{"id":14913,"date":"2012-06-29T00:35:01","date_gmt":"2012-06-28T22:35:01","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=14913"},"modified":"2012-06-29T00:35:01","modified_gmt":"2012-06-28T22:35:01","slug":"als-die-glocke-verstummte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=14913","title":{"rendered":"Als die Glocke verstummte"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal findet man im offenen B\u00fccherschrank ganz seltsame B\u00fccher. Raissa Orlowas &#8220;Als die Glocke verstummte &#8211; Alexander Herzens letztes Lebensjahr&#8221;, aus dem Karin Kramer Verlag Berlin, 1988 erschienen. Raissa Orlowa?, Alexander Herzen? Nie geh\u00f6rt, also Google und Wikipedia bem\u00fchen und da findet man heraus, da\u00df Raissa Dawydowna Orlowa-Kopelewa, 1918 in Moskau geboren, 1989 in K\u00f6ln gestorben, russische Schriftstellerin und  Amerikanistin, die zweite Ehefrau von Lew Kopelew war und mit ihm 1981 aus der Sowetunion ausgeb\u00fcrgert wurde. Sie lebte dann in K\u00f6ln und war mit Heinrich und Annemarie B\u00f6ll befreundet. In ihrem ersten Buch &#8220;Die T\u00fcren \u00f6ffnen sich langsam&#8221; hat sie beschrieben, wie schwer es f\u00fcr sie war in Deutschland anzukommen.<br \/>\n&#8220;Als die Glocke verstummte&#8221; ist ihr viertes Buch und da kann man sich zu Alexander Iwanowitsch Herzen googlen, 1812 in Moskau geboren, 1870 in Paris gestorben, der ein russischer Philosoph und Schriftsteller war und leider, wie Raissa Orlowa schreibt &#8220;habe ich im Westen mit Betr\u00fcbnis entdeckt, da\u00df Alexander Herzen, ein Weltb\u00fcrger, der \u00fcber Westeuropa so viele brillante Seiten geschrieben hat, fast unbekannt ist.&#8221;<br \/>\nZuerst ist aber der Sohn eines russischen Adeligen und einer aus Stuttgart kommenden Deutschen in Russland ziemlich feudal aufgewachsen. Seine Eltern schlossen zwar keine richtige Ehe und nannten ihn Herzen, weil er ein Kind des Herzens war. Er studierte und schlo\u00df sich intellektuellen revolution\u00e4ren Kreisen an, wurde verhaftet, sowie verbannt und verlie\u00df 1847 mit seiner Familie Russland in Richtung Europa. Hier ist dann der Weltb\u00fcrger herumgefahren,lebte dreiundzwanzig Jahre im Westen, in  Nizza, Z\u00fcrich, Vichy, Florenz, Genf, Br\u00fcssel, Aix -les -Bains und Paris und gab mit seinem Freund Ogarlow, die erste freie Zeitschrift &#8220;Die Glocke&#8221; heraus und gr\u00fcndete in London, die freie russische Druckerei. Das steht in einer Art Vorwort auf der ersten Seite, wo Raissa Orlowa auch erz\u00e4hlt, da\u00df sie mit ihrer Arbeit \u00fcber Herzen schon Ende der Siebzigerjahre in Moskau begonnen hat.<br \/>\n&#8220;Damals ahnte ich nicht, da\u00df ich je in Genf die H\u00e4user suchen w\u00fcrde, in denen  Herzen gelebt hat.