{"id":15577,"date":"2012-07-29T00:02:04","date_gmt":"2012-07-28T22:02:04","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=15577"},"modified":"2012-07-29T00:02:04","modified_gmt":"2012-07-28T22:02:04","slug":"die-toten-schamen-sich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15577","title":{"rendered":"Die Toten sch\u00e4men sich nicht"},"content":{"rendered":"<p>Wieder ein Fund aus der Bibliothekskiste der Gumpendorferstra\u00dfe, ausgeschieden von den st\u00e4dtischen B\u00fcchereien und von mir wahrscheinlich zeitgleich mit den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/22\/nachtigall-will-zum-vater-fliegen\/\">Becher<\/a> <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/09\/14\/kurz-nach-4\/\">B\u00fcchern<\/a> entnommen. Grigorij Bakalanow &#8220;Die Toten sch\u00e4men sich nicht&#8221;.<br \/>\nNie etwas davon geh\u00f6rt, aber diesmal, das Buch ist 1962 bei Goldmann erschienen, gibt es ein Vorwort von Valerian P. Lebedew, der erkl\u00e4rt, da\u00df es sich bei dem 1923 in Woronesch geborenen, um einen der  Schriftsteller handelt, die als junge Menschen den zweiten Weltkrieg mitmachten und der, der von 1945- 51 am Maxim Gorki Literaturinstitut studierte, sich von den anderen Schriftstellern durch seine  Offenheit, wie er die \u00c4ngste und Gef\u00fchle der Soldaten beschreibt und nicht nur das pure sowetische Heldentum schildert, unterscheidet.<br \/>\n&#8220;Die Toten sch\u00e4men sich nicht&#8221; ist sein dritter Roman und stellt laut Lebedew &#8220;selbst die vorausgegangenen Romane weit in den Schatten. Mit solchen Augen hat noch kein Schriftsteller der Sowetunion bisher den Krieg gesehen und geschildert.&#8221;<br \/>\nEr ist daf\u00fcr nat\u00fcrlich auch kritisiert worden, man sprach von einem &#8220;Sowetischen <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/05\/23\/im-westen-nichts-neues\/\">Remarquismus&#8221;<\/a>, es gab aber Zeitungen, die f\u00fcr ihn eintraten und er wurde auf den Schriftstellerversammlungen auch verteidigt, liest man im Vorwort weiter.<br \/>\nInteressant ist auch, da\u00df das Buch im Gegensatz zu den Becher B\u00fcchern von 1962 bis 1992 sehr oft ausgeborgt wurde. Der damals \u00fcbliche Stempelzettel auf der ersten Seite ist fast voll markiert. Es gibt auch deutliche Lesepuren, wie Kaffeeflecken und am Schlu\u00df des Buches hat ein offenbar emp\u00f6rter Leser mit Bleistift &#8220;Bl\u00f6dsinn&#8221;, hingeschrieben, warum ist mir nicht ganz klar, denn ich denke, es wird schon so gewesen sein, auch wenn die deutschen und die \u00f6sterreicheischen K\u00e4mpfer, wie der Leser vielleicht einer war, nat\u00fcrlich auf der anderen Seite stand. Angst um das Leben und Schuldgef\u00fchle wegen der Sinnlosigkeit des Krieges werden aber auch die deutschen Soldaten empfunden haben.<br \/>\nDie Geschichte ist sehr schnell erz\u00e4hlt, das Vorwort, das fast ein wenig zu ausf\u00fchrlich ist und ganze Dialoge wiedergibt, die man sp\u00e4ter selber lesen kann, schreibt &#8220;Der Roman &#8220;Die Toten sch\u00e4men sich nicht&#8221;, der den Leidensweg eines kleinen, todgeweihten Soldatenhaufens zum Thema hat, beeindruckt durch die Kraft eines Schicksalgeschehens voll menschlicher Gr\u00f6\u00dfe und menschlicher Schw\u00e4che.&#8221;<br \/>\nUnd Bakalanow beginnt das Buch so &#8220;Um Mitternacht wurde ein deutscher Funkspruch abgefangen. &#8211; Aber bis dieser Befehl weitergegeben und ausgef\u00fchrt wurde, verlegten die vorr\u00fcckenden Deutschen die Spitze des Vorsto\u00dfes noch weiter nach S\u00fcden. Doch davon wu\u00dfte keiner mehr etwas.