{"id":15686,"date":"2012-08-18T09:51:55","date_gmt":"2012-08-18T07:51:55","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=15686"},"modified":"2012-08-18T09:51:55","modified_gmt":"2012-08-18T07:51:55","slug":"der-klang-der-blicke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15686","title":{"rendered":"Der Klang der Blicke"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Der Klang der Blicke&#8221;, einunddrei\u00dfig Geschichten des 1971 in Adana geborenen Selim \u00d6zdogan, von dem ich, bevor mir <a href=\"http:\/\/www.haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/buch&amp;titnr=7000\">Haymon<\/a> das E-Book schickte, noch nie etwas geh\u00f6rt habe. Stimmt wahrscheinlich nicht so ganz, denn ich habe einige Filme von Faith Akin gesehen und f\u00fcr die hat er die Drehb\u00fccher geschrieben und sein erster Roman &#8220;Es ist so einsam im Sattel, seitdem das Pferd tot ist&#8221;, 1995 erschienen, ist, wie ich Wikipedia entnehme, gleich ein Kultbuch geworden, weil es den Ton der Jugendlichen trifft.<br \/>\nPoetisch sch\u00f6ne, aber auch sehr brutale Geschichten, die von der Kindheit, dem Aufwachsen, dem Alltagsleben und dem Verbotenen-Verborgenen handeln, das nur die Therapeuten zu wissen glauben, die sowohl im heutigen Deutschland, als auch in den kleinen t\u00fcrkischen St\u00e4dten der Vergangenheit spielen, aber auch von denen, die in Vorstadtsiedlungen aufwachsen, saufen, kiffen und sich \u00fcber Filme streiten und dann ihre Frauen schlagen oder nicht schlagen, erz\u00e4hlen und dann gibt es auch Bemerkungen \u00fcber Menschen geben, die ausschauen, wie Germanistikstudenten im h\u00f6heren Semester, die angeblich alle Chancen im Leben haben.<br \/>\nBeginnen tut es sehr poetisch mit &#8220;Der den Klang der Wolken liebt&#8221;, da f\u00e4ngt ein in Deutschland aufgewachsener t\u00fcrkischer Junge zu rappen an und sich f\u00fcr Hip Hop zu interessieren, zuerst h\u00f6rt er zu, dann schreibt er die Texte selbst, denn wenn man konsumiert, hat man gar keine andere Chance, als es selbst zu versuchen, der Vater r\u00e4t ab, der Junge tut es trotzdem und hat auch Erfolg, zumindestens zum Greifen nahe, der Durchbruch kommt aber nie, so beginnt er  Romane zu schreiben und wird von den Kritikern daraufhin zum Autor mit Migrationshintergrund gemacht. Zuerst hat der Vater auch abgeraten, sp\u00e4ter sagt er &#8220;Was willst du mit der Anerkennung derer, die du ohnehin nicht ernstnehmen kannst. Jeder ernsthafte Schriftsteller geht allein, halte nur den R\u00fccken gerade!&#8221;, wie wahr.<br \/>\nIn der &#8220;Steinstadt&#8221;, in der es nur ein paar Gesch\u00e4fte gibt und einen Bus, der einmal in der Woche kommt, leben und tr\u00e4umen sie. Wie das auch schon andere gemacht habe Marx, Freud, Ghandi z.b. und irgendwann fahren sie mit dem Bus fort und kommen wieder oder auch nicht.<br \/>\nIm &#8220;Garten ohne Gesetz&#8221; erz\u00e4hlt ein Junge von einem Sommer den er im Garten seiner Mutter verbringt.<br \/>\n&#8220;Du mu\u00dft aufpassen!&#8221;, sagt die Oma &#8220;deine Mutter ist wie ein Kind!&#8221;<br \/>\nUnd der Opa spricht nicht mit ihr.<br \/>\n&#8220;Weil er sie liebt!&#8221;, erkl\u00e4rt die Mutter und erkl\u00e4rt dem jungen alle Pflanzen, den Tabak, die Pfefferminze, den Waldmeister, den Hanf u.u.u.