{"id":12878,"date":"2012-04-06T00:42:31","date_gmt":"2012-04-05T22:42:31","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=12878"},"modified":"2012-04-06T00:42:31","modified_gmt":"2012-04-05T22:42:31","slug":"rusland-21-neue-erzahler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=12878","title":{"rendered":"Ru\u00dfland &#8211; 21 neue Erz\u00e4hler"},"content":{"rendered":"<p>Einundzwanzig der interessantesten Autorinnen und Autoren des modernen Ru\u00dfland, von denen die meisten wahrscheinlich nur Ljudmila Ulitzkaja und Vladimir Sorokin kennen werden, sind in diesem, 2003 im deutschen Taschenbuch Verlag erschienen und von Galina Dursthoff herausgegebenen Buch, versammelt, das ich  bei <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/07\/07\/bucher-bucher\/\">Thalia in der Kremsergasse um einen Euro <\/a>erworben und  zur Seite gelegt habe. Erz\u00e4hlungen lese ich ja nicht und es reuig wieder aus dem B\u00fccherregal holte, weil ich dieses Vorurteil ja sp\u00e4testens seit dem Short-<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/26\/short-cuts-i\/\">Cut-Festival<\/a> \u00e4ndern will und es scheint auch ein sehr interessantes Buch zu sein.<br \/>\nMit einem Bild und Nachwort der Herausgeberin, die auf diesen mit Hut, schwarzer Jacke und einem ru\u00dfischen Buch vor der Brust abgebildet ist und es gibt vor jeder der einunzwanzig Geschichten ein Bild und eine Seite Biografie des jeweiligen Autors, auf der er oder sie sich selbst beschreiben und man trotzdem nicht allzu viel erf\u00e4hrt. Zumindest keine Geburtsdaten oder doch nat\u00fcrlich, denn Sergej Nossow verr\u00e4t auf seiner Seite, da\u00df er beim Heumarkt geboren wurde und aufgewachsen ist. Das ist ein Platz in Peterburg um den herum Dostojewskis &#8220;Schuld und S\u00fchne&#8221; handelt und in seiner Geschichte &#8220;Tabuthemen&#8221; spaziert der Held auch auf den Heumarkt, hat Geld in der Tasche, weil er f\u00fcr seine sch\u00f6ne Frau ein sch\u00f6nes Geschenk kaufen will und ger\u00e4t an einem, der ihm  ein Gl\u00e4schen Schnaps verkauft. Getrunken wird in den neuen ru\u00dfischen Geschichten \u00fcberhaupt sehr viel, die Wodkaflasche spielt eine sehr gro\u00dfe Rolle und weil der Held behauptet Gesch\u00e4ftsmann zu sein, will ihm Michail gleich einmal eine Leiche verkaufen. Keine gew\u00f6hnliche, sondern eine ganz besondere, bei der nicht nur den &#8220;Wortk\u00fcnstlern&#8221;  die Spuke wegbleibt, denn die Leiche behandelt &#8220;Tabuthemen&#8221; und damit befa\u00dft sich der Erz\u00e4hler nicht, wurde \u00fcber sie doch schon von Majakowski, Jewtuschenko etc geschrieben. Trotzdem kauft er sie um seine dreihundert Rubel, die dann gleich versoffen werden, um sie anschlie\u00dfend wieder einzugraben und dann steht er da mit zitternder Hand und schw\u00f6rt &#8220;Ich werde es nicht verraten, nein. Niemanden. Niemand wird des erfahren. Niemand.&#8221;<br \/>\nIrena Deneschkina hat in &#8220;Issupow&#8221; ein \u00e4hnliches Begehren, denn sie studiert an der Journalistischen Fakult\u00e4t, obwohl sie sich nicht vorstellen kann, eine Reportage \u00fcber eine lebendige Person zu schreiben, sondern nur \u00fcber &#8220;Issupow&#8221; ihren Freund, der ein Clown und ein Gaukler ist, erz\u00e4hlen will.