{"id":14605,"date":"2012-06-11T09:48:36","date_gmt":"2012-06-11T07:48:36","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=14605"},"modified":"2012-06-11T09:48:36","modified_gmt":"2012-06-11T07:48:36","slug":"wilma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=14605","title":{"rendered":"Wilma"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt die Besprechung von Evelyn Grills &#8220;Wilma&#8221;, bin ich ja schon beinahe eine Evelyn Grill Expertin, die ich manchmal bei GAV oder anderen Veranstaltungen sehe und habe auch schon einiges von ihr gelesen, konnte man ihre B\u00fccher ja bei den Buchlandungsabverk\u00e4ufen bzw. im <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/04\/schone-kunste\/?preview=true\">B\u00fccherschrank<\/a> finden, eines hat mir <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/10\/24\/ins-ohr\/\">Elfriede Haslehner<\/a> geschenkt. Das <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/15\/das-antwerper-testament\/\">&#8220;Antwerpener Testament&#8221;<\/a> war ein Rezensionsexemplar, hat Residenz, die erst bei Suhrkamp erschienen B\u00e4ndchen ja neu aufgelegt, so auch &#8220;Wilma&#8221;, das von mir gelesene ist aber ein sogenanntes M\u00e4ngelexemplar, aus der Auflage von 1994 und das erste Buch was bei Suhrkamp erschienen ist, die &#8220;Rahmenhandlungen&#8221; erschienen ja im Wiener Frauenverlag, dem ersten echten sozusagen, und <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/09\/09\/winterquartier\/\">&#8220;Winterquartier&#8221;<\/a>, das ich auch gelesen habe, wurde zuerst in der Bibliothek der Provinz verlegt.<br \/>\nJa, so passieren die literarischen Auf- bzw. Abstiege, aber die 1942 in O\u00d6 Geborene beherrscht ja auch den gnadenlosen Tonfall der \u00f6sterreichischen Provinz und ist damit fast Thomas Bernhard ebenb\u00fcrtig, sarkastisch, bissig scharf, sich \u00fcber die Dummheit  und die Rohheit der Menschen lustig machend, bei der Erz\u00e4hlung &#8220;Wilma&#8221; bleibt es bei der gnadenlosen Aufdeckung des Lebens in einem \u00f6sterreichischen Provinzd\u00f6rfchen, das dar\u00fcber Lustigmachen f\u00e4llt Gott sei Dank weg, ist aber ohnehin schon beklemmend genug und erinnert an die F\u00fcnfzigerjahre, obwohl es 1994 erschienen ist. Ich f\u00fcrchte aber fast, es ist vielleicht immer noch so in den \u00f6sterreichischen oder anderen D\u00f6rfern. Felix Mitterer hat sein &#8220;Kein Platz f\u00fcr Idioten&#8221; ja auch nicht sehr viel fr\u00fcher geschrieben und noch in den Siebzigerjahren durften die Bewohner von Gallneukirchen nicht in die \u00f6rtlichen Wirtsh\u00e4user und als der kleine Sohn Edith Thabets, das war wahrscheinlich Ende Achtzig, die Anna ungest\u00fcm umarmen hat, habe ich Worte geh\u00f6rt, die ich lieber <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/02\/erzahlprobleme-und-protagonistenmeinungen\/\">nicht h\u00f6ren wollte<\/a> und so perplex war, da\u00df ich nicht gleich was antworten konnte, sp\u00e4ter wurde es dann nicht mehr verstanden.<br \/>\nEs geht bei Evelyn Grill also um Wilma, das ist ein behindertes M\u00e4dchen, sehr dick und unf\u00f6rmig, das sich durch das D\u00f6rfchen walzt, weil es unz\u00e4hlige R\u00f6cke, Westen, Blusen tr\u00e4gt, sich zur Blasmusik dann aber doch sehr rhythmisch mitbewegt und dabei fast in Ekstase ger\u00e4t. Das sehe ich manchmal am Rathausplatz, in <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/04\/29\/salzburg-lesung\/\">Salzburg<\/a> habe ich es auch gesehen, das Menschen mit Downsyndrom sich von der Musik sehr angezogen f\u00fchlen und offenbar so selbstbewu\u00dft sind, da\u00df sie gleich mittanzen. Die Dorfbewohner in dem Provinzd\u00f6rfchen halten das aber nicht aus und fahren Agnes, die sich um Wilma k\u00fcmmert, an, ob das denn nun sein mu\u00df, die sagt manchmal &#8220;Die Stra\u00dfe ist breit f\u00fcr jedermann&#8221;, hat aber gro\u00dfe Angst, da\u00df man ihr das M\u00e4dchen wegnehmen und in die Psychiatrie stecken k\u00f6nnte. Sie ist aber das Einzige was die Witwe hat, die in einem Hotel als Tellerw\u00e4scherin arbeitet. So geht Wilma anfangs spazieren und betreut das Grab ihrer Gro\u00dfeltern, das klappt aber nicht sehr lang, denn der B\u00e4cker L\u00f6tsch, wei\u00df sich nicht zu beherrschen und vergewaltigt Wilma.