{"id":15252,"date":"2012-07-14T00:53:18","date_gmt":"2012-07-13T22:53:18","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=15252"},"modified":"2012-07-14T00:53:18","modified_gmt":"2012-07-13T22:53:18","slug":"die-verlorene-geliebte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15252","title":{"rendered":"Die verlorene Geliebte"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die verlorene Geliebte&#8221;, Johannes Urzidils, 1956 erschienene Erinnerungen an Prag, irgendwo habe ich auch die Bezeichnung Roman gefunden, jetzt w\u00fcrde man es wahrscheinlich Memoir bezeichnen, sind zehn Erz\u00e4hlungen, in der Goldmann Taschenbuchausgabe, die ich mir irgendwann vor Jahrzehnten, gekauft habe, sind nur neun enthalten.<br \/>\nDas letzte Kapitel &#8220;Die Fremde&#8221; fehlt in dem Buch, das, wie ich k\u00fcrzlich auch bei einer anderen Goldmann Taschenbuchausgabe aus F\u00fcnfziger oder Sechzigerjahren, fand, auf Seite vier oben stehen hat &#8220;Dieses Buch wird nur unter der Bedingung verkauft, da\u00df es ohne Zustimmung des Verlags gewerbsm\u00e4\u00dfig weder verkauft noch vermietet oder auf \u00e4hnliche Weise gen\u00fctzt wird.&#8221;<br \/>\nIn dem anderen Buch, das ich vor kurzem im offenen B\u00fccherschrank gefunden habe, es war ein Moravia, stand noch etwas von einer &#8220;Leihbibliothek&#8221; in der es nicht ausgestellt werden darf und es hat mich gewundert, da\u00df in den Sechzigerjahren so etwas in den B\u00fcchern stand.<br \/>\nIn den neueren Goldmannausgaben, ich habe bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/09\/marx-my-love\/?preview=true\">Christine Gr\u00e4n<\/a>, die ich unl\u00e4ngst gelesen habe, nachgeschaut, steht nichts mehr davon. Es h\u00e4tte mich angesichts der Urheberdebatte auch gewundert. Ich habe mir in den Siebzigerjahren wahrscheinlich als Studentin das  gelbe TB gekauft und wie man an den Unterstreichungen sieht, auch gelesen, obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern konnte.<br \/>\nVon Johannes Urzidil habe ich mir, glaube ich, in der legend\u00e4ren Buchhandlung Herzog auf der Mariahilferstra\u00dfe &#8220;Goethe in B\u00f6hmen&#8221; gekauft und dann noch bei irgendeinem Abverkauf ein Heftchen zu &#8220;Goethes  Amerikabild&#8221;.<br \/>\nViel habe ich damals von Urzidil nicht gewu\u00dft und ihn auch vergessen, bis mir Judith Gruber- Rizy im J\u00e4nner, die Einladung zu der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/26\/johannes-urzidil-lesebuch\/\">Johannes Urzidil Buchpr\u00e4sentation<\/a> im tschechischen Zentrum schickte, die eine wirklich eindrucksvolle Veranstaltung war. Ich bin nach Hause gegangen, habe nachgeschaut, was ich von Urzidil auf der B\u00fccherliste habe, die B\u00fccher in Harland gesucht und die &#8220;Verlorene Geliebte&#8221; auf meine Sommerleseliste gesetzt.<br \/>\nDie neun Geschichten des 1896 in Prag geborenen und 1970 in Rom gestorbenen Urzidil, der 1939 nach England emigrierte und 1941 nach New York kam, wo er auch lebte, sind auch sehr beeindruckend. Weil einerseits sehr schlichte Lebenserinnerung und dann pr\u00e4gen sich manche fein erz\u00e4hlte Geschichten wieder auf eine sehr starke Weise ein.