{"id":15425,"date":"2012-07-22T00:57:43","date_gmt":"2012-07-21T22:57:43","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=15425"},"modified":"2012-07-22T00:57:43","modified_gmt":"2012-07-21T22:57:43","slug":"nachtigall-will-zum-vater-fliegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15425","title":{"rendered":"Nachtigall will zum Vater fliegen"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Nachtigall will zum Vater fliegen&#8221;, Ulrich Bechers 1950 erschienener New Yorker Novellenzyklus in vier N\u00e4chten, ist das zweite Becher Buch, das ich Anfang der Neunzigerjahre in einer Kiste von ausgeschiedenen B\u00fcchern der st\u00e4dtischen B\u00fccherei gefunden habe. Damals war mir der Name Johannes R. Becher bekannt, aber von einem Ulrich Becher keine Ahnung, Internet hat es noch nicht gegeben und mit Literaturlexika war ich auch nicht gesegnet. So habe ich ein bi\u00dfchen orientierungslos in das Buch hineingelesen und weil ich nichts von dem Autor wu\u00dfte, den Hintergrund nicht verstanden und daher bvald wieder weggelegt. Dann habe ich 2005 wahrscheinlich in Leipzig bei Hugendubel in einer Abverkaufskiste, Aufbau-Verlagsbriefe aus dem F\u00fcnfzigerjahren gefunden, in denen es auch welche mit ein bi\u00dfchen Lebenslauf von Ulrich Becher gab. So da\u00df ich schon mehr Informationen \u00fcber den Autor hatte, als ich 2010 das andere Buch <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/09\/14\/kurz-nach-4\/\">&#8220;Kurz nach 4&#8221;<\/a> gelesen habe, da war schon die &#8220;Murmeljagd&#8221; neuauferlegt und Ulrich Becher wurde von Eva Menasse, die das Buch besprochen hat, als &#8220;fast vergessener Teufelskerl&#8221; bezeichnet. Da\u00df er den&#8221;Bockerer&#8221; geschrieben hat, hatte ich inzwischen auch herausgefunden und das Theaterst\u00fcck, habe ich noch vor dem ber\u00fchmten Film, im Volkstheater gesehen.<br \/>\nAls der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/08\/28\/lesen-und-wandern-am-berg\/\">Arco Verlag<\/a> voriges Jahr &#8220;Kurz nach 4&#8221; neu auflegte, ist er auf meinen Blog und meinen Besprechung gesto\u00dfen und das Buch hat, was mich, f\u00fcr die Biografien sehr wichtig sind, sehr begeistert, ein f\u00fcnfzig Seiten langes Nachwort mit Bildern und biographischen Angaben von Christoph Haacker, das sich allerdings nat\u00fcrlich auf den 1957 im Rohwohlt Verlag erschienen Roman \u00fcber die Italienreise des Wiener K\u00fcnstlers Franz Zborowsky bezieht und nur wenig Informationen \u00fcber den Novellenzyklus bietet, es gibt allerdings den Satz, da\u00df die Novelle &#8220;Die Frau und der Tod&#8221; aus dem Zyklus vorwiegend am 7. August 1945 in Manhattan spielt, das war der Tag nachdem die Atombombe \u00fcber Hiroshima abgeworfen wurde.<br \/>\nWenn man nachgooglet findet man \u00fcber Ulrich Becher viel, \u00fcber den Novellenzyklus wenig und eigentlich au\u00dfer Angaben, wo man das Buch antiquarisch kaufen kann, auch nur ein paar S\u00e4tze in den Amerikabildern der deutschsprachigen Exilliteratur &#8220;Aber hier war alles anderes&#8221; von  Valerie Popp, die sich auf den Zyklus beziehen.In dem Buch selbst gibts leider keine Beschreibungen, wie das fr\u00fcher  so \u00fcblich war, wenn man aber auf die Becher-Homepage geht, die es gibt, findet man immerhin die Abbildung des Schutzumschlages, das mein ausgeschiedenes Exemplar, aus der Stumpergasse, das von 1979 bis 1983 zehn Personen ausgeborgt hatten, nicht mehr hat.