{"id":12550,"date":"2012-03-15T00:36:47","date_gmt":"2012-03-14T23:36:47","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=12550"},"modified":"2012-03-15T00:36:47","modified_gmt":"2012-03-14T23:36:47","slug":"kassiopeia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=12550","title":{"rendered":"Kassiopeia"},"content":{"rendered":"<p>Von <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/06\/stadt-der-schmerzen\/\">Florenz<\/a> geht es gleich nach Venedig, denn Bettina Balakas bei<a href=\"http:\/\/www.haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/buch&amp;titnr=693\"> Haymon<\/a> erschienener Roman &#8220;Kassiopeia spielt, nicht nur dort, geht der Roman ja weit in die Vergangenheit der Protagonisten und der sie umgebenden Personen zur\u00fcck. Er beginnt und endet aber da und im Klappentext kann man lesen, da\u00df &#8220;Judit Kalmann und Markus Bachgrabn ein Traumpaar sind, das einen romantischen Abend verbringt, der ein unerwartetetes Ende findet &#8211; und da\u00df Bettina Balaka in ihrem neuen Roman von der Tragikkom\u00f6die zwischenmenschlicher Beziehungen, vom Wunsch, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und vom langen Schatten einer Familiengeschichte, der man nicht so leicht entkommt&#8221;, erz\u00e4hlt.<br \/>\nAm Anfang habe ich das gar nicht so empfunden und eher an die Gesellschaftsromane einer Elisabeth G\u00fcrt gedacht, denn so scheint es zu beginnen.<br \/>\nJudit Kalmann, eine Frau Mitte Vierzig, aus guter Salzburger Familie, kinder- und beruflos, aber von ihren verm\u00f6genden Eltern mit gro\u00dfer Brieftasche ausgestattet und, wie Frauen um die vierzig, die in der Gesellschaft mitspielen, offenbar so sind, leicht e\u00dfgest\u00f6rt, sie erlaubt sich im Sommer nur einmal eine Kugel Eis und im Winter drei Pralinen und l\u00e4\u00dft sich von der Haush\u00e4lterin, der Freundin, in dessen Palais sie leben wird, Obst, Gem\u00fcse, Mineralwasser, Wein und Sekt, aber kein Brot und keine Butter besorgen, reist nach Vededig, um dort einen sch\u00f6nen Abend mit dem Schriftsteller Markus Bachgraben zu verbringen, der vor zwei Jahren den ber\u00fchmten Roman &#8220;Kassiopeia&#8221; geschrieben hat und ein Monat lang ein Aufenthaltsstipendium in einer Schriftstellerwohnung hat.<br \/>\nDas wird weitschweifend unter Einbeziehung des Lokalkolorits geschildert. Judit scheint auch ein wenig zwanghaft zu sein, denn das Buch ist voll von Listen, die an die sch\u00f6ne Haush\u00e4lterin Gianna Vescovo mit den Einkaufsw\u00fcnschen, aber auch die von Dingen, die es fr\u00fcher einmal gegeben hat &#8220;Vierteltelefone&#8221; zum Beispiel und die, die es nicht gab &#8220;Handies&#8221; und dann wird gleich einmal in die Familiengeschichte eingetaucht und die der Salzburger Haus\u00e4rztin erz\u00e4hlt, die einmal Kleidergr\u00f6\u00dfe sechsundvierzig hatte, sich dann auf vierunddrei\u00dfig hinunterhungerte, als sie ihren Mann, einen Lehrer, mit einer seiner Sch\u00fclerinnen, in der Salzburger Getreidegasse sah, darauf, ging sie in die Psychiatrie, verliebte sich in den Psychiater und als sie wieder ordinierte, erkl\u00e4rte sie Judits Mutter, da\u00df sie ihr nur eine Schnitte Milchbrot zum Fr\u00fchst\u00fcck geben soll.