<br \/>\nDie erste Geschichte hei\u00dft &#8220;Spiele und Tr\u00e4nen&#8221; da wird noch von &#8220;dem Knaben&#8221; erz\u00e4hlt, der sp\u00e4ter dann zum &#8220;Ich&#8221; wechselt.<br \/>\n&#8220;Der Leser wei\u00df  ja bereits, da\u00df ich selbst es bin!&#8221;<br \/>\nEigentlich beginnt es mit einem Garten oder einem Hinterhof eines Prager Hauses, der f\u00fcr das M\u00e4dchen  Adele gemietet wurde. Der Knabe durfte  darin spielen und gr\u00fc\u00dft das M\u00e4dchen immer ehrfurchtsvoll , wenn er ihn betritt und bewunderte sie sehr. Das M\u00e4dchen hat auch einen Onkel, der sie besucht und der sie nach Wien f\u00fchren soll, um ihr den Kaiser zu zeigen. Der Onkel nimmt dem Knaben in eine Zirkusvorstellung mit, wo die Liebe des Knaben Adele verl\u00e4\u00dft und sich der Trapezk\u00fcnstlerin Isabella zuneigt. Das Kapitel endet mit dem Tod Adeles, alle tragen schwarze Kleider und sind best\u00fcrzt. Ja, damals ist man noch an Scharlach, Diphterie oder anderen Kinderkrankheiten gestorben.<br \/>\nDas zweite Kapitel berichtet vom  Leben des Knaben, Urzidil hat seine Mutter fr\u00fch verloren. Dann kommt eine &#8220;Stief&#8221; ins Haus, eine Tschechin mit der der Knabe sich nicht versteht und als der Vater stirbt, wird er Unterlagen finden, da\u00df er ein uneheliches Kind hatte. Es wird auch das Leben des Knaben in Prag genau beschrieben.Die Bedienerin kocht f\u00fcr ihn. Nach der Schule holt er den Vater von seinem Amt ab, er war Eisenbahnbeamter und hat nicht viel verdient,  ist mit ihm in ein Wirtshaus gegangen, wo er mit nach dem K\u00f6nig Boris, genannt wurde, obwohl ergar nicht so gehie\u00dfen hat.<br \/>\nManche Geschichten muten heute gar nicht mehr verst\u00e4ndlich an, zum Beispiel die, wo der Vater zu Silvester mit der &#8220;Stief&#8221; Biertrinken war, dann sein Portemonnaie mit dreihundert Kronen, seinen ganzen Monatslohn verliert und der Knabe geht in der Nacht das B\u00f6rsel suchen und meldet auch bei der Polizei den Diebstahl an. Von einem Beamten mit dem hohen Tschako will er dann nicht nach Hause begleitet werden, so l\u00e4uft er ihm davon.<br \/>\nEs wird auch das Leben der Dienstm\u00e4nner geschildert, die es damals noch gegeben hat, bevor sie von den Radlern abgel\u00f6st wurden, die meistens Briefe an Damen vom Theater von Offizieren abzugeben hatten und weil ein solcher im Hause wohnte, bekommt der Knabe manche Auftr\u00e4ge durchzuf\u00fchren, die ihn dann in seelische Bedr\u00e4ngnis versetzen.<br \/>\nSehr beklemmend auch die Geschichte, die  im ersten Weltkrieg spielt. Da war Urzidil schon Soldat und mu\u00dfte abends um neun zu Hause sein. Er sieht aber im Kaffeehaus Franz Kafka sitzen, trinkt einen Schwarzen und wird vom Kellner vor der Milit\u00e4rpolizei gewarnt, so versteckt er sich in der Wohnung seines Schulfreundes. Das Dienstm\u00e4dchen l\u00e4\u00dft ihn hinein. Der Schulfreund tut Dienst im Lazarett, Mutter und Schwester schlafen, so sitzen die beiden im Salon, es hat sich noch ein Deutschmeister angeschlo\u00dfen und die Polizei verl\u00e4\u00dft die ganze Nacht nicht das Haus, weil sie einen M\u00f6rder sucht, von dem sich sp\u00e4ter herausstellt, da\u00df das der ist mit dem Urzidil im Zimmer sitzt.