{"id":11927,"date":"2012-02-06T00:59:08","date_gmt":"2012-02-05T23:59:08","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=11927"},"modified":"2012-02-06T00:59:08","modified_gmt":"2012-02-05T23:59:08","slug":"die-besucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=11927","title":{"rendered":"Die Besucher"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Ein Alptraum im Schleudergang &#8211; Kurt Palm zeigt uns, was Mystery alles kann. Ein Roman \u00fcber V\u00f6gel, die vom Himmel fallen, verregnete Landschaften und geheimnisvolle Fremde: Niemand wei\u00df, woher sie kommen, niemand wei\u00df, was sie wollen&#8230; Ein Meister der Groteske &#8211; Hamburger Morgenpost&#8221;, steht auf der Buchr\u00fcckseite, auf der Vorderseite sitzt eine Frau, das Gesicht verdeckt mit ihren langen Haare im wei\u00dfen Nachthemd und mit nackten F\u00fc\u00dfen auf einer Waschmaschine im Keller&#8221; und Kurt Palm hat in einem Radiointerview \u00fcber seinen neuen Roman &#8220;Die Besucher&#8221; von David Lynch Filmen, die   ihn und den Roman pr\u00e4gten, erz\u00e4hlt, so da\u00df ich eine Vorstellung hatte, welche Art von Roman mich nun erwartet. So etwas, wie Michael Hanekes Filme, habe ich gedacht und dann beginnt alles ganz real.<br \/>\nEin Mann, der vierzigj\u00e4hrige Journalist, Martin Koller liegt nach einem H\u00f6rsturz im Krankenhaus und kennt die Welt nicht mehr, auf einem Ohr h\u00f6rt er nichts, im anderen hat er irre T\u00f6ne, so da\u00df er nicht schlafen kann und ihm die indische Schwester mit einem Heil\u00f6l einreibt, das dem Gatten einer anderen Schwester sehr geholfen hat, w\u00e4hrend die polnische Schwester Grazyna f\u00fcr ihn betet und ihm Amulette in die Hand dr\u00fcckt. Er liegt in einem Klassebett, obwohl er kein Klassepatient ist und wird, weil ein solcher erwartet wird, am Morgen entlassen, dabei hatte er in der Nacht arge Panikattacken und die ihm unsympathische Neurologin verschrieb ihm Trittico, Rivotril und Zoldem.<br \/>\nDabei hat Martin gar keine Ahnung, wie es dazu kam, denn in seinem Leben ist ja alles in Ordnung und Sorgen haben andere Leute auch, die Spitals\u00e4rzte zum Beispiel, die sehr lang hintereinander Dienst tun. Er hat von irgendwo ein Buch bekommen, wo drinnen steht, da\u00df er sein Leben ordnen soll, also schreibt er &#8220;Vers\u00f6hnung mit dem Bruder, Mama besuchen und mit ihr reden, neues Auto kaufen, Fensterdichtungen auswechseln&#8221; darauf.<br \/>\nIn der Zeit, in der er im Spital lag, bekam er viele Anrufe von seiner Redaktion, die er nicht entgegennahm, er wollte auch nicht besucht werden, ein Kollege deutet aber an, da\u00df der Chef ihn entlassen und einen Volont\u00e4r an seine Stelle setzen will, es gab da einen Brandanschlag auf ein Asylanenheim und Martin kennt einen Neonazif\u00fchrer, das hei\u00dft, er ist mit ihm zur Schule gegangen, der meldet sich auch bei Martin, als er schon entlassen ist, ebenso meldet sich seine Schwester und will f\u00fcr eine Woche auf Kur, er soll sich inzwischen, um die kranke Mutter k\u00fcmmern und eine Frau, die von ihm ein Kind will, w\u00e4hrend sonst nichts mehr in der Ehe stimmt, hat er auch.<br \/>\nMartin f\u00fchlt sich also schlecht und als Sandler, hat er sich wegen der Ger\u00e4usche, die ihn irritieren, ja schon lange nicht mehr rasiert und geduscht, f\u00fcrchtet sich, seinen Chef anzurufen, f\u00e4hrt in diesem Zustand aber aufs Land, um seine Mutter zu betreuen.<br \/>\nEinen Vater, der an einer Asbestvergiftung starb, die von der Firma, in der er arbeitete, vertuscht wurde, weshalb sich Martin als Feigling f\u00fchlt, gibt es auch und eine Freundin, mit der er seine Frau Paula, manchmal betr\u00fcgt.