{"id":12540,"date":"2012-03-12T00:20:20","date_gmt":"2012-03-11T23:20:20","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=12540"},"modified":"2012-03-12T00:20:20","modified_gmt":"2012-03-11T23:20:20","slug":"nebelschwaden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=12540","title":{"rendered":"Nebelschwaden"},"content":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen war es nebelig oder war das nur, weil sie schon schlecht sah? Weil sich Grauschleier \u00fcber ihre Sehsch\u00e4rfe gezogen haben und diese langsam verdr\u00e4ngten, nach und nach. Aber mit \u00fcber neunzig Jahren braucht es keine Sehsch\u00e4rfe mehr. Da mu\u00df man nicht mehr gut sehen und auch nicht alles wissen, hatte ihre Gro\u00dfmutter gesagt, vor siebenundsiebzig Jahren. Daran konnte sie sich erinnern, da\u00df sie als Backfisch von dreizehn Jahren, ein kleines mageres Ding war sie gewesen, am Bett der Gro\u00dfmutter gesessen war, weil ihr das die Mutter, die ein paar Tage Arbeit in einer Fabrik gefunden hat, so aufgetragen hatte.<br \/>\n&#8220;Sei so lieb, Paulakind und achte auf die Gro\u00dfmama, du mu\u00dft daf\u00fcr auch nicht in die Schule gehen, das regle ich schon mit deinem Oberlehrer!&#8221;, hatte sie gesagt und sie hatte, sch\u00fcchtern und gehorsam, wie die Kinder damals waren, nicht zu widersprechen gewagt.<br \/>\nHeute w\u00e4re das undenkbar, heute lie\u00dfen sich die Kids, wie man die Backfische nannte, nicht mehr gefallen. Sie hatte nicht zu widersprechen gewagt und war gehorsam am Bett der alten, d\u00fcrren Gro\u00dfmama gesessen und hatte ihr mit einem Tuch die rissigen Lippen benetzt. Zuerst hatte die alte Frau nach Wasser verlangt, dann hatte sie sich nicht mehr bewegt und nicht mehr gesprochen und es hatte lange gebraucht, bis sie begriffen hatte, da\u00df die Gro\u00dfmutter von dieser Welt gegangen war und sie verlassen hatte.<br \/>\n&#8220;Du bist nicht schuld daran,  Kindskopf, Paula, bilde dir das nur nicht nein!&#8221;, hatte auch die Mutter  gesagt, als sie von der Fabrik zur\u00fcckgekommen war und der alte j\u00fcdische Hausarzt, den Totenschein ausgestellt hatte. Sie hatte es trotzdem geglaubt. Lange und beharrlich und selbst f\u00fcr einige Zeit verstummt. Hatte schon damals, als  junges, dummes M\u00e4del, die Nebelschwaden vor den Augen gehabt. Sp\u00e4ter, nach dem Krieg hatte sie angefangen scharf zu sehen, ihr Studium beendet, Kinderpsychchologin geworden und, um  ihre Tochter Regina zu k\u00e4mpfen begonnen, da\u00df die strengen F\u00fcrsorgerinnen der jungen Studentin weggenommen und nicht mehr zur\u00fcckgegeben hatten.<br \/>\nLange Jahre um Regina gek\u00e4mpft und nie mehr den Kontakt zu ihr gefunden, bis heute nicht, wo Regina eine genauso alte Frau sein mu\u00dfte, wie es die Gro\u00dfmutter gewesen war. Und sie war  noch viel \u00e4lter. Den neunzigsten Geburtstag vor kurzem gefeiert und da war eine Krankenschwester vom sozialen S\u00fctzpunkt bei ihr aufgetaucht und hatte genauso streng geschaut, wie es die F\u00fcrsorgerinnen damals bei der jungen Studentin taten.<br \/>\n&#8220;Das geht doch nicht, Frau Dr. Nebel, da\u00df sie den ganzen Tag alleine in der Wohnung bleiben? Kommen Sie denn zurecht?&#8221;, hatte sie mit scheinbarer S\u00fc\u00dfigkeit gefragt und sie skeptisch dabei mustert. Sie hatte den Kopf gesch\u00fcttelt &#8220;Papalapapp!&#8221;, geantwortet und wieder den Nebenschwadenschleier vor Augen gehabt, obwohl sie sehr klar sah und nicht einmal eine Brille brauchte. Eine Tatsache, die Herrn Hans, dem sch\u00fcchternen, jungen Mann, der ihr beim Einkaufen manchmal half, die Tasche in ihre Wohnung zu transportieren, sehr gefiel.<br \/>\n&#8220;Sie sehen noch ganz klar und sind noch eine junge Frau!