{"id":14739,"date":"2012-06-19T00:59:48","date_gmt":"2012-06-18T22:59:48","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=14739"},"modified":"2012-06-19T00:59:48","modified_gmt":"2012-06-18T22:59:48","slug":"ein-uberlebenskunstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=14739","title":{"rendered":"\u00dcberlebensk\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich habe ich zu den aktuellen literarischen Gesellschaftsbefunden am Montag in der Alten Schmiede der Pr\u00e4sentation von Gy\u00f6rgy Dalos &#8220;Der Fall des \u00d6konomen&#8221; gar nicht kommen wollen. Wurde es ja schon auf der letzten <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/12\/dritter-messetag\/\">Buch Wien<\/a> vorgestellt und in<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/18\/zuruck-aus-leipzig\/\"> Leipzig habe ich ihn im Berliner Zimmer<\/a> auch geh\u00f6rt, da bin ich aber, glaube ich, zusp\u00e4t gekommen, weil ich mir vorher noch einen Kaffee vom TAZ-Stand holte und ich ja nicht so gerne zu einer Veranstaltung zweimal gehe, um nicht im Literaturgefl\u00fcster dasselbe zu berichten, aber da ich in den Wochen ohnehin bei relativ wenig Literaturveranstaltungen war, habe ich umdisponiert und gut daran getan.<br \/>\nObwohl die Alte Schmiede ganz im Gegenteil zur <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/06\/13\/wer-ist-denn-schon-zu-hause-bei-sich\/\">letzten Woche<\/a> ziemlich leer war, als ich den Kellersaal erreichte. Den pensionierten Lehrer, der mir einmal ein Buch abgekauft hat und den ich schon l\u00e4nger nicht mehr gesehen habe, habe ich getroffen, der hat sich gewundert, da\u00df sich sowenig Leute f\u00fcr Dalos interessieren. Er h\u00e4tte geglaubt, es w\u00e4re voller Es war aber ein sehr hei\u00dfer sch\u00f6ner Tag und Fu\u00dfball EM ist ja derzeit auch.<br \/>\nHinter mir sa\u00dfen zwei ungarisch sprechende M\u00e4nner, Cornelius Hell ist dann noch sehr schnell hereingehuscht und Kurt Neumann oder war das schon der Einleiter Michael Cerha, erz\u00e4hlte etwas von einem leicht und locker geschriebenen Schelmenroman.<br \/>\nKurt Neumann wars, denn Ge\u00f6rgy Dalos bezweifelte etwas sp\u00e4ter, da\u00df es einer w\u00e4re, denn dann g\u00e4be es in Ungarn ein paar Millionen Schelmen, wenn man die Aren so bezeichnen w\u00fcrde. Denn darum geht es in dem Roman, die Geschichte einer j\u00fcdischen Familie in Budapest oder eigentlich nur um den f\u00fcnfundf\u00fcnzigj\u00e4hrigen Sohn, denn die Mutter ist schon lange tot. Der Vater stirbt f\u00fcnfundneunzigj\u00e4hrig im ersten Satz des Buchs,  der Sohn organisiert das Begr\u00e4bnis und versucht die Opferrente abzustellen, die der Vater als Jude von einer Schweizer Organisation bekommt, dreihundert Franken, das geht aber irgendwie nicht und der Sohn, der \u00d6konom, ist schon lange arbeitslos und beginnt zu \u00fcberlegen, von was er nun leben soll? So kommt er auf die Idee das von der Rente des Vaters zu tun und tut das f\u00fcnf Jahre lang. Dann w\u00fcrde der Vater hundert werden und da will die Organisation, dem Vater ein Filmteam schicken. um eine Dokumentation \u00fcber den \u00e4ltesten von ihnen unterst\u00fctzten Juden zu drehen und so mu\u00df der Sohn den Tod des Vaters bekanntgeben. Da er aber ohnehin bald sechzig wird, hat er dann auch Anspruch auf eine eigene Rente.<br \/>\nEin sehr interessantes realistisches Thema mit dem man wie Ge\u00f6rgy Dalos in seiner Einleitung erkl\u00e4rte, das Leben seiner Generation beschreiben kann. Der Vater aus einem KZ zur\u00fcckgekommen, ist ungern aus dem Haus gegangen und wollte seinen Sohn auch nicht ins Schwimmbad begleiten, weil er Angst vor dem Schlangestehen vor der Kasse hatte. Gabor war zuerst ein schlechter Sch\u00fcler, dann wurde er auf ein Stipendium nach Moskau geschickt und hat dort \u00d6konomie studiert, aber welche? Nat\u00fcrlich die realsozialistische, also das, was Marx und Engels daf\u00fcr hielten. Dann hatte er wahrscheinlich einen Job, aber die, die es im sozialistischen Ungarn gab, waren eine reine Geldbeschaffung und nichts zu tun, achtzig Angestellte in den staatlichen Einrichtung mit Arbeit f\u00fcr f\u00fcnf, erkl\u00e4rte Ge\u00f6rgy Dalos, dann kam die Wende, da hat er einige Jahre im Parlament gearbeitet, dann wurde er arbeitslos, hat den Anschlu\u00df also nicht geschafft und lebte von der Rente seines Vaters bis zu dessen Tod und auch noch f\u00fcnf Jahre danach.