{"id":15647,"date":"2012-08-05T16:06:49","date_gmt":"2012-08-05T14:06:49","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=15647"},"modified":"2012-08-05T16:06:49","modified_gmt":"2012-08-05T14:06:49","slug":"mein-bruder-schiebt-sein-ende-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15647","title":{"rendered":"Mein Bruder schiebt sein Ende auf"},"content":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit dem Herbstprogramm aus dem <a href=\"http:\/\/www.haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/buch&amp;titnr=759\">Haymon-Verlag<\/a>. Zwei Erz\u00e4hlungen von Joseph Zoderer, die das Sterben und das \u00c4lterwerden zum Thema haben. In der Titelgeschichte geht geht es um zwei Br\u00fcder und die Verschiedenheit bzw. die Distanz, die sie in ihrer Beziehung haben oder auch um einen Monolog eines F\u00fcnfundsiebzigj\u00e4hrigen. Joseph Zoderer, um die Autobiografie zu bem\u00fchen, wurde 1935 in Meran geboren und der namenlose Ich-Erz\u00e4hler monologisiert auf \u00fcber sechzig Seiten \u00fcber seinen \u00e4lteren Bruder. \u00dcber f\u00fcnfundachtzig ist er und hat in der Ukraine, nicht in Stalingrad, ein St\u00fcck Lunge verloren, als er als MG-Sch\u00fctze dort einen Sturmangriff wagte und verwundet wurde. Das ist ein gro\u00dfes Thema der Erz\u00e4hlung, die Frage der Schuld, die der j\u00fcngere, der, als das passierte, wahrscheinlich gerade in der Volksschule lesen lernte und dort auch mit Hitlers oder Mussolinis Heldentaten vollgeschwafelt wurde, nicht verstehen kann. H\u00e4tte das tausendj\u00e4hrige Reich l\u00e4nger gedauert, w\u00e4re er vielleicht auch eingezogen worden, hat es aber nicht und so ist auch der Bruder zur\u00fcckgekommen, hat, weil mittellos seine Minna geheiratet, die sich zur ersten Verk\u00e4uferin eines Schreibwarengesch\u00e4ftes hinaufgearbeitet hat, bis sie in Pension ging. Der Bruder war, weil aus einer armen Familie stammend, angelernter Buchbinder und jetzt schon lang verwitwet, h\u00f6rt schlecht, schleppt sich mit Stock oder Kr\u00fccken durch seine Zweizimmerwohnung oder wenn es hoch kommt, zum Spaziergang auf den Friedhof und hat zwei polnische oder ukrainische Zugehfrauen, die sp\u00e4ter auch Heim- oder Pflegehilfen genannt werden, denn er hat noch ein Problem, f\u00fcr das er sich sehr sch\u00e4mt. Er ist inkontinent, das hei\u00dft, er tr\u00e4gt Windeln, da er diese aber in der Unterhose hat, werden es wohl Einlagen sein und k\u00e4mpft auch mit der Angst um den Erinnerungsverlust. Das Problem des \u00c4lterwerdens und das des  Sterbenm\u00fcssen, das uns alle wohl erwartet und das wir meistens sehr verdr\u00e4ngen. Die Schriftsteller, die hier etwas privilegierter sind, besch\u00e4ftigten sich damit und das ist gut so, denn so haben wir, wenn wir nicht zu den leichten lockeren Bestsellern ausweichen,  die Chance uns damit auseinanderzusetzen und mir hat dieser vorsichtig distanzierte Zugang, da ich mich im Augenblick ja sehr mit der Frage besch\u00e4ftige, wie die Betreuung meines Schwiegervaters klappt, der seinen Kampf mit dem Ich-Verlust schon fast verloren hat und dem man einmal auch mit sechzehn, siebzehn oder achtzehn Jahren von der Schulbank weg an die Front trieb, gut gefallen. Und meine pers\u00f6nliche Meinung zu diesem Thema, die einen viel \u00e4lteren Vater hatte, der zu Hause sehr freim\u00fctig erz\u00e4hlte, da\u00df er damals in die Luft geschossen hat, obwohl er, wenn ich das, was ich wei\u00df, rekonstruiere, gar nicht so viel an der Front, sondern Fernschreiber war, ist, da\u00df die jungen Burschen, denen man damals die Matura und einen Teil der Lunge stahl, gar nicht so viel an Schuld haben k\u00f6nnen. Was h\u00e4tten sie denn sonst machen sollen? War ja damals ein sehr autorit\u00e4res Regime und die Propagandatrommel mit der HJ-Jugend wurde auch sehr eifrig ger\u00fchrt.