&#8221;<br \/>\nDann beginnt es in der ukrainischen H\u00fctte, wo die Soldaten in ihren Klamotten schlafen und der Abteilungskommandant Uschakow, der Hauptmann Wasitsch, der Hauptmann Ischenko und die Staats\u00e4rztin eines anderen Regiments um den Tisch sitzen. Der kleine Bub der B\u00e4uerin sitzt auch dabei und die erz\u00e4hlt von deutschen Soldaten, die ihn zum Stottern brachten, weil sie ihm erwischten, da\u00df er ihr Brot essen wollte und nicht verstand, da\u00df er daf\u00fcr &#8220;Danke&#8221; sagen sollte. Es gibt auch sch\u00f6ne Erinnerungen an die Liebesn\u00e4chte mit der Stabs\u00e4rztin, die einen zusammenflickte und jetzt einen Sohn zur Welt brachte, in Wahrheit sitzt man aber weit drau\u00dfen in der K\u00e4lte und im Schnee und kann nur \u00fcber die Gef\u00fchle der Deutschen r\u00e4sonieren und dar\u00fcber nachdenken, ob man sie gefangennehmen soll, wenn sie einem entgegenkommen.<br \/>\n&#8220;Nun, der Deutsche hat dich laufenlassen. Vielleicht wollte er seine H\u00e4nde nicht mit Blut besudeln, denn dieser Krieg geht dem Ende zu. Vielleicht ist er auch wirklich ein anst\u00e4ndiger Mensch, aber ein anst\u00e4ndiger, ein wirklich anst\u00e4ndiger, deutscher Soldat, der Hitler ha\u00dft, der uns den Sieg w\u00fcnscht, wird der trotzdem gegen uns k\u00e4mpfen, auf uns f\u00fcr Hitlers Sieg schie\u00dfen?&#8221;<br \/>\nEs kommt, wie es kommen mu\u00df, die Deutschen haben aus taktischen Gr\u00fcnden ihren Plan ge\u00e4ndert und das kleine Gr\u00fcppchen eingekreist, Kommandant Uschkow f\u00e4llt, siebenundzwanzig sind am Leben geblieben. &#8220;Irgendeiner, den sie alle kannten und doch nicht gleich erkannten, lag ohne M\u00fctze auf den Knien unter einem Baum, sch\u00f6pfte mit der hohlen Hand Schnee und hielt ihn an die Schl\u00e4fe.  Er warf den Schnee sogleich weg, denn im Nu war dieser mit Blut durchtr\u00e4nkt..&#8221;<br \/>\nUnd Kriwoschejn, dessen Blut die Bauchh\u00f6hle f\u00fcllte, l\u00e4chelte mit blutlleren Lippen &#8220;Ich lag da und dachte dar\u00fcber nach, wie die Kleinigkeiten in den Augen der Menschen anwachsen, wenn es kein wirkliches Ungl\u00fcck gibt.&#8221;<br \/>\nAm Schlu\u00df mu\u00df Ischenko den Regimentskommanteur Auskunft geben und erz\u00e4hlen, wie es war und  ob Major Uschakow &#8220;wie ein Held gestorben ist&#8221;. Er hat Angst vor ein Milit\u00e4rgericht gestellt zu werden, geht dann aber, als das Verh\u00f6r vorbei ist, zu seinen Kameraden, die um das Feuer sitzen und ger\u00f6steten Speck essen,&#8221;dessen Fett vom Finger tropfte, denn der Hunger war zu gro\u00df.&#8221;<br \/>\n&#8220;Wie stehts um uns, Genosse Hauptmann?&#8221;, stellte einer eine sch\u00fcchterne Frage.<br \/>\n&#8220;Mit vollem Mund brummte er eine unverst\u00e4ndliche Antwort!&#8221;.<br \/>\nDann ist das Buch zu Ende und darunter steht, wie erw\u00e4hnt mit  Bleistift und zwei Rufzeichen &#8220;Bl\u00f6dsinn&#8221; geschrieben. Wenn man jetzt den Namen Blakanow nachgooglet, kommt man nur auf die Seiten, wo man die  B\u00fccher antiquarisch kaufen kann, sonst ist im Internet \u00fcber den russischen Schriftsteller nur eine biographische Notiz bei &#8220;Munziger, Wissen das z\u00e4hlt&#8221;, zu finden und mu\u00df sich auch noch einloggen, wenn man sie zu Ende lesen will. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder ein Fund aus der Bibliothekskiste der Gumpendorferstra\u00dfe, ausgeschieden von den st\u00e4dtischen B\u00fcchereien und von mir wahrscheinlich zeitgleich mit den Becher B\u00fcchern entnommen. Grigorij Bakalanow &#8220;Die Toten sch\u00e4men sich nicht&#8221;. 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