<br \/>\nAlso war das Leseerlebnis der vier Novellen, obwohl ich \u00fcber Ulrich Becher inzwischen einiges wei\u00df, wieder ein unbeflecktes Land, da\u00df sie aber in New Foundland N. Y. begonnen, fortgesetzt in New York City und in Blonay, Kanton Waadt abgeschlo\u00dfen wurden, steht immerhin auf der zweiten Seite. Ulrich Becher hat von 1944 bis 1948 in New York gelebt und das Buch steht weiter dort ist Georges Grosz gewidmet. Das Ulrich Becher auch Graphiker und bildender K\u00fcnstler war, war mir bisher entgangen, in der &#8220;Kurz nach 4&#8221; Neuauflage, gibt es aber Proben davon und eine Ausstellung scheint es vor kurzem auch gegeben zu haben.<br \/>\nAlso wieder ziemlich unbedarft in die Lekt\u00fcre eingestiegen und ein bi\u00dfchen ratlos gewesen, so da\u00df ich mich jetzt schon auf die Neuauflagen der Novellen freue, weil ich dann vielleicht nachlesen kann, was ich mir jetzt m\u00fchsam zusammenkratze.<br \/>\nDer in New York spielende Novellenzyklus besteht aus vier N\u00e4chten genannten Texten, die erste &#8220;Die Frau und der Tod&#8221;, spielt, wie  erw\u00e4hnt in der Nacht nachdem in Hiroshima die Atombombe fiel. Sie spielt vorwiegend in einer Bar und schildert die Erlebnisse, des aus dem Krieg entlassenen Fliegerk\u00e4ptn Happy Slocum. Die Psychologin w\u00fcrde sagen, sie schildert seine, bzw. Ulrich Bechers Traumatisierungen in einem typisch amerikanischen Stil, wie ich sie auch in dem Buch Manhattan Transfer gefunden habe und schlie\u00dft auch an das Dialogpingpong, des von mir zuletzt gelesenen Buches <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/21\/stellt-mir-eine-frage\/?preview=true\">&#8220;Stellt mir eine Frage&#8221;<\/a>, an. Es gibt aber auch eine Menge franz\u00f6sischer Zitate, was f\u00fcr einen New Yorker Novellenzyklus sehr ungew\u00f6hnlich ist, so wird die Marseillaise zitiert, die gro\u00df geschriebenen Zitate und \u00dcberschriften, gibt es, glaube ich, auch im &#8220;Manhattan Transfer&#8221; &#8220;UNSERN AUS EUROPA HEIMGEKEHRTEN VETERANEN EIN HERZLICHES WILLKOMMEN&#8221; beispielsweise oder UNBEKANNTE SCH\u00d6NHEIT ERSUCHT UM INHAFTIERUNG WEGEN GEISTESKRANKHEIT&#8221;.<br \/>\nDie zweite Nacht &#8220;Der schwarze Hut&#8221; ist ein wenig leichter zu lesen, das gemeinsame ist auch das Datum der 3. oder 5. Mai 1945. Mit dem zweiteren wird das Ende des zweiten Weltkrieges angegeben, zwei Tage vorher ist die geschlechtskranke zum Skelett abgemagerte Frau des reichen aus Deutschland ausgewanderten Alois Altkammer, le Baron genannt, gestorben, der \u00fcber ein sehr ausschweifendes Sexualleben verf\u00fcgte, mit seiner Frau im Fiaker in Bordelle fuhr und sie dann w\u00e4hrend er dort war, durch den Central Park kutschieren wird, der emigrierte j\u00fcdische Arzt, hat ihren Tod schon viel fr\u00fcher vorausgesagt, sie stirbt am 3. Mai. Am 5. findet das