<br \/>\nDie beiden Br\u00fcder sind sich also fremd, denn der j\u00fcngere war in den New Yorker Jazzkneipen und ist durch Amerika getrampt, w\u00e4hrend der andere in S\u00fcdtirol oder wo immer Volkstanzlehrer wurde, trommelte, etc. Unpolitisch war er aber auch, denn das wird man, steht irgendwo, wenn man so fr\u00fch in einem Krieg getrieben wird und jetzt schiebt er sein Sterben auf, was eine eine sehr poetische Formulierung ist. Ich habe zwar nicht so ganz verstanden wieso, denn mit F\u00fcnfundachtzig stirbt man heute ja noch nicht unbedingt und dieser Bruder ist noch ganz gut beisammen. Der Zerfall und das Verlieren der Erinnerung wird vielleicht sp\u00e4ter kommen und das erlebt man oder erlebt es nicht. Ich finde es gut, sich damit zu besch\u00e4ftigen und so habe ich diese vorsichtige Ann\u00e4herung des \u00fcber F\u00fcnfundsiebzigj\u00e4hrigen an das Sterben und den Tod sehr genossen und auch sehr dicht beschrieben gefunden. Nicht alle werden wir Windelhosen tragen und was ich so an meinen V\u00e4tern-und Schwiegerv\u00e4tern erlebe, wenn es so weit ist, macht es einem nichts mehr aus. Man kann die Gnade des fr\u00fcher Sterbens erleben, wie auch die Gnade der sp\u00e4teren Geburt und was die Sturmangriffe in der Ukraine, in Stalingrad, etc auf der anderen Seite bedeutet haben, habe ich erst vor ein <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/29\/die-toten-schamen-sich-nicht\/?preview=true\">paar Tagen gelesen<\/a> und im Wochenend-Standard gibt es einen Artikel von Martin Pollak \u00fcber den Handel mit alten Soldatenfotos. Ich habe ein Fotoalbum, wo mein Vater in der Uniform zu sehen ist. Man ist damals um diese Erfahrung wahrscheinlich nicht herumgekommen und bald werden die gestorben sein, die mit der Notmatura an die Front geschickt wurden und es ist sehr sch\u00f6n, da\u00df wir in \u00d6sterreich solange keinen Krieg erlebten, \u00fcberall anders gab es das sehr wohl, das sinnlose Sterben die Aggression und die Gewalt&#8230;<br \/>\nDann ist da noch die zweite Erz\u00e4hlung &#8220;Konrad&#8221;, die am Beginn des Buches steht, wo der namenlose Ich-Erz\u00e4hler \u00fcber den Freund sinniert, der gestorben ist und der er vielleicht gar nicht so gut kannte, obwohl sie doch jahrelang die Spaghetti miteinander teilten, sich in Wien am Stephansplatz kennenlernten und der eine dann den anderen in Rom, wo er lebte, besuchte.<br \/>\nAuch eine sprachlich sehr sch\u00f6n erz\u00e4hlte Geschichte. Joseph Zoderer, von dem ich vor einem Jahr die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/06\/23\/die-farben-der-grausamkeit\/\">&#8220;Farben der Grausamkeiten&#8221;<\/a> gelesen habe und auch bei einer <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/05\/06\/der-mann-mit-dem-hut\/\">Lesung in der Alten Schmiede<\/a> war, ist ja ein gro\u00dfer Sprachk\u00fcnstler. Eine sch\u00f6ne Erz\u00e4hlung \u00fcber einen Freund, mit dem man lange lebte und ihn doch nicht kannte, steht glaube ich, in der Beschreibung. Klappentexte gibt es ja bei E-B\u00fccher nicht. Die andere Erz\u00e4hlung ist f\u00fcr mich dichter und ber\u00fchrender, wahrscheinlich, da ich mich immer schon mit dem \u00c4lterwerden und dem Sterben auseinandersetzte und da ich einmal fast ertrunken w\u00e4re, auch keine besondere Angst vor dem Tod habe.<br \/>\n&#8220;Und f\u00fcr einen Moment schlie\u00dfe ich meine Augen und kann so uns beide fallen sehen. Und da wei\u00df ich, da\u00df ich meinen Bruder schon immer geliebt habe.&#8221;, lautet der letzte Satz der Titel-Erz\u00e4hlung und der ist sehr tr\u00f6stlich und sch\u00f6n. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit dem Herbstprogramm aus dem Haymon-Verlag. Zwei Erz\u00e4hlungen von Joseph Zoderer, die das Sterben und das \u00c4lterwerden zum Thema haben. 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