<br \/>\nJudit ist die Tochter des erfolgreichen Salzburger Unternehmers Franz Kalmanns, in Ungarn geboren und als er er Kommerzialrat wird, erz\u00e4hlt er den Festg\u00e4sten lang und breit die Geschichte, wie er nach dem Krieg Tr\u00fcmmer wegr\u00e4umen mu\u00dfte und dabei auf ein kleines totes j\u00fcdisches M\u00e4dchen stie\u00df und seiner Frau Johanna, die aus S\u00fcdtirol kommt und nicht wei\u00df, wer ihr Vater ist. Dann gibt es noch die Schwester Katalin, zu der die Protagonistin ein sehr gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zu haben scheint. Jedenfalls ruft sie st\u00e4ndig an, sagt, sie h\u00e4tte etwas Wichtiges mitzuteilen und Judit hebt nicht ab, sondern phantasiert von einer Adoption und meint, da\u00df Katalin das angenommenene Kind der Bauunternehmerfamilie ist. Ansonsten gab es eine sch\u00f6ne Kindheit, mit vielen Kinderm\u00e4dchen und einer Mutter, die schon in den Sechzigerjahren der Laissez faire Erziehung huldigte.<br \/>\n&#8220;Alles w\u00e4chst sich aus!&#8221;<br \/>\nSo ist Judit jetzt eine Grand Dame geworden, die sich mit ihren Freundinnen durchs Leben hungert, eine hat die Wohnung in Venedig und teilt, an die anderen den Schl\u00fc\u00dfel aus, so ist Judit nicht allein in dem Palais, sondern bekommt Besuch von der Galeristin Erika und ihrem Hund. Auch dar\u00fcber gibt es Geschichten, wie die kleine Erika von ihren Eltern nach Purkersdorf gefahren wurde und der Gro\u00dfvater, dem Vater die sch\u00f6nen Jugendstilreste aus dem sch\u00f6nen Sanatorium abtransportieren l\u00e4\u00dft, die damals niemand haben wollte oder die, wie sie zu einem einsamen K\u00fcnstler nach G\u00f6teborg f\u00e4hrt und dabei einen Elch \u00fcberf\u00e4hrt.<br \/>\n&#8220;Was hat das mit der Tragikkomm\u00f6die und dem Traumpaar zu tun?&#8221;, k\u00f6nnte man denken.<br \/>\nGeduld, Geduld, man kommt schon darauf, denn Bettina Balaka l\u00e4\u00dft ihre Protagonistin immer wieder nach Venedig zur\u00fcckkehren und mit dem Vaporettos durch die Stadt fahren. Sie trifft auch gleich auf Markus, verabredet sich mit ihm zu einer Liebesnacht, er entwischt ihr aber und nach und nach, etwa in der Mitte erf\u00e4hrt man auch etwas \u00fcber die Beziehung der beiden. Judit hat das Buch in einer Buchhandlung gesehen, dann herausgefunden, da\u00df es am selben Abend eine Lesung gibt, sie l\u00e4\u00dft es sich signieren, geht mit ins Restaurant, dann in ein paar Bars und landet schlie\u00dflich in Markus Bett, der einige Jahre j\u00fcnger ist, findet in den Mails eines, das sich auf sie bezieht. Ein Freund will wissen, ob er die Nacht bei der k\u00fchlen Blonden verbringen wird?<br \/>\n&#8220;Nein, wirklich nicht!&#8221;, schreibt er darauf.<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt erscheint der Dichter, der ein wenig an Thomas Bernhard erinnert und \u00fcber alles schimpft, kocht Eierspeise ohne Brot, l\u00e4\u00dft sich die Visitenkarte geben, gibt aber keine Telefonnummer her und ruft auch nicht an. So da\u00df Judit selber initiativ werden mu\u00df, das Haus besucht, Markus Post \u00fcberwacht und auch verschwinden l\u00e4\u00dft. In Venedig l\u00f6st sie dann auch noch sein Konto auf und nimmt ihm, als sie sich am n\u00e4chsten Morgen doch wieder treffen, den Schl\u00fc\u00dfel zu der K\u00fcnstlerwohnung aus der Jackentasche und geht dorthin, w\u00e4hrend er die Biennale besucht. Dort findet sie in seinem Computer sofort &#8220;Experiment Judit Kalmann&#8221; und kann feststellen, da\u00df der Dichter mit ihr gespielt, bzw. sie als Romanfigur agieren lie\u00df.