&#8221;<br \/>\nDa\u00df das Buch nur das Jahr 1869, Herzens letztes Lebensjahr, beschreibt, ist seltsam und originell, Raissa Orlowa meint, da\u00df es ein sehr wichtiges Jahr ist. F\u00fcr jemanden wie mich, der den Namen Herzen vorher noch niemals h\u00f6rte, in der Sowetunion der Siebzigerjahre war er Schullekt\u00fcre und sich auch mit der russische Revolution nicht so auskennt, ist das ein wenig schwierig. Zum Gl\u00fcck gibt es aber Wikipedia, wenn ich das Buch in den Achtzigerjahren gelesen h\u00e4tte, h\u00e4tte ich mir viel schwerer getan. Gibt es zwar eine Art Einleitung, dann geht es aber gleich los mit Briefen und Textausz\u00fcgen und wenn man keine Ahnung von Alexander Herzen und der &#8220;Glocke&#8221; hat, schwimmt man ein wenig.Ich bin aber historisch interessiert und es tauchen auch immer wieder bekannte Namen auf. Michael Bakunin zum Beispiel. Mit Sergej  Netschajew einem anderen Revolution\u00e4r, der im Leben Herzens offenbar eine gro\u00dfe Rolle spielte, tue ich mir schwerer und von der Literatur- oder was auch immer Zeitung &#8220;Die Glocke&#8221; habe ich auch nicht viel mitbekommen, was aber wahrscheinlich an mir liegt und Raissa Orlowa ohnehin immer Textbeispiele gibt.<br \/>\nHerzen ist jedenfalls in einem Russland aufgeachsen wo es noch Leibeigene gab und die Gutsherren die Bauern pr\u00fcgelten, er hat auch die 1848 Revolution miterlebt und die russische vorausgeahnt. Dann gab es  Schwierigkeiten mit seinen Ehefrauen und seinen Kindern und im letzten Lebensjahr war er auch krank. Er hatte Diabetes und offenbar ein wichtiges Werk &#8220;Briefe an einen alten Genossen&#8221; geschrieben, dem im Buch ein ganzes Kapitel gewidmet ist.<br \/>\nHerzen ist im J\u00e4nner 1870 gestorben. Im Herbst 1870 erschien in Genf das Buch I. A. Herzen &#8220;Sammlung nach dem Tod ver\u00f6ffentlichter Arbeiten&#8221;, herausgegeben von seinen Kindern. In seiner Heimat wurde er erst nach der Revolution von 1905 ver\u00f6ffentlicht und war in der Sowetunion, wie Raissa Orlowa in ihrem Nachwort schreibt, Pflichtlekt\u00fcre. Es gibt die Memoiren eines Russen und da den Band drei &#8220;Gedachtes und Erlebtes&#8221;, der Raissa Orlowa durch ihr ganzes Leben f\u00fchrte.<br \/>\n&#8220;Seit der Kindheit habe ich es immer gelesen, in Ausschnitten oder im Ganzen.&#8221;<br \/>\n&#8220;Ist heute eine Zeit f\u00fcr Alexander Herzen?&#8221;, fragt Raissa Orlowa weiter, die von 1976-1988 an dem Buch geschrieben haben d\u00fcrfte.<br \/>\n&#8220;Wenn ich dazu beitragen k\u00f6nnte, da\u00df Herzens B\u00fccher in Deutschland neu gelesen w\u00fcrden, w\u00e4re ich gl\u00fccklich&#8221;, lautete der letzte Satz.<br \/>\nDas ist ist wahrscheinlich nicht gelungen. Mir war der Name Herzen jedenfalls unbekannt. Bei Wikipedia kann man aber etwas \u00fcber ihn finden und dank des offenen B\u00fccherschrankes und dem oder der, die es hineinlegten, habe ich ein St\u00fcckchen Nachhilfe in Sachen Russische Revolution\u00e4re und russische Literatur bekommen. Ja, richtig Dostojewski und seine &#8220;D\u00e4monen&#8221; kommen auch immer vor, sowie L. Tolstoj.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal findet man im offenen B\u00fccherschrank ganz seltsame B\u00fccher. Raissa Orlowas &#8220;Als die Glocke verstummte &#8211; Alexander Herzens letztes Lebensjahr&#8221;, aus dem Karin Kramer Verlag Berlin, 1988 erschienen. Raissa Orlowa?, Alexander Herzen? 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