{"id":12274,"date":"2012-02-22T21:32:58","date_gmt":"2012-02-22T20:32:58","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=12274"},"modified":"2012-02-22T21:32:58","modified_gmt":"2012-02-22T20:32:58","slug":"ausharren-im-paradies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=12274","title":{"rendered":"Ausharren im Paradies"},"content":{"rendered":"<p>Nach <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/13\/der-hals-der-giraffe\/\">&#8220;Der Hals der Giraffe&#8221;<\/a> und  <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/10\/in-zeiten-des-abnehmenden-lichts\/\">&#8220;In Zeiten des abnehmenden Lichtes&#8221;<\/a> noch ein DDR-Roman und zwar Renate Feyls &#8220;Ausharren im Paradies&#8221;, 1992 bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, der, wie auf dem Buchr\u00fccken steht, 1987 begonnen wurde. Nicht so ber\u00fchmt, wie die Buchpreisb\u00fccher und verglichchen mit dem Ruge und wahrscheinlich auch dem Tellkamp, schildert er das Leben einer Familie in vierzig Jahre DDR weniger schillernd, ironisch und witzig, aber daf\u00fcr wahrscheinlich authentischer und weil mich das Thema Autobiografie, ja sehr interessiert,  finde ich auch Parallelen zu der Autorin. Wurde Renate Feyl ja 1944 in Prag geboren, studierte Philosophie, lebt in Berlin und schreibt Romane und Essays. Ich habe in Harland ein Regal, wo ich die alten DDR-Panoramen sammle, die es fr\u00fcher am Volkstimmefest gegeben hat und dort habe ich auch eine Mappe mit einem uralten Zeitungsauschnitt aus der &#8220;Frau&#8221; mit einem Interview einer sehr jungen Renate Feyl, die damals wohl das erste Mal in den Westen kam, der Artikel ist aus den Siebzigerjahren und der &#8220;Frau&#8221; etwas \u00fcber den Sozialismus erz\u00e4hlt und noch eine Erinnerung habe ich an Renate Feyl, habe ich sie einmal in Leipzig im Berliner Zimmer ihren &#8220;Radioroman&#8221; vorstellen geh\u00f6rt und sie da auch angesprochen und ihr erz\u00e4hlt, da\u00df \u00d61 besser, als die Sender ist, die sie in ihrem Buch beschreibt.<br \/>\n&#8220;Ausharren im Paradis&#8221;, vierhundertf\u00fcnzig Seiten dick, gabs im Sommer in der Buchlandung um einen Euro und weil ich den Namen kannte, habe ichs  gekauft und dachte eigentlich, es ist ein richtiger DDR-Roman. Er beginnt aber erst nach der Wende und da hat die Heldin Katharina ihre Stelle an dem Institut, wo sie Dozentin war, verloren und erlebt den Fall der Mauer und die neue Freiheit arbeitslos und hantelt sich so antriebslos durch die neuen Zeiten, \u00e4rgert sich \u00fcber ihren Mann Hellberg, der so dynamisch seine Praxis als Zahnarzt aufzubauen sucht und bem\u00fcht sich ja nicht mehr als n\u00f6tig im Haushalt zu machen, um nicht als Hausfrau degradiert zu werden.<br \/>\nSo beginnt sie \u00fcber ihr Leben und vierzig Jahre DDR nachzusinnieren und geht in die Zeit zur\u00fcck, wo sie mit ihren Eltern,  ihrer Schwester Edda und den Gro\u00dfeltern aus der Tscheloslowakei ausgesiedelt, in ein Th\u00fcringsches Universit\u00e4tsst\u00e4dtchen \u00fcbersiedelte. Sie kamen aus Prag, wo der Vater, Dr. Kogler, ein fr\u00fcherer Nazi, seine B\u00fccher zur\u00fccklassen mu\u00dfte, jetzt tritt er eine Stelle an der Universit\u00e4t als Slawist an und sagt zu seiner Frau Anna, die aus Stuttgart stammt und eigentlich dorthin will &#8220;Im Osten geht die Sonne auf&#8221;,  deshalb sind sie da und harren aus im Paradies. Vierzig Jahre lange, obwohl sich bald abzeichnet, da\u00df