&#8221;, scherzte er immer, bevor er von seiner Gro\u00dfmutter zu sprechen anfing, an die sie ihn erinnern w\u00fcrde. Um die Gro\u00dfmutter kam man, wenn man \u00fcber Neunzig war,  nicht herum und das machte auch nichts. War sie doch Gro\u00dfmutter, obwohl sie ihren Enkel genausowenig sah, wie ihre Tochter Regina. Aber Rainer, der Medizin studiert hatte und auf einen Ausbildungsplatz wartete, rief manchmal an, um ihr von sich zu erz\u00e4hlen und sonst war sie auch nicht den ganzen Tag allein, wie die Krankenschwestertante behauptet hatte. Hatte sie doch ein Radio und daher den  Zugang zu der modernen Welt. Wu\u00dfte alles von den Sparpaketen, den Wirtschaftskrisen, der Schuldenbremse und so weiter und so fort, was die Welt heute bewegte. Das war fast so. wie in den Drei\u00dfigerjahren, als sie jung gewesen war. Fast so und doch ein bi\u00dfchen anders. Von einem Zwangskindergarten in den alle ab dem ersten oder zweiten Lebensjahr gehen sollten, um richtig Deutsch zu lernen, hatte man damals nicht gesprochen. Damals blieben die M\u00fctter bei den Kindern und sangen ihnen vor und damals war auch die Kindersterblichkeit h\u00f6her gewesen und die Frauen hatten viel mehr Kinder, als heute gehabt.<br \/>\nAber sonst merkten ihre scharfen Augen, trotz der Nebelschwaden, die sie umw\u00f6lkten, Parallelen. Von der Arbeitslosigkeit hatte man damals auch gesprochen und man hatte, wenn man die Schule oder die Universit\u00e4t beendet hatte, genausowenig eine solche bekommen, wie man das offenbar heute tat und auch von Studiengeb\u00fchren sprach man heute wieder. War allethalben zu h\u00f6ren, da\u00df diese eingef\u00fchrt werden mu\u00dften, damit die Universit\u00e4ten die Studenten ausbilden konnten.<br \/>\n&#8220;Sie haben klare Augen, wie ein junges M\u00e4derl!&#8221;, schw\u00e4rmte der Herr Hans, der es selbst sehr schwer auf seinem Arbeitsplatz hatte und sich dort nicht durchsetzen konnte, wenn er ihr die Tasche mit ihren Eink\u00e4ufen in die Wohnung trug.<br \/>\n&#8220;Sie m\u00fcssen aufpassen und d\u00fcrfen keine Fremden in ihre Wohnung lassen!&#8221;, mahnte dagegen die Krankenschwester, aber die war selber fremd und sie sch\u00fcttelte den Kopf und w\u00fcrde in ihre K\u00fcche humpeln, um die Karotten und die Erd\u00e4pfel aus der Tasche zu nehmen und sich zu Mittag eine Gem\u00fcsesuppe zu bereiten. Denn das ging schnell, a\u00df sie gern und Gem\u00fcse war auch sehr gesund und vom Karotin der Karotten bekam man klare Augen und das Vitamin A sch\u00e4fte die Sehsch\u00e4fre, das hatte sie noch in der B\u00fcrgerschule vor f\u00fcnfundziebzig Jahren gelernt und galt noch heute, wie ihr Rainer, wenn er anrief und ihr von der \u00dcberlastung, die die jungen \u00c4rzte in den Spit\u00e4lern und \u00fcberf\u00fcllten Spitalsambulanzen, erlebten, berichtete, erz\u00e4hlte.<br \/>\nNebelschwaden, Nebelschleier, Paula Nebel, Nebelchen, so hatte man schon vor siebzig, achtig Jahren ihren Namen verhunzt und sie hatte aufgeh\u00f6rt sich dar\u00fcber zu \u00e4rgern und heute, tat man das nicht mehr sehr oft, denn heute war sie viel allein.<br \/>\nDie Gro\u00dfmutter und die Mutter waren gestorben, Regina verschwunden und Rainer hatte keine Zeit f\u00fcr sie. So blieb sie allein in ihrer Wohnung und freute sich \u00fcber den Besuch des Herrn Hans und lie\u00df ihn auch ein bi\u00dfchen \u00fcber ihren Namen scherzen. Denn er meinte es, das wu\u00dfte sie, gut.<br \/>\nPaula Nebel, Nebelschwaden, der Nebel ist herangezogen und hat die Welt umw\u00f6lkt, so da\u00df der scharfe Blick oft fehlte oder es schwer hatte, durchzudringen. Hatte die Krise doch schon wieder die Gem\u00fcter verwirrt, was zu \u00c4ngsten und  Depressionen f\u00fchrte oder auch zu Burn Out Gef\u00fchlen, wie das heute so hie\u00df, dachte die alte Frau, hatte das Radio eingeschaltet und griff  zu dem Messer, um die Karotten und Karotten in mundgerechte kleine St\u00fccke zu zerteilten, das Wasser f\u00fcr die Suppe hatte sie schon aufgesetzt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen war es nebelig oder war das nur, weil sie schon schlecht sah? 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