<br \/>\n&#8220;In oben auf dem Dach und hinterher&#8221;, steigt einer, ein Pubertierender wahrscheinlich in der Nach auf einen Hochhausrohbau, f\u00fcnfundzwanzig Stockwerke ohne Gel\u00e4nder und ohne Taschenlampe um von oben die Stadt zu besteigen. Mutprobe mit seinen Freunden und mit Treya und mit der bleibt er am Schlu\u00df allein&#8221;<br \/>\nIn &#8220;Die Wege des Herrn&#8221; erz\u00e4hlt dann der Vater, wie es fr\u00fcher war in dem kleinen St\u00e4dtchen, man ging zum Friseur und sah dabei eine Frau mit einer Tochter, verliebte sich in sie und lei\u00df den Lehrbuch nach der Adresse forschen. Der Vater arrangiert die Hochzeit, nur leider ist der Lehrling einer falschen Mutter nachgegangen.<br \/>\nIn &#8220;Noch einmal die Weite&#8221;, trifft sich offenbar ein todkranker Mann zum letzten Mal mit seiner Geliebten um ihre Nacktheit zu sp\u00fcren und sehr stark, aber ganz anders, die Geschichte, von denen die sich mit ihren Bierdosen am See treffen, die M\u00e4dchen anlabern und dann am Abend die Laternen ausrei\u00dfen oder Spie\u00dfer aufwecken w\u00fcrden, als die Kanacken mit ihren Tapeziertischen und ihren Proviantk\u00f6rben kommen. Zuerst wird noch \u00fcber die dicken Frauen sinniert, die sich trotz Kopft\u00fccher Tangas kaufen, dann scheint ein Kind zu ertrinken und keine M\u00e4nner sind da, Schorch springt ins Wasser und ertrinkt, nach dem zehnten Bier offenbar ein Herzversagen. &#8220;Wir werden ihn r\u00e4chen&#8221;, ist der letzte Satz. In der Geschichte von den drei Duranski-Schwestern, erz\u00e4hlt einer von den &#8220;kriegerischen Gr\u00f6\u00dfen&#8221; der Siedlung in der er aufgewachsen ist, Saskia, die sich gern mit Jungen pr\u00fcgelt,Lea mit der gro\u00dfen Klappe und ohne Angst und Sina, die raucht und kifft. Dann steigt auch noch ein &#8220;Todesengel&#8221; in den Lastwagen, diskutiert mit dem Fahrer, erz\u00e4hlt ihm, da\u00df er in achtzehn Minuten einen Herzinfarkt erleiden wird und dann war es ein perfekt inszenierter origineller Raub\u00fcberfall, &#8220;schon der zw\u00f6lfte Wagen diese Woche.&#8221;<br \/>\nSpannend auch die Geschichte von den &#8220;Kriminellen&#8221;, wer sind sie, die die das Fenster offen lassen und allen von ihren Reichtum erz\u00e4hlen, der Sohn der seinen Verwandten auf der Hochzeit den Armreif oder den Discmann klaut, der Onkel von der Drogenfahndung, der in Deutschland ein Bordell besucht, wo ukrainische M\u00e4dchen Arbeiten, die eigentlich Kellnern wollten oder die Gro\u00dfv\u00e4ter, die ihre Enkelt\u00f6chter zwingen ein rotes Band an der H\u00fcfte zu tragen, obwohl jeder wei\u00df, da\u00df sie keine Jungfrauen mehr sind?<br \/>\nIn &#8220;Jeder schl\u00e4ft allein&#8221; und &#8220;Papierpussy&#8221; geht um die Gewohntheiten der Frauen, in deren Bett und Zimmer man sich auf einmal befindet. Die eine will eine bestimmte Cassette h\u00f6ren, die andere schl\u00e4ft, was wohl eine besondere Ironie ist, bei dem Buch eines Schriftstellers ein und ist nicht wachzukriegen, als h\u00e4tte sie Valium genommen, ja wenn es Drogen gewesen w\u00e4ren&#8230;<br \/>\nUnd &#8220;In eines Tages wird er nicht mehr kommen&#8221;, geht es um eine Beziehung mit einem Yogalehrer, der sich sehr bedeckt verh\u00e4lt, w\u00e4hrend einer, der eigentlich weinen wollte in &#8220;T\u00f6ten h\u00f6ren leben&#8221;, seinen Hamster umbringt, nachdem er als sein Bruder ausgezogen ist, er aufs Gymni kam und er  Ana mit den schmutzig blonden Haaren  in der Lokomotive im Park nicht k\u00fcssen konnte.