{"id":14240,"date":"2012-05-26T21:34:28","date_gmt":"2012-05-26T19:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=14240"},"modified":"2012-05-26T21:34:28","modified_gmt":"2012-05-26T19:34:28","slug":"verfuhrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=14240","title":{"rendered":"Verf\u00fchrungen"},"content":{"rendered":"<p>Das n\u00e4chste Buch auf meiner <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">Leseliste<\/a> und das erste meines Pfingst-Lesemarathons ist Marlene Streeruwitz &#8220;Verf\u00fchrungen&#8221;, ihr 1996 erschienener Roman, der  noch den etwas seltsamen Titel &#8220;3. Folge Frauenjahre&#8221; tr\u00e4gt, weil es die ersten beiden Folgen offenbar nicht gibt. Das Buch habe ich, glaube ich, an dem Tag gefunden, als der B\u00fccherschrank im <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/03\/31\/offener-bucherschrank-und-rosa-winkel\/\">Hegerpark er\u00f6ffnet<\/a> wurde, es aber nicht gleich auf die Leseliste gestellt, denn Marlene Streeruwitz lesen ist schwierig, lautete das Vorurteil. F\u00fcr 2012 habe ich es dann doch getan und inzwischen warten noch einige Streeruwitz Romane, habe ich im Wortschatz, ja einige sehr interessante B\u00fccher &#8220;Lisas Liebe&#8221;, &#8220;Majakovskiring&#8221;, Jessica 30&#8243; gefunden und die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/09\/aktuelle-literarische-gesellschaftsbefunde\/\">&#8220;Schmerzmacherin&#8221;<\/a>, die mich inzwischen auch sehr interessiert, bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/16\/literatur-ist-der-rede-wert\/\">literarischen Soiree <\/a>gewonnen. &#8220;Partygirl&#8221; habe ich bei Buchlandung einmal um einen Euro gekauft und gelesen und einen Roman zum Prekariat hat es im Internet auch einmal gegeben, den ich eifrig verfolgte. Z\u00e4hlt Marlene Streeruwitz ja neben der Jelinek zu den ber\u00fchmtesten \u00f6sterreichischen Autrinnen, um bei den sozialkritischen zu bleiben und wenn ich manche Streeruwitz Argumentationen in Interviews nicht folgen und verstehen konnte, &#8220;Verf\u00fchrungen&#8221; war eigentlich sehr einfach zu lesen, besteht es ja aus sehr kurzen S\u00e4tzen &#8220;Helene mu\u00dfte in die Schule&#8221;, &#8220;Die Geschirrsp\u00fclmaschine war kaputt&#8221;, &#8220;Das Cafe Sacher war leer&#8221;, wird etc, die Handlung aneinandergereiht und hat gleich einen fulminaten Beginn. Da wird die Hauptperson, die drei\u00dfigj\u00e4hrige Helene Gebhart, die zwei Kinder hat, von ihrem Mann getrennt lebt und sich  versucht als Assistentin einer PR-Agentur durchzuschlagen von ihrer Freundin P\u00fcppi aus dem Bett geholt &#8220;Helene m\u00fc\u00dfe zu ihr kommen. Sofort. Dringend&#8221;, weil die offenbar immer wieder Selbstmordversuche macht, Helene l\u00e4\u00dft die T\u00fcre zu der Wohnung der Gro\u00dfmutter, der Mutter ihres \u1e3eannes, die nebenan lebt, offen und f\u00e4hrt los, genau werden die Stra\u00dfen und die Polizeiautos, die sie dabei trifft beschrieben, in der Wohnung sitzt das thail\u00e4ndische Kinderm\u00e4dchen am Boden und ein Freund P\u00fcppis, ein Kunsth\u00e4ndler beugt sich \u00fcber das Bett der vierj\u00e4hrigen Tochter, w\u00e4hrend P\u00fcppi in der Badewanne sitzt und telefoniert. Dann kommt noch ein Mann, n\u00e4mlich Jack the Ripper, denn P\u00fcppi sogar heiraten will, sp\u00e4ter verschwinden dann ihre Diamantringe.