{"id":14664,"date":"2012-06-14T10:35:47","date_gmt":"2012-06-14T08:35:47","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=14664"},"modified":"2012-06-14T10:35:47","modified_gmt":"2012-06-14T08:35:47","slug":"abschied-von-sidonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=14664","title":{"rendered":"Abschied von Sidonie"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Abschied von Sidonie&#8221; ist das zweite Buch des 1954 in Steyr geborenen Erich Hackl. 1989 erschienen, ich habe die Diogenes Ausgabe von 1991 im B\u00fccherschrank gefunden und gelesen.<br \/>\nGeh\u00f6rt habe ich von dem Buch schon vorher sehr viel, ist Erich Hackl, der ja Dokumentarromane nach wahren Begebenheiten schreibt, die sich meist mit den Diktaturen des Holocausts oder der dritten Welt besch\u00e4ftigen, ja, glaube ich, mit diesen Buch ber\u00fchmt geworden. Das erste &#8220;Auroras Anla\u00df&#8221;, habe ich, ich bin nicht ganz sicher, aus der Reichmannschen B\u00fccherkiste, diesem Antiquariat, das sehr lange abverkaufte, gezogen, als es dort etwas um einen Euro gab und setze es auf <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">Leseliste f\u00fcr 2014.<\/a><br \/>\nUnd die Geschichte des Zigeunerm\u00e4dchens Sidonie Adlersburg, mit lapidaren Worten aufgeschrieben, ist so ber\u00fchrend, da\u00df einem heute noch die Tr\u00e4nen hinunterrinnen, 1990 hat Hackl damit wohl wirklich Aufsehen erregt. Es ist Stoff der Schulklassen, als wir einmal im Lesachtal Schiurlaub machten, hat eines der Kinder der B\u00e4uerin dort, dar\u00fcber schreiben m\u00fc\u00dfen und, um die Fragen, was wir daraus lernen k\u00f6nnen, gleich vorweg zunehmen. Die Zwillinge, die in den Kosovo abgeschoben wurden, sind zur\u00fcckgekommen, weil es einen breiten Protest und Aufstand gegeben hat. Das war vor kurzem. Im dritten Reich war das wohl viel viel schwerer und die Leute auch lange nicht so selbstbewu\u00dft. Hackl schreibt trotzdem auf der letzten Seite, es hat hundertsechzig Kilometer weiter weg einen anderen Fall gegeben, der anders ausgegangen ist, &#8220;Margit eine Frau von 55 Jahren&#8221;, schreibt er &#8220;lebt heute noch und kein Buch mu\u00df an ihr Schicksal erinnern.&#8221;<br \/>\n&#8220;Ich hei\u00dfe Sidonie Adlersburg&#8221; also &#8220;und bin geboren auf der Stra\u00dfe nach Altheim. Bitte um Eltern&#8221;, steht auf dem Zettel, das das Kind bei sich hat, das der Pf\u00f6rtner des Krankenhauses von Steyr im August 1933 entdeckt. Das Jugendamt wird eingeschaltet sucht nach den Eltern, die Mutter d\u00fcrfte eine Zigeunerin namens Anna sein, die sich auch meldet, dann wieder verschwindet, so da\u00df das Jugendamt nach Pflegeeltern sucht. Die erste Frau die sich meldet, bringt das Kind nach zwei Tagen wieder zur\u00fcck, ihr Mann hat sie damit hinausgeschmissen, denn er will kein Zigeueunerkind haben.<br \/>\nSidonie hat trotzdem gro\u00dfes Gl\u00fcck, denn das Arbeiterpaar Josefa und Hans Breirather meldet sich, Josefa nimmt das kleine M\u00e4dchen nach Haus, steckt es in die Badewanne &#8220;Und was ist wenn die Farb runtergeht?&#8221;, fragt der Sohn Manfred.<br \/>\n&#8220;W\u00e4r auch kein Ungl\u00fcck. Aber mir gef\u00e4llt sie besser so. Mir auch&#8221;, sagt Josefa.<br \/>\nVorl\u00e4ufig also alles gut, auch nicht wirklich, denn es kommt ja das Jahr 1934, kein Honiglecken f\u00fcr die Sozialisten, Kommunisten. Hans schlie\u00dft sich dem Schutzbund an, Josefa versteckt Waffen, die Polizei kommt ins Haus, und die Kirche zwingt das Paar kirchlich zu heiraten. Hans wird verhaftet, etc, trotzdem wird die kleine Sidonie 1939 eingeschult und ist bei der Lehrerin Sch\u00f6nauer sehr eifrig, wenn die was fragt, zeigt sie als erste auf, wei\u00df die Antwort dann nicht, will die Lehrerin aber trotzdem nicht \u00e4rgern, die seufzt und &#8220;Sie m\u00fc\u00dfen mit dem Kind mehr \u00fcben!&#8221;, zu der Pflegemutter sagt. Die bekommt regelm\u00e4\u00dfig Besuch von der F\u00fcrsorgerin Frau Grimm, die ihr den Rat gibt, Sidonie ins Haus zu holen, wenn die Zigeuner kommen, damit die das Kind nicht rauben, aber die verschwinden, als das dritte Reich angebrochen ist, ohnehin bald.<br \/>\n&#8220;Seien Sie froh!