<br \/>\nDas St\u00fcck das Ge\u00f6rgy Dalos dann las, bezog sich darauf, da\u00df zus\u00e4tzliche dreiundert Franken angewiesen wurden, was den \u00d6konomen in viele \u00dcberlegungen st\u00fcrzte. Was soll er damit machen, seinen Kontominus begleichen, damit er wieder seine Karte bekommt? Aber er hat keine Lebensmittel. Also zuerst die einkaufen und jetzt sofort, also mu\u00df er schwarzfahren, damit er noch die Bank erreicht, wenn er aber dabei erwischt wird, kommt er zu sp\u00e4t. Er bekommt das Geld, setzt sich damit in ein Gasthaus und stellt \u00f6konomische \u00dcberlegungen an, wie er es am besten ausgeben wird?<br \/>\nEin wahrhaftiges Schelmenst\u00fcck um Armut in Ungarn und den Fall des Kommunismus zu beschreiben, die Realistin in mir, mu\u00dfte dann auch die erste Frage stellen, ob es denn keine Arbeitslosenunterst\u00fctzung in Ungarn g\u00e4be?<br \/>\n&#8220;Doch!&#8221;, antwortete Georgy Dalos, aber auf die h\u00e4tte er keinen Anspruch, nur auf die Sozialhilfe aber die w\u00e4re zu wenig. Cornelius Hell wies darauf hin, da\u00df der Kommunismus besonders die Bauern- und Arbeiterkinder zum Studium gebracht und die anderen davon ausgeschlossen hat und Kurt Neumann fragte nach, warum er keine Arbeit gesucht h\u00e4tte?, aber das ist f\u00fcr einen F\u00fcnfundf\u00fcnzigj\u00e4hrigen wahrscheinlich auch in Ungarn schwierig und Ge\u00f6rgy Dalos setzte noch hinzu, da\u00df Literatur eben immer etwas \u00fcbertreibe. Also das, was ich \u00dcberh\u00f6hung nenne und f\u00fcrchte davon immer zu wenig zu haben. Aber die Idee des leichten und lockeren Schelmenromans mit dem man eine ganze Epoche auf die Schaufel nehmen kann, finde ich sehr faszinierend und denke, da\u00df ich das auch f\u00fcr mich an Anspruch nehmen m\u00f6chte und eigentlich auch so schreibe. So krebst meine <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/06\/16\/entzugserscheinungen-oder-die-zweite-woche\/\">Kerstin<\/a> ja derzeit auch herum und versucht mit einem Achterl t\u00e4glich auszukommen und ich bin dabei, eine gerade richtig erh\u00f6hte Handlung zu erstellen, damit es endlich einmal literarisch wird.<br \/>\nEs kam dann noch die Frage nach der \u00dcbersetzung oder, wie das Buch geschrieben wurde und wie es auf Ungarisch hei\u00dft? Aber das gibt es, wenn ich es richtig verstanden habe, noch nicht auf Ungarisch. Ge\u00f6rgy Dalos lebt ja in Berlin und sagte, Sachb\u00fccher w\u00fcrde er auf Deutsch schreiben, literarische zuerst auf Ungarisch, sie dann selber \u00fcbersetzen und seine Frau macht das Lekotrat, weil ihm auf Deutsch keine literarischen S\u00e4tze einfallen.<br \/>\nAlso ein sehr interessanter Abend und ein sehr interessantes Buch und wenn ich es bei dem schnell einmal Hineinschnuppern gelassen h\u00e4tte, h\u00e4tte ich vieles nicht mitbekommen.<br \/>\nGe\u00f6rgy Dalos wurde 1943 in Budapest geboren und lebt seit 1943 in Berlin, 2010 wurde er mit dem Leipziger Preis f\u00fcr europaische Verst\u00e4ndigung ausgezeichnet und er ist sehr oft in Leipzig, Frankfurt aber auch in Wien zu h\u00f6ren. Als  Imre Kertez 2002 den Nobelpreis bekommen hat, habe ich das in Frankfurt erfahren und war da auch auf einer Dalos Lesung, der dazu befragt wurde und 2009 hat ihn Ditha Brickwell zu ihren <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/06\/09\/die-geschichte-in-den-geschichten\/\">&#8220;Geschichten in der Geschichte&#8221;<\/a> ins Literaturhaus eingeladen, da habe ich mit ihm geredet, war aber ein bi\u00dfchen verschnupft, weil ich ja eigentlich dort lesen sollte und mich deshalb mit Ditha Brickwell auch schon  im Cafe Hummel getroffen habe, wo sie mich dazu einlud, dann hat sie es sich aber anders \u00fcberlegt und offenbar Ber\u00fchmtere genommen.<br \/>\n&#8220;Den Versteckspieler&#8221; habe ich, glaube ich, einmal in einer Halbpreis oder Abverkaufkiste gekauft und 2005 gelesen, als ich mit dem Alfred durch Andalusien gefahren bin und da der &#8220;Fall des \u00d6konomen&#8221;, wie ich gerade sehe, erst 2012 erschienen ist, wird auf der letzten Buch-Wien, wahrscheinlich \u00fcber &#8220;Gorbatschow Mensch und Macht&#8221; diskutiert worden sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich habe ich zu den aktuellen literarischen Gesellschaftsbefunden am Montag in der Alten Schmiede der Pr\u00e4sentation von Gy\u00f6rgy Dalos &#8220;Der Fall des \u00d6konomen&#8221; gar nicht kommen wollen. 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