<br \/>\nAlexander Churgin wurde als Jude in Moskau geboren und lebt in der unabh\u00e4ngigen Ukraine, wobei er als Schriftsteller gleich in einige Dilemmi kommt und hat in &#8220;So was Dummes&#8221; eine sehr witzige Geschichte, wo einer aus dem Gef\u00e4ngnis zu seiner Frau heimf\u00e4hrt, die gerade auf Nachtschicht ist, dann wird gegessen und gesoffen und als sie miteinander im Bett liegen, kann er nicht, denn im Gef\u00e4ngnis und auf der See schrupfen ja die Pimmel ein. So geht er am n\u00e4chsten Tag zu seinem Zwillingsbruder und der geht dann statt ihm nachts zu der Ehefrau, die den Schwindel aber erkennt, aus dem Fenster springt und der Held landet wieder im Gef\u00e4ngnis und begeht dort, glaube ich, auch einen Mord.<br \/>\nLjudmila Ulitzkaja habe ich, glaube ich, einmal, bei der Literatur im M\u00e4rz Veranstaltung im vormaligen noch unfertigen Museumsquartier, das vielleicht noch Messepalast hie\u00df, geh\u00f6rt, Alexandra Millner hat sie vorgestellt und in &#8220;Ru\u00dfische Frauen&#8221; wird gleich weiter gesoffen, diesmal in New York, wo sich drei ehemalige Ru\u00dfinnen treffen und \u00fcber ihre saufenden Exm\u00e4nner schimpfen, dann versuchen sie es miteinander und veranstalten als der Wodka ausgeht, eine Hausdurchsuchung, weil man ja nach Ljudmila Ulitzkaja in russischen Wohnungen mehr Wodka als B\u00fccher findet und am Schlu\u00df beschlie\u00dft eine der Frauen, heim zu ihrem Liebhaber zu fahren.<br \/>\nDer Internet affine Wladimir Tutschkow entwirft in &#8220;Die Insel der Freiheit und des Gl\u00fccks&#8221; das Modell eines amerikanischen Lebens auf sibirischen Boden, das nat\u00fcrlich scheitert und im Faschismus endet.<br \/>\nTatjana Nabatnikowa hat die &#8220;Nationalen Bestseller&#8221; organisiert und ist auf dem Foto bei der \u00dcberreichung einer der Preise abgebildet. In ihrer Geschichte &#8220;Das Archimedische Prinzip&#8221; geht es um eine alte Liebe und um das Wiederhestellen des ursp\u00fcnglichen Zustands. Ilja Stogoff schreibt in &#8220;Einfach am Abend&#8221; von Sex an Drugs&#8221;, da wird einer zu einer Party in einen Club geladen, soll mit einer gelangweilten Sch\u00f6nen Pornos drehen und als er das ausprobieren will, ruft die Ehefrau, die im f\u00fcnften Monat ist an und er mu\u00df nach Hause. Anatoli Gawrilows Geschichte &#8220;Die Berliner Fl\u00f6te&#8221;&#8221; spielt nat\u00fcrlich dort und wird von einer offebar sehr musikalischen Erz\u00e4hlstimme berichtet, die der Tochter eine Fl\u00f6te kaufen will, aber das Geld dazu nicht hat. Jana Wischnewskaja wurde in Kiew geboren und erz\u00e4hlt in &#8220;Durch alle Meere und L\u00e4nder&#8221; vom Krieg und den Soldaten, die sich dabei suizidieren oder durch das wei\u00dfe feine Pulver zu Tode kommen. Dann folgt Andrey Bytschkow, der von sich nicht wei\u00df, ob er sich als Realist, Surrealist oder Avangardist bezeichnen soll und in seiner Geschichte &#8220;Saint-Michel&#8221;, die offenbar in Frankreich spielt, auch von Sex und gekaufter Liebe erz\u00e4hlt, w\u00e4hrend Julia Kissinas Geschichte, wieder in Deutschland spielt, wo sie auch lebt, man sieht die neuen ru\u00dfischen Erz\u00e4hler haben viel erlebt und oftmals auch Migrationserfahrung. Michail Jelisarow wurde 1973 geboren und schreibt in &#8220;Der Stadtteil hie\u00df Panilowka&#8221; von einem Jugendlichen, der mit einem Monteur  &#8220;bis an den Arsch der Arbeit geht&#8221;.