&#8221;, r\u00e4t Frau Grimm und eines Tages taucht der Gendarmf Lindner auf, der vormals Lebeda hie\u00df, und fragt nach einem omin\u00f6sen Brief, der Josefa nicht beunruhigen soll, aber der kommt erst sp\u00e4ter. Vorerst wird Sidonie gefirmt und wird daf\u00fcr von einer Frau Hinteregger mit einer Kutsche nach Linz gefahren, bekommt von ihr eine sch\u00f6ne Puppe mit so blonden Haaren, wie die der Lehrerin und darf mit ihr mit der Grottenbahn auf den P\u00f6stlingsberg hinauffahren. Denn Sidonie ist in dem Dorf integriert, wie man heute sagen w\u00fcrden, manchmal verspotten sie die Kinder, weil sie so schwarz wie ein Neger ist. Sidonie behauptet dann nur unger\u00fchrt, sie w\u00e4re zuviel in der Sonne gewesen. Der Brief kommt dann doch, im M\u00e4rz 1943, Sidonie soll zu ihrer Mutter kommen, die nun ausfindig gemacht wurde. Josefa beginnt zuerst manisch ihre Arbeit weiterzumachen, dann f\u00e4ngt sie zu weinen an, so da\u00df alle ihr drei Kinder, ein richtiges und zwei Pflegekinder, mitschluchzen rast dann zu der F\u00fcrsorgerin, die sie nur zu ihrer Vorgesetzen schicken kann. Der Pflegevater will das Kind im Wald verstecken und bekommt von seinen Freunden geraten, doch nichts Un\u00fcberlegtes zu tun und sich und seine Familie nicht zu gef\u00e4hrden. Der B\u00fcrgermeister verspricht zu vermitteln und tut das dann doch nicht sehr und der Schuldirektor schreibt, da\u00df das Kind nicht richtig rechnen und schreiben kann und die Pflegeeltern zu nachsichtig sind und als die sagen, sie verzichten auf das Pflegegeld und zahlen das schon erhaltene auf Raten zur\u00fcck, geht das nicht, denn das zehnj\u00e4hrige Kind k\u00f6nnte ja schwanger werden, der Vater arbeitslos etc und der Gemeinde erst recht zur Last fallen. So packt Josefa den Koffer oder Rucksack, packt ihre sch\u00f6nste Bluse als Geschenk f\u00fcr die Mutter, die Schulhefte und B\u00fccher und eine frankierte Postkarte, die Sidonie gleich abschicken soll, hinein, die Verwandten bringen Kekse und Kuchen als Proviant, die Kinder Zeichnungen und die F\u00fcrsorgerin holt das Kind und bringt es in die Heimatgemeinde der Mutter. Die F\u00fcrsorgerin erz\u00e4hlt sp\u00e4ter, Sidonie h\u00e4tte sich, nachdem Josefa weggegangen ist, schnell beruhigt und berichtet von einer dicken Frau, die im Jahr 1943 dicke Wurstschnitten verzehrte und sich ebenfalls \u00fcber das zigeunerhafte Aussehen des Kindes mokierte. Vor dem B\u00fcrgermeister wird das Kind seiner Mutter \u00fcbergeben, die nichts mit ihm anfangen kann. Sidonie beginnt zu weinen und will zur\u00fcck, die F\u00fcrsorgerin l\u00e4\u00dft sich vom B\u00fcrgermeister die Baracke zeigen. Am n\u00e4chsten Morgen ist die aber leer, denn die Insa\u00dfen wurden schon zum Transport nach Auschwitz abgeholt, wo Sidonie bald darauf an Flecktyphus stirbt.<br \/>\nErich Hackl trifft sich im Dezember achtundachtzig in einem Wiener Vorstadtcafe mit Joschi Adlersburg, einem Bruder, der ihm erz\u00e4hlt, da\u00df es die &#8220;Kr\u00e4nkung nicht das Fleckfieber war&#8221; und die Fahrt nach Auschwitz- Birkenau beschreibt. Die F\u00fcrsorgerinnen suchen im Februar vierundvierzig nach dem Luftangriff in Steyr zwischen den Tr\u00fcmmern des zerst\u00f6rten Jugendamtes nach Akten und finden den von Sidonie, der beweisen kann, da\u00df sie nur ihre Pflicht taten &#8220;und dem M\u00e4dchen das beste Zeugnis&#8221; gaben&#8230;<br \/>\nSehr ber\u00fchrend und ersch\u00fctternd, diese so klar und deutlich mit allen Orts-und Namensangaben aufgeschriebene Geschichte zu lesen.<br \/>\nErich Hackl hat inzwischen andere Dokumentarromane geschrieben.<br \/>\n&#8220;Die Hochzeit von Auschwitz&#8221; zum Beispiel, aber auch &#8220;Anprobieren eines Vaters&#8221;. Da war ich, glaube ich, einmal bei der &#8220;Literatur im M\u00e4rz&#8221;, wo das Burg vorgestellt wurde. &#8220;Als ob ein Engel&#8221;, habe ich zum Geburtstag bekommen. Mit Erich Hackl habe ich einmal im Krems, als er beim Kramer-Preis laudadierte, gesprochen, bzw. ihm meine B\u00fccher gezeigt, die er mir abkaufte.<br \/>\n&#8220;Familie Salzmann&#8221; ist das zuletzt Erschienene, da war ich auch bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/09\/10\/aus-der-mitte\/\">Pr\u00e4sentation.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Abschied von Sidonie&#8221; ist das zweite Buch des 1954 in Steyr geborenen Erich Hackl. 1989 erschienen, ich habe die Diogenes Ausgabe von 1991 im B\u00fccherschrank gefunden und gelesen. Geh\u00f6rt habe ich von dem Buch schon vorher sehr viel, ist Erich &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=14664\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-14664","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14664","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14664"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14664\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}