es dort doch nicht so rosig ist. Dr. Kogler ist aber auch ein aufrechter Stalinist, bem\u00fcht sich um das Gute und glaubt an den Aufstieg des Sozialismus und als ihm sein Schwiegervater aus dem Westen besucht und ihm von dort Schuhe mit Kreppsohlen bringt, ist er stolz darauf, dann darf er die nicht tragen oder erst viel sp\u00e4ter, als niemand mehr wei\u00df, da\u00df sie aus dem Westen sind. Dennoch lebt die Familie sehr b\u00fcrgerlich in Untermiete bei einer Frau Prof. Reimar und Franz Kogler hat auch ziemliche patriachale Ansichten, l\u00e4\u00dft sich von Frau und Mutter bedienen und in sein Arbeitszimmer, wo er seine Aufs\u00e4tze und Artikel schreibt, darf man auch nicht kommen.<br \/>\nDie Erz\u00e4hlerin Katharina hat mit ihrer Schwester Edda, die sie mit M\u00e4usen schreckt und sie erziehen will, so manche Schwierigkeiten, dennoch verstehen sich die Schwestern gut und werden, als die Familie  nach Berlin zieht auch studieren, Philosophie Katharina, Kunst Edda und sie qu\u00e4len sich mit dem sozialistischen Alltag ab, wird Katharina doch fast verhaftet, als ein Freund aus Th\u00fcringen, der nach Berlin auf Besuch kommt, die Mauer sehen will und als 1968, die Russen in Prag einmarschieren, soll der Vater dagegen unterschreiben, er weigert sich, verliert daher seine Professur, wird aus der Partei geschmissen und bekommt fortan sein Gehalt nur noch so bezahlt. Eddy hat zuerst einen Freund, der sie heimlich aus Westberlin besucht, sp\u00e4ter fl\u00fcchtet sie und ruft die Familie vom Flughafen Tegel an und so m\u00fc\u00dfen Mutter und Schwester am n\u00e4chsten Tag zur Polizei marschieren und die Republikflucht melden.<br \/>\nKatharina hat auch einen Freund, der ein h\u00e4herer Parteibonze ist, nur leider ist er verheiratet und will sich von seiner Frau nicht trennen und am Institut, in dem Katharina besch\u00e4ftigt ist, machen die anderen Karriere und d\u00fcrfen ins Ausland fahren, weil sie sich weigert in die Partei einzutreten. So larviert man sich herum zwischen Anpassung und Widerstand und versucht sein Leben so gut wie m\u00f6glich zu leben.<br \/>\nAls Annas Eltern sterben, darf sie nicht zur Beerdigung und von dem Fernseher, den sie erbt, mu\u00df sie den Westempfang hinausdrehen lassen und ist dar\u00fcber so emp\u00f6rt, da\u00df sie das K\u00e4stchen auf den Boden schmei\u00dft,damit es nicht die Parteibonzen bekommen. Katharina heiratet schlie\u00dflich einen Zahnarzt, Eddy macht in New York Karriere und drei Tage nach dem \u00d6ffnen der Mauer ruft sie wieder vom Flughafen Tegel an, kommt auf Besuch und Katharina passt sich langsam an die Wende an, bekommt einen Lehrauftrag in Hannover, so da\u00df sie zwei Tage in der Woche dorthin pendelt und am Schlu\u00df des Buches sitzen sie beim Geburtstag des alten Vaters, der \u00fcber die Wende sehr gl\u00fccklich ist, nur keine Amerikaner mag und wieder f\u00e4llt  der Satz, da\u00df nur im Osten die Sonne aufgeht.<br \/>\n&#8220;Das hast du schon einmal gesagt, vor f\u00fcnfundvierzig Jahren, als Gretl den Zug nach Bayern nehmen wollte!&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach &#8220;Der Hals der Giraffe&#8221; und &#8220;In Zeiten des abnehmenden Lichtes&#8221; noch ein DDR-Roman und zwar Renate Feyls &#8220;Ausharren im Paradies&#8221;, 1992 bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, der, wie auf dem Buchr\u00fccken steht, 1987 begonnen wurde. 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