dft und dann mit ihm auf Anraten seines Arztes, doch auf Kreuzfahrt geht, wo er sich gleich in die sch\u00f6ne Jessica verliebt.  Am Schlu\u00df geht es noch mit Risten Sokki in einem Sonett nach Norwegen, wo er den Austand der Samen am 8. November 1852 gegen die norwegische Obrigkeit beschreibt, da hatten wir Skandinavien aber schon verlassen und jetzt bin ich von sowohl von meiner litarischen als auch meiner tats\u00e4chlichen Europ\u00fcpareise zur\u00fcckgekommen.<br \/>\n\u00dcber den Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Lesen wird noch in den &#8220;Erlesenen Reisen&#8221; zu berichten sein. Jetzt bleibt mir nur zu schreiben, da\u00df ich die Lekt\u00fcre der f\u00fcnfzehn Europageschichten  empfehlen kann. Manchmal stehen die Geschenkb\u00fccher im offenen B\u00fccherschrank zur freien Entnahme. Man mu\u00df aber nat\u00fcrlich weiterlesen, den ganzen Bulgarkov, die Heinichen Krimis,  die Gau\u00dfschen Tageb\u00fccher,u.u.u. aber das ist ja, wie erw\u00e4hnt, der Sinn des Ganzens und wenn man das macht und auch noch eine Sammlerin ist, hat man bald die Regale voller B\u00fccher, so da\u00df es vorkommen kann, da\u00df man Thomas Bernhards &#8220;Holz f\u00e4llen&#8221; nicht mehr findet. Man sucht und sucht, beschuldigt die Tochter es genommen zu haben und setzt sich dann in den Weihnachtsfeiertagen in dem Jahr, wo der gro\u00dfe Tsunami w\u00fctete hin und schreibt einen B\u00fccherkatalog und da findet man ein altes Buch aus der Bibliothek seiner Eltern, das auch Europareisen schildert und das man dann begierig las und die Schnappsch\u00fc\u00dfe bewunderte, die aus einer Zeit stammten, als die EU noch ein Traum der Menschen war.<br \/>\n&#8220;Europasommer&#8221; &#8211; &#8220;Als Funkreporter 24.000 Kilometer durch 24 Staaten unseres Kontinents&#8221;, von Josef Maderner geschrieben, hei\u00dft es. 1956 ist es in der B\u00fcchergilde Gutenberg erschienen. Jetzt habe ich trotz Buchkatalogs auch eine Weile gesucht, bis ich es gefunden habe und sollte es nat\u00fcrlich noch einmal lesen oder h\u00e4tte es  auf meine Reise mitnehmen k\u00f6nnen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was nimmt man mit auf eine sechs L\u00e4nderreise, wenn man durch die baltischen Staaten, Estland, Lettland, Litauen reisen will und eigentlich nur von der litauischen Literatur einen kleinen Eindruck hat? 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