<br \/>\n&#8220;Game over&#8221; schreibt sie darunter, nimmt den Parmesan aus dem Eiskasten und wartet ab, bis die Ameisen eine schwarze Stra\u00dfe bilden, dann l\u00e4\u00dft sie den Schl\u00fc\u00dfel stecken und geht aus der Wohnung. Ihre Freundin Erika hat inzwischen eine Vision, da\u00df sie von einem chinesischen Bettpfosten besucht wurde und Judit sieht ihre Eltern, Katalin und deren vierten Ehemann auftauchen, die ihr erz\u00e4hlen, da\u00df ihre Mutter gestorben ist, denn in Wahrheit war Judit das Adoptivkind und Markus trifft sie auch wieder und, da\u00df sie von ihrer Mutter in Rom geboren wurde und daher eine Italienerin ist, erf\u00e4hrt man am Schlu\u00df ebenfalls.<br \/>\n&#8220;Wer von Marlene Streeruwitz, Daniel Kehlmann, Robert Menasse&#8230; spricht, darf von Bettina Balaka nicht schweigen!&#8221;, schreibt G\u00fcnter Kaindlsdorfer noch am Buchumschlag.<br \/>\nNun dann tue ich es nicht und erz\u00e4hle oder fl\u00fcsterte, da\u00df ich auf den Namen, der  1966 in Salzburg geborenenen und in Wien als freie Schriftstellerin lebenden, das erste Mal 1992 stie\u00df, als ich in der Jury f\u00fcr das Nachwuchsstipendium war. 1993 hat sie  den Alfred-Ge\u00dfwein-Literaturpreis bekommen, einen Podium Gedichtband herausgebracht und bei Droschl ein paar B\u00fccher verlegt. 2002 hat Ruth Asp\u00f6ck sie und mich zu der Diskussion <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/poesie_und_brotberuf.html\">&#8220;Poesie und Brotberuf&#8221; in Poldis Galeriecafe<\/a> eingeladen, da kann ich mich erinnern, da\u00df sie sagte, da\u00df sie nie umsonst lesen w\u00fcrde und das auch nicht braucht, weil  es ihr ja gelungen ist, Eingang in den Literaturbetrieb zu finden, aber auch die Werke anderer dramatisiert.<br \/>\nMehrere Preise und Erz\u00e4hlb\u00e4nde folgten, 2006 ist der Roman &#8220;Eisfl\u00fcstern&#8221; erschienen, der von einem Soldat aus dem ersten Weltkrieg handelt und jetzt der Gesellschaftsroman &#8220;Kassiopeia&#8221;, der eine, wie ich den Buchtexten weiter entnehme &#8220;doppelb\u00f6dig, \u00fcberraschend und mit einer geh\u00f6rigen Portion Witz erz\u00e4hlt.&#8221;<br \/>\nWas ich davon mitnehme ist, da\u00df man einen Roman durchaus bed\u00e4chtig und weitschweifig beginnen kann. Das \u00fcberraschende ist, da\u00df am Schlu\u00df alles zusammenkommt, die Fragen beantwortet werden, wenn man auch lange glaubte, nette Geschichterln zu h\u00f6ren, die eigentlich mit der Beziehungsgeschichte des Traumpaars und der versprochenen Tragikkomm\u00f6die nichts zu tun zu haben scheinen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Florenz geht es gleich nach Venedig, denn Bettina Balakas bei Haymon erschienener Roman &#8220;Kassiopeia spielt, nicht nur dort, geht der Roman ja weit in die Vergangenheit der Protagonisten und der sie umgebenden Personen zur\u00fcck. 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