{"id":15086,"date":"2012-07-06T23:12:27","date_gmt":"2012-07-06T21:12:27","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=15086"},"modified":"2012-07-06T23:12:27","modified_gmt":"2012-07-06T21:12:27","slug":"die-flucht-ohne-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=15086","title":{"rendered":"Die Flucht ohne Ende"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die Flucht ohne Ende&#8221;,  von Joseph Roth als Bericht tutuliert, beschreibt &#8220;die Geschichte meines Freundes, Kameraden und Gesinnungsgenossen Franz Tunda. Ich folge zum Teil seinen Aufzeichnungen, zum Teil seinen Erz\u00e4hlungen. Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich nicht mehr darum zu &#8220;dichten&#8221;. Das Wichtigste ist das Beobachtete-&#8220;,Paris, im M\u00e4rz 1927, Joseph Roth, beginnt das Vorwort lapidar und beeindruckend.<br \/>\nDann geht sie los auf knappen hundertdreiundvierzig Seiten, die Geschichte des  Oberleutnants der \u00f6sterreichischen Armee, der im August 1916 in russische Gefangenschaft geriet, in Wien mit einem b\u00fcrgerlichen Fr\u00e4ulein namens Irene verlobt war und ihre Fotografie immer noch bei sich tr\u00e4gt. Mit Hilfe eines sibirischen Judens gelang ihm die Flucht, da er als Sohn eines \u00f6sterreichischen Majors und einer polnischen J\u00fcdin Polnisch sprach und lebte bei diesem Polen namens Baranowicz einige Zeit, der ihm  Papiere auf diesen Namen verschaffte und ihn als seinen Bruder ausgab. Weil der Pole sehr einsam lebte, erfuhr er erst 1919 vom Ende des Weltkrieges, dann wollte er nach Wien zur\u00fcck, wurde aber von der roten Armee verhaftet und blieb einige Zeit &#8220;bei den Roten.&#8221;<br \/>\nKam nach Moskau, trug den roten Stern,  lebte mit einer Rotgardistin namens Natascha zusammen, die ihm seine B\u00fcrgerlichkeit vorwarf und ihn nicht verstand. Lebte sich mit ihr auseinander, war Filmvorf\u00fchrer, um das Volk mit revolution\u00e4ren Filmen zu belehren, kam nach Buku, wo er als sich verheiratete, um   irgendwann auf der Suche nach seiner seine ehemalige Braut, die sich inzwischen verheiratet hatte, zuerst nach Wien, dann in eine rheinische Kleinstadt, wo sein Bruder als Kapellmeister lebte, und zuletzt nach Paris zu kommen.<br \/>\n&#8220;Auf seinem langen Weg von Sibirien \u00fcber Wien und Berlin nach Paris zeigt sich immer deutlicher, da\u00df er mit dem Untergang des Habsburger Reiches nicht nur eine Heimat, sondern auch seine Idetit\u00e4t verloren hat!&#8221;, steht in der Beschreibung und der starke Ton Roths ist in seiner lapidaren Schlichtheit sehr beeindruckend.<br \/>\n&#8220;Glauben Sie, dass Sie imstande w\u00e4ren, mir pr\u00e4zise zu sagen, worin diese Kultur besteht, die Sie zu verteidigen vorgeben, obwohl sie gar nicht von au\u00dfen angegriffen wird?&#8221;, fragt Tunda in Paris, wo die Damen mit H\u00fcten und in Handschuhen ihre Kuchen essen.<br \/>\n&#8220;In der Religion!&#8221; &#8211; sagte der Pr\u00e4sident, der niemals die Kirche besuchte.<br \/>\n&#8220;In der Gesinnung&#8221; &#8211; die Dame, von deren illegitimen Beziehungen die Welt wusste.<br \/>\n&#8220;In der Kunst&#8221; &#8211; der Diplomat, der seit seiner Schulzeit kein Bild betrachtet hatte.<br \/>\n&#8220;In der Idee Europa&#8221; &#8211; sagte klug, weil allgemein ein Herr namens Rappaport.&#8221;<br \/>\nIn Paris geht Tunda dann das Geld aus, trifft  Irene wieder, die ihn nicht mehr erkennt und bekommt von seinem Bruder Baranowicz einen Brief nachgeschickt, der ihm schreibt, da\u00df ihn seine Frau in Sibirien erwarten w\u00fcrde.<br \/>\n&#8220;Es war am 27. August 1926, um vier Uhr nachmittags, da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und frisch, inmitten der Hauptstadt der Welt und wu\u00dfte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So \u00fcberfl\u00fcssig wie er war niemand in der Welt.&#8221;, beendet der  &#8220;unerbittliche Erz\u00e4hler&#8221; Roth, wie es Marcel Reich-Ranicki nannte, seine eindrucksvolle Beschreibung, wie es damals in den deutschen St\u00e4dtchen, als noch die Fuhrwerke zwischen den Automobilen fuhren, sich die Kapellmeister noch Diener hielten und man in Gesellschaft allerhand Unsinn verzapfte und man kann sich vorstellen, wie das einer, der in dieser Zeit herumirrte, empfinden und daran zerbrechen konnte.<br \/>\nJoseph Roth wurde 1894 in Ostgalizien geboren, lebte ab 1918 als Journalist in Wien, dann in Berlin, von 1923-1933  war er Korrespondent der Frankfurter Zeitung. In den Neunzehndrei\u00dfigerjahren erlangte er mit den Romanen &#8220;Hiob&#8221; und &#8220;Radetzkymarsch&#8221; Weltruhm. 1933 emigrierte er nach Paris, wo er 1939 verarmt starb. Einige seiner Taschenb\u00fccher habe ich mir zu einem seiner Jubil\u00e4ums einmal gekauft, wo ich nicht mehr genau wei\u00df, was ich davon gelesen habe. Der &#8220;Radetzkymarsch&#8221; war im elterlichen  B\u00fccherkasten und den Film, der in den Siebzigerjahren mit Guido Wieland ins Fernsehen kam, hat mich entt\u00e4uscht, weil soviel von der Monarchie die Rede war, was ich  damals nicht verstanden habe und \u00fcberhaupt micht interessierte. Jetzt habe ich das Buch herausgenommen und werde es noch wohl noch diesen Sommer lesen. Sonst habe ich von \u00fcber Roth, der ja immer noch sehr verehrt wird und seine Fans hat, die ihn zur G\u00e4nze lesen bzw. Gesellschaften f\u00fcr ihn gr\u00fcnen, einige Ausstellungen und <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/03\/31\/ein-abend-fur-joseph-roth\/\">Veranstaltungen<\/a> <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/23\/essays-reportagen-feuilletons-von-joseph-roth\/\">im Literaturhaus<\/a> besucht und auch schon \u00f6fter geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Flucht ohne Ende&#8221;, von Joseph Roth als Bericht tutuliert, beschreibt &#8220;die Geschichte meines Freundes, Kameraden und Gesinnungsgenossen Franz Tunda. Ich folge zum Teil seinen Aufzeichnungen, zum Teil seinen Erz\u00e4hlungen. Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. 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