<br \/>\nDer 1961 geborene Pawel Krussanow erz\u00e4hlt in h\u00f6chst surrealen T\u00f6nen vom ru\u00dfischen Winter, der ja auch   beeidruckend ist. Da f\u00e4hrt einer im Bus nach Haus, die Frau und der Kartoffelauflauf verlocken nicht sehr, so geht er mit einem, der wie Mephisto gekleidet ist, auf Sauftour und wird am Schlu\u00df dennoch  von seiner Frau erwartet, w\u00e4hrend Irina Borissowa in &#8220;Sommer auf dem Land&#8221; von zwei Rentnerinnen schreibt, die Blumen z\u00fcchten und sich in ihrer Einsamkeit damit gegenseitig bekriegen und Andrej Gelassimow l\u00e4\u00dft uns in &#8220;Zartes Alter&#8221; ins Tagebuch eines Jugendlichen schauen, der von Audrej Hepburn tr\u00e4umt, Klavierspielen lernen will, w\u00e4hrend sich seine Eltern im Schlafzimmer zerstreiten, die Mutter verl\u00e4\u00dft ihn schlie\u00dflich und die alte Klavierlehrerin stirbt, da h\u00f6rt er zu schreiben auf.  Jegor Radow erz\u00e4hlt in &#8220;Tagebuch eines Klons&#8221; was alles mit der Menschheit passieren kann und wer sich als Genie entpuppt und wer sich zu Tode s\u00e4uft und dann trotzdem die Organe des anderen bekommt<br \/>\nH\u00f6chst eindrucksvoll und zu empfehlen, die Geschichten der einundzwanzig neueren ru\u00dfischen Autoren, zu denen  noch Marina Wischnewezkaja, die in &#8220;Sperlingsmorgen&#8221;, die Gedanken und Erlebnisse einer S\u00e4uferin und wahrscheinlich Prostituierten sehr eindrucksvoll beschreibt, Oleg Postnows &#8220;Kornett Jergunow&#8221;,Segej Bolmats &#8220;Shopping&#8221; und Natalja Smirnowas &#8220;Park der Steine&#8221; geh\u00f6ren.<br \/>\n&#8220;Komisch, klug, drastisch, verbl\u00fcffend&#8221;, wie am Buchr\u00fccken steht und wo eigentlich alles beschrieben und nichts ausgelassen wird.<br \/>\nVladimir Sorokin, von dem ich &#8220;Das Eis&#8221; gelesen habe und der in seinem Vorwort davon erz\u00e4hlt, wie er als Kind im Arbeitszimmer seiner Eltern gegen das Heizungsrohr gefallen ist und seither phantastische Bilder in seinem Kopf hat, die er zu ebensolchen Geschichten formt, habe ich vor Jahren in einer sehr \u00fcberf\u00fcllten Hauptb\u00fccherei geh\u00f6rt und da war auch etwas im vorigen Jahr zur noch <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/05\/23\/junge-erzahler-aus-russland\/\">neueren russischen Literatur.<\/a> Im B\u00fccherschrank habe ich vor kurzem Wladimir Kaminers &#8220;Sch\u00f6nhauser Allee&#8221; gefunden, aber der wird, wie ich einmal auf einem Symposium im Literaturhaus h\u00f6ren konnte, ja nicht zu den richtigen Russen gez\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einundzwanzig der interessantesten Autorinnen und Autoren des modernen Ru\u00dfland, von denen die meisten wahrscheinlich nur Ljudmila Ulitzkaja und Vladimir Sorokin kennen werden, sind in diesem, 2003 im deutschen Taschenbuch Verlag erschienen und von Galina Dursthoff herausgegebenen Buch, versammelt, das ich &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=12878\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-12878","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12878"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12878\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}