Begr\u00e4bnis statt und zu dem ist auch der taube Dr. Klopstock eingeladen, der sein Geh\u00f6r in Dachau verloren hat und nun den reichen &#8220;Baron&#8221; um sechs Dollar anbettelt, damit er sich Batterien f\u00fcr sein H\u00f6rger\u00e4t kaufen kann, der Reiche gibt ihm nicht mehr, obwohl das Begr\u00e4bnis ein Verm\u00f6gen kostete und schenkt ihm dazu den Wagenrad gro\u00dfen schwarzen Hut seiner Frau, mit dem marschiert der ehemalige Gymnasiallehrer nach Hause und wird dabei f\u00fcr einen Transvestiten gehalten und angep\u00f6belt. Auch hier ist in der makabren Form die Traumatisierung des Krieges stark zu sp\u00fcren und der Stil ist wohl so, wie Georges Grosz seine Bilder malte.<br \/>\nMit der dritten k\u00fcrzesten Nacht &#8220;Beim Apfelwein&#8221;, im Stil der ersten \u00e4hnlich, ein konkretes Datum habe ich nicht gefunden, habe ich nicht viel anfangen k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Vierte &#8220;Nachtigall will zum Vater fliegen&#8221; ist wieder verst\u00e4ndlicher oder auch nicht. Es geht jedenfalls um John Henry Nightingale, der als Hans Heinz Nachtigall in Gelsenkichen als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren wurde, er studiert Medizin, wird Schiffsarzt, versucht sich aber auch als Dichter der &#8220;Zippzipp-Bewegung&#8221; und als die Nazis kommen verfa\u00dft er ein Theaterst\u00fcck, nach dessen Urauff\u00fchrung er nach Amerika emigiriert. Dort hat er es zuerst schwer, mu\u00df neu studieren, seine Dichtung will  niemand haben und seinen Namen sprechen die Amis alle falsch aus, dann hat er aber Gl\u00fcck, bekommt einen reichen Schwiegervater und wird zum Nobelpsychiater und da denkt er an seinen Vater, der Achtzigj\u00e4hrig in Deutschland zur\u00fcckgeblieben ist. Er will zu ihm fliegen, hat aber Schwierigkeiten mit seinen Patienten, schlie\u00dflich tut er es doch und kommt entt\u00e4uscht zur\u00fcck.<br \/>\nWieder w\u00fcrde ich sehr viel Autobiographie und sehr viel Trauma in der sehr tiefgr\u00fcndigen Novelle, die zum Schlu\u00df in einen Dialog Nightingale gegen Nachtigall ausartet, vermuten und schlie\u00dfe mich Christoph Haackers Meinung an, da\u00df  &#8220;Ulrich Becher einer der gro\u00dfen Erz\u00e4hler unseres Jahrhunderts ist, der mit Hemingway, Faulkner, G\u00fcnter Grass, Joyce, D\u00f6blin, John Dos Passos, Joseph Roth, Rabelais, Nestroy, Thomas Wolfe, Albert Vigoleis, Thelen und Marcel Proust&#8221; verglichen wurde. Einige dieser Vorbilder sind wahrscheinlich  in dem Novellen Zyklus zu finden, den ich sowohl sehr interessant gefunden, aber auch nicht ganz verstanden habe, so da\u00df ich auf die kommentierte Neuauflage warte, es aber trotzdem spannend finde, was man aus ausgeschiedenen st\u00e4dtischen B\u00fcchereiausgaben alles lernen kann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Nachtigall will zum Vater fliegen&#8221;, Ulrich Bechers 1950 erschienener New Yorker Novellenzyklus in vier N\u00e4chten, ist das zweite Becher Buch, das ich Anfang der Neunzigerjahre in einer Kiste von ausgeschiedenen B\u00fcchern der st\u00e4dtischen B\u00fccherei gefunden habe. 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