<br \/>\nDie Geschichte vom &#8220;Repitenten B\u00e4umel&#8221; habe ich schon im Tschechischen Zentrum geh\u00f6rt. Da geht der Knabe schon ins Gymnasium und da wird eines sch\u00f6nen Tages ein M\u00e4dchen aufgenommen. Die Burschen gr\u00fcnden erst den Klub der Weiberhasser, bis Urzidil sich in das M\u00e4dchen verliebt und als die Knaben sp\u00e4ter auf Klassenreise nach Weimar fahren, f\u00fchrt B\u00e4umel sie in ein Bordell.<br \/>\nEinige Geschichten spielen am Land. Urzidil hat die Ferien offenbar bei einem Vetter verbracht, der dort Schulmeister ist, wirft einen Ball \u00fcber die Mauer eines  Schlo\u00dfes und wird von der &#8220;Schlo\u00dfliesl&#8221;, einer seltsamen Frau, eingeladen  \u00fcber die Mauer zu klettern und sich von ihr am Klavier vorspielen zu lassen. Als er schon Redakteur ist, verbringt er die Sommer bei einem Herrn Stifter, der nicht mit dem Adalbert verwandt ist und auch dessen Namen nicht kennt, der hat eine seltsame Tochter, die mit Tieren spricht, in der Schule aber nicht f\u00fcr lernf\u00e4hig gilt und als sie ins Kloster soll, ins Wasser geht, heute w\u00fcrde man sie  Autistin nennen.<br \/>\nUrzidil versteht etwas sehr geheimnisvolles aus der Begegnung mit diesem armen M\u00e4dchen zu machen und auch die letzte in dem Buch enthaltenen Geschichte, habe ich schon im tschechischen Zentrum geh\u00f6rt. Hitler hat Prag besetzt und Urzidil mu\u00df hinaus, da erinnert er sich an einen Schulfreund aus der Volksschule, einem anderen armen Kind, mit Holzbein, das sp\u00e4ter auch im Gef\u00e4ngnis war, der l\u00e4\u00dft ihn bei sich schlafen und gibt ihm einen Zettel aus der Schule, wo er hat schreiben m\u00fc\u00dfen &#8220;Du sollst nicht schw\u00e4tzen und einsagen&#8221;. Im Zug, als er Prag dann verl\u00e4\u00dft, hat er ein ungutes Gef\u00fchl, weil die Papiere gef\u00e4lscht sind. Er gibt dem Schaffner irrt\u00fcmlich den Zettel, der  lacht und stempelt die falschen Paiere ab.<br \/>\nSchade, da\u00df das letzte Kapitel fehlt und das mit dem gewerbsm\u00e4\u00dfigen Weiterverkaufen, bzw. Verleihen des inzwischen schon sehr vergilbten B\u00fcchleins, w\u00e4re auch sehr schwierig, sind mir die Seiten beim zweiten Lesen ja geradezu aus dem Buch gefallen, was sehr schade ist, weil ich nicht sicher bin, ob die &#8220;Verlorene Geliebte&#8221; inzwischen nicht vergriffen ist.<br \/>\nEs gibt aber eine Johannes Urzidil Gesellschaft, die sehr r\u00fchrig ist und mit dem im J\u00e4nner in Wien vorgestellten Neuausgaben durch \u00d6sterreich und Deutschland tourt und auch meinen Literaturgefl\u00fcsterartikel auf ihrer Website verlinkte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die verlorene Geliebte&#8221;, Johannes Urzidils, 1956 erschienene Erinnerungen an Prag, irgendwo habe ich auch die Bezeichnung Roman gefunden, jetzt w\u00fcrde man es wahrscheinlich Memoir bezeichnen, sind zehn Erz\u00e4hlungen, in der Goldmann Taschenbuchausgabe, die ich mir irgendwann vor Jahrzehnten, gekauft habe, &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15252\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-15252","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15252"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15252\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}