<br \/>\nDann kommt noch der Totengr\u00e4ber Kilian ins Spiel, ein verhinderter K\u00fcnstler und als die ver\u00e4ngstigte Agnes, die Vergewaltigte in sein Totengr\u00e4berh\u00e4uschen bringt, will er an ihr sein Meisterwerk erschaffen und wird dabei von Ev, der anderen Au\u00dfenseiterin, weisen Frau, Engelmacherin und Hebamme des Dorfes \u00fcberrascht.<br \/>\nHier ist das Buch auch ein wenig unlogisch, weil warum Wilma bei Kilian schlafen mu\u00df und Agnes sie in der Nacht verl\u00e4\u00dft, ist nur dramaturgisch einsichtbar. Aber nat\u00fcrlich Literatur lebt von Erh\u00f6hung und so realistisch Evelyn Grill die Bewegungen des behinderten M\u00e4dchens auch schildert, eine Handlung will sie schon. Am besten in  Thomas Bernhardscher Manier, ist sie ja eine Meisterin des Provinzgeschehens. Also gibt es unerkl\u00e4rliche Todesf\u00e4lle, M\u00e4nner bringen sich um oder kommen sonstwie zu Tode. Im Dorf wird auch gesprengt, weil man will ja den Fremdenverkehr und der Abtreibungsversuch mi\u00dflingt. So kommt der Sohn Wilmas zwei Monate fr\u00fcher zur Welt, die Mutter verblutet dabei, am Schlu\u00df wird doch ein Arzt gerufen und der holt die Polizei, die Agnes zur Vernehmung mitnimmt und eine Obduktion wird auch angeordnet, w\u00e4hrend der Totengr\u00e4ber Kilian auf Evs Verlangen, die Schachtel mit dem toten Kind zu seinem Vater ins Grab legt und dann verschwindet.<br \/>\n&#8220;Dem Totengr\u00e4ber verdank ich viel&#8221;, meint Agnes.<br \/>\n&#8220;Ja!&#8221;, sagt die Ev, wir werden es ihm schon heimzahlen!&#8221;<br \/>\nEin eindrucksvolles Buch, das f\u00fcr mich von allen Grill B\u00fcchern, die ich gelesen habe, nat\u00fcrlich das ber\u00fchrendste ist. Ein zeigt die menschliche Grobheit und Brutalit\u00e4t des Lebens in der Provinz und sicher auch anderswo, sehr eindringlich und zeichnet das Bild der Behinderten auch sehr realistisch. Ob es uns damit zu mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Menschen mit Behinderungen bringt, wei\u00df ich nicht. Ich f\u00fcrchte, der unf\u00f6rmige durch die Gegend wallendene K\u00f6rper verst\u00e4rkt die Unsicherheit noch und denke, am besten ist viel Kontakt mit den sogenannten Au\u00dfenseitern und da wird zumindestens einiges versucht. Gibt es ja den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/29\/ohrenschmaus-2011\/\">&#8220;Ohrenschmaus&#8221;<\/a> und die Behindertenvereine gehen jetzt mit ihren Klienten hinaus auf die Stra\u00dfe und die M\u00fctter lassen ihre T\u00f6chter auch am Rathausplatz tanzen, manchmal gibts sogar Applaus daf\u00fcr. Ludwig Laher hat ein sehr ber\u00fchrendes <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/04\/einleben\/\">Buch<\/a> geschrieben, ich habe es mit der <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_mimi.html\">&#8220;Mimi&#8221;<\/a> versucht, aus der ich am <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/lesungen\/\">Samstag<\/a> in der Grundsteingasse lesen werde und ein anderes \u00e4lteres Buch, <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/04\/18\/christine\/\">den Erfahrungsbericht einer betroffenen Mutter<\/a>, habe ich im B\u00fccherschrank auch einmal gefunden und darin sind noch die Zust\u00e4nde beschrieben, wie sie Agnes mit Wilma in ihrem D\u00f6rfchen wohl erlebte.<br \/>\nJetzt w\u00fcrde ich noch gern den &#8220;Sammler&#8221; lesen und warte schon darauf das Buch einmal zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt die Besprechung von Evelyn Grills &#8220;Wilma&#8221;, bin ich ja schon beinahe eine Evelyn Grill Expertin, die ich manchmal bei GAV oder anderen Veranstaltungen sehe und habe auch schon einiges von ihr gelesen, konnte man ihre B\u00fccher ja bei &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=14605\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-14605","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14605","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14605"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14605\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14605"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}