<br \/>\nGanz anders die &#8220;Zwei Tage&#8221; da schleicht sich ein Einheimischer in einen dieser gutbeachten teueren Touristenclubs ein um dort Hummer zu essen und die Frauen zu v\u00f6geln und wird dann nur von seinem Landmann und Portier zusammengeschlagen.<br \/>\n&#8220;Verdachtsmomente&#8221; ist auch so eine Geschichte, die man noch nicht \u00fcberall gelesen hat. Es geht ums &#8220;Spielen in der Oberliga&#8221; oder wie man eine Frau betr\u00fcgt, ohne, da\u00df sie es bemerkt. Selims \u00d6zdogans Ton ist immer etwas \u00fcberheblich und besser wissend, so als ob einer die Welt von oben betrachtet und in seinem Zynismus kundgibt, da\u00df man es ohnehin nicht besser machen kann, was auch f\u00fcr &#8220;Uta lampes Ex&#8221; und   &#8220;Dachterrasse&#8221; gilt. Dann gibt es die Geschichte, wo einer sechundzwanzig Bewerbungsschreiben nach Ratgebern verfa\u00dft, siebzehn Absagen und acht Bewerbungsgesr\u00e4che macht und der letzte fragt ihn , ob er schon mal Extasy genommen hat. Aber ganz ehrlich! Was soll man da darauf antworten?<br \/>\nIn &#8220;Freuden der Jugend&#8221;, werden genauso eindrucksvoll die Leiden eines Siebzehnj\u00e4hrigen erz\u00e4hlt, der in der ersten Reihe sitzt weil er sehr sch\u00fcchtern ist, auf einer Party erkennt er, da\u00df man mit Alkohol zum Reden kommt, bei den M\u00e4dchen klappt es aber nicht, die Eltern sind sehr unzufrieden und lassen ihm im Urlaub zur\u00fcck, so da\u00df ihm nichts anderes \u00fcberbleibt, als sich die Pulsadern aufzuschneiden, denn Selbstm\u00f6rder hat er ohnehin schon seit seiner Geburt bewundert. Das  Pedant dazu ist die letzte Geschichte, die von der Prinzessin die auf der Suche nach der Mitte der Langweie und dem Ende der Einsamkeit durch alle M\u00e4rchen und die Literaturgeschichte geht, so da\u00df wir nochmal lesen k\u00f6nnen, da\u00df es der Autor in allen Tonlagen kann, sch\u00f6n poetisch aber auch ganz brutal in der Alltagssprache, wei\u00df er von den N\u00f6ten, die wir in diesen Leben haben, zu erz\u00e4hlen und hat immer wieder ganz \u00fcberraschende Einf\u00e4lle dabei.<br \/>\nDann habe ich noch H\u00f6rproben aus &#8220;Ein weiteres Verlangen&#8221;, bekommen, das, wie ich Google entnehme, ein Album ist, das vom Autor ins Netz gestellt wurde, die ersten zweihundert k\u00f6nnen sich die Texte <a href=\"http:\/\/wortmachtklang.bandcamp.com\/album\/ein-weiteres-verlangen\">gratis hinunterladen<\/a>, f\u00fcr die weiteren wird dann der Preis ausgedacht und einen Abspann zur Urheberfrage gibt es dabei auch.<br \/>\nEin sehr interessantes Erz\u00e4hltalent, das wirklich mehr, als \u00fcber den Migrantionshintergrund zu erz\u00e4hlen wei\u00df und sich f\u00fcr alle Tonlagen und alle Lebenskrisen zu interessieren scheint, das ich das kennenlernen durfte. Die Bandbreite der \u00d6zdogan Geschichten ist sehr vielf\u00e4ltig und es wird in einer sprachlichen   Vielfalt erz\u00e4hlt, wie man sie selten in Erz\u00e4hlb\u00e4nden findet.<br \/>\nHier noch die Besprechung eines Erz\u00e4hlbandes einer <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/07\/22\/zitronenkuchen-fur-die-sechsundfunfzigste-frau\/\">austro-t\u00fcrkischen Autorin<\/a>, die ich voriges Jahr gelesen habe. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Der Klang der Blicke&#8221;, einunddrei\u00dfig Geschichten des 1971 in Adana geborenen Selim \u00d6zdogan, von dem ich, bevor mir Haymon das E-Book schickte, noch nie etwas geh\u00f6rt habe. 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