<br \/>\nDabei hat Helene andere Sorgen, hat sie ja jung geheiratet, wegen der Kinder ihr Kunstgeschichtestudium aufgegeben, dann hat sie Gregor, ein Mathematiker mit seiner Sekret\u00e4rin betrogen und jetzt ist er nicht da. Helenes Eltern wissen noch immer nicht, da\u00df sie getrennt sind, die Kinderbeihilfe kommt immer noch auf sein Konto und die Bank macht Helene das Leben schwer, denn sie kann nicht mit Geld ausgeben, geht ins Sacher oder in den Stadtpark essen und bezahlt 1989 schon mal f\u00fcnfzig Schillig f\u00fcr eine Melange, au\u00dferdem hat sie einen Freund, einen Musiker, der Schwede genannt, der dauernd von Italien zu ihr kommt und sie f\u00fcr sich bezahlen l\u00e4\u00dft, so da\u00df Helene schon einmal ihren Schmuck ins Pfandhaus tr\u00e4gt. Trotzdem  macht viel f\u00fcr ihre Kinder, zwei M\u00e4dchen, von denen eine st\u00e4ndig den Daumen im Mund hat, die zweite sich in Turnen nicht traut, die F\u00fc\u00dfe in den Ringen h\u00e4ngend \u00fcber den Kopf zu geben, weshalb die Turnlehrerin eine Psychotherapie empfiehlt. Die Schwiegermutter k\u00fcmmert sich einerseits um die Kinder, andererseits gibt es Schwierigkeit mit dem Telefon, das sie nicht bezahlen will und der G\u00f6ttergatte Gregor taucht nur auf, um Helene zu befehlen Kaffee zu kochen und wenn sie sich weigert, sie zu beschimpfen. Er droht ihr auch ihr die Kinder wegzunehmen und will, als Helene dann doch zu einem Anwalt geht, f\u00fcnfzehntausend Schilling Miete, wenn bei ihr in seiner Wohnung ein Mann lebt, hat er ja einmal den Schweden bei ihr getroffen.<br \/>\nIn der PR-Agentur geht es auch um obskure Auftr\u00e4ge, da soll ein Magnetpflaster beworben werden, wof\u00fcr Nacktaufnahmen n\u00f6tig sind, die Helene organisieren mu\u00df und die Sekret\u00e4rin hat eine Katze mit Leberkrebs von deren Sterben sie Helene immer wieder erz\u00e4hlt. Der Stil ist sehr realistisch, dann wieder ein bi\u00dfchen altmodisch, an die Bachmann, vielleicht sogar an Joseph Roth oder Friedrich Torberg erinnernd. Verkehrt ja Helene st\u00e4ndig im Hotel Sacher, im Kalb ect. Sie ist auch die Tochter eines Ministerial- oder Regierungsrat der in Hietzing lebt, also aus dem gehobene b\u00fcrgerliche Milieu, trotzdem zeigt es sehr deutlich die Unterdr\u00fcckung der Frau und Helene wird einerseits sehr passiv naiv geschildert, so l\u00e4\u00dft sie sich von ihren M\u00e4nnern ausn\u00fctzen. Andererseits stragelt sie sich ab, dem Mutterideal nachzukommen, mit Geld kann sie nicht umgehen, sie trinkt auch sehr viel, nimmt Medikamente, hat aber auch st\u00e4ndig Regelschmerzen und blutet dem kindergel\u00e4hmten Physiker, der diese Magnettherapie erfunden hat, den Sessel voll. Sie bekommt nach dem Liebesakt auch mal eine Fieberblase und mu\u00df vom Schweden geretten werden. Es gibt auch wieder sehr packende eindrucksvolle Szenen, zum Beispiel, die die Sekret\u00e4rin und ihre kranken Katze beschreiben und was den Torberg betrifft, der  als n\u00e4chstes auf meiner Leseliste steht, da ist interessant, da\u00df beide die echte Sachertorte beschreiben, die unter der Glasur Marmelade hat, w\u00e4hrend die falsche in der Mitte aufgeschnitten wird. Ein bi\u00dfchen Wien-Klischee f\u00fcr die deutschen Leser gibt es also auch und ich war \u00fcberrascht \u00fcber den realistischen Stil, so \u00e4hnlich schreibe ich n\u00e4mlich auch, wenn auch die b\u00fcrgerlichen Klischees wahrscheinlich fehlen und bin der Streeruwitz ein bi\u00dfchen n\u00e4her gekommen, so da\u00df ich mich schon auf das Lesen der anderen B\u00fccher freue.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das n\u00e4chste Buch auf meiner Leseliste und das erste meines Pfingst-Lesemarathons ist Marlene Streeruwitz &#8220;Verf\u00fchrungen&#8221;, ihr 1996 erschienener Roman, der noch den etwas seltsamen Titel &#8220;3. Folge Frauenjahre&#8221; tr\u00e4gt, weil es die ersten beiden Folgen offenbar nicht gibt. 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