<br \/>\nSo f\u00e4hrt er durch das tr\u00fcbe Regenwetter, auf die Scheibe fallen tote V\u00f6gel und die Mutter hat von dem alten Arzt viel zu viele Tabletten verschrieben bekommen. Die Telefonnummer von einer jungen \u00c4rztin bekommt Martin von seiner Schwester auch noch in die Hand gedr\u00fcckt, die ruft er an und besucht sie, um mit ihr \u00fcber die Tabletten zu reden. Dabei sieht er schleichende Gestalten und  alte Frauen aus unbewohnten H\u00e4usern schauen, wie es in Gespensterfilmen schon mal vorkommt. Die \u00c4rtzin, deren Kind durch einen Unfall gestorben ist, l\u00e4dt ihn f\u00fcr n\u00e4chsten Abend zum Nachtmahl ein, er besorgt sich von einem ungarischen Urologen Potenztabletten, f\u00fchlt er sich durch seine Krankheit ja impotent, der verkauft ihm ein \u00c4rztemuster f\u00fcr teures Geld und die \u00c4rztin erz\u00e4hlt ihm von einer seltsamen Leiche, die verschwunden ist.<br \/>\nIn der Vornacht hat er auch noch eine Schachtel mit einem Babyanzug und einem Foto von einem toten Baby am Dachboden gefunden, das vielleicht seit Bruder war und die \u00c4rztin ruft mitten in der Nacht an, hat Angst und holt ihn in ihr Bett. Das klappt dann aber nicht und als er nach Hause kommt, sind die Besucher \u00fcberall im Haus. Sie haben schwarze Kleider, eine graue Decke und keine Schuhe und Str\u00fcmpfe, genau, wie die ausger\u00e4umte Frau, die aus dem Krankenhaus verschwunden ist. Die liegt dann am Dachboden, Martin v\u00f6gelt in sie ein und am Morgen stirbt die Mutter. Die Besucher sind verschwunden und niemand glaubt Martin, was er erz\u00e4hlt. Die Fotos, die er seiner Frau und der \u00c4rztin schickte, kommen nicht an und auch die, die das Krankenhaus von der seltsamen Leiche machte, sind verschwunden. Die \u00c4rtzin l\u00e4\u00dft Martin  im Stich und der Bruder ist auch noch ganz real erschienen und hat der Mutter das Sparbuch, das f\u00fcr ihre Beerdigung bestimmt war, abgeluchst und der Kollege ruft an und erz\u00e4hlt Martin, da\u00df sich der Volont\u00e4r mit dem Neonazi getroffen hat, den Martin eigentlich treffen wollte.<br \/>\nMartin ist am Ende, hat wieder einen Alptraum, wo im Meer die abgeschnittenen Hundek\u00f6pfe treiben und im letzten Kapitel findet ein J\u00e4ger, die grauen Decken in dem Wald, in dem die Besucher nach dem Tod der Mutter verschwunden sind.<br \/>\nDas Buch ist aus und ich blieb mit einem beklemmenden Gef\u00fchl zur\u00fcck, denn es ist, abgesehen davon, da\u00df mir der gute Martin, in seiner m\u00e4nnlichen Machoart ziemlich unsympathisch war, sehr eindrucksvoll geschrieben und frage mich, was habe ich jetzt gelesen?<br \/>\nEinen Gespensterroman zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Einen Alptraum? Die Beschreibung einer Panikattacke? Einer Psychose? Oder die \u00dcbertragung der Wahrnehmungen, die ein alter Mensch in seinen letzten Stunden erleben kann?<br \/>\nKurt Palm hat in einem anderen Interview erz\u00e4hlt, da\u00df er bei seiner sterbenden Mutter war, die von allen ihren Verwandten besucht wurde, w\u00e4hrend nat\u00fcrlich niemand anwesend war und die Besucher alle schon tot.<br \/>\nDas ist realistisch und kann ich mir vorstellen. Von meinen Supervisionsgespr\u00e4chen wei\u00df ich auch, da\u00df die Pflegehelferinnen darauf schw\u00f6ren, da\u00df ein Fenster aufgeht und sie wissen, da ist die Frau in Zimmer drei, Bett sieben gestorben.<br \/>\nDas ist zwar nicht beweisbar, aber es gibt ja mehr zwischen Leben und Tod, Himmel und Erde und das alles ist in dem Buch vermengt und in einer sehr beklemmenden Art beschrieben.<br \/>\nDie Realistin in mir schw\u00f6rt darauf, kein Mystery, sondern eine sehr packende realistische Darstellung des grauslichen Lebens, um uns gelesen zu haben, Liebe, Einsamkeit, Tot und Sterben, Gewalt, Rassismus und dann noch ein paar unsympathische Zeitgenossen, die es bev\u00f6lkern.<br \/>\nF\u00fcr den Gespensterroman bin ich zu realistisch und w\u00fcrde meinen, da ist mit Kurt Palm, die Lust am Fabulieren durchgegangen und mit manchen \u00fcbertreibt er auch. So stellt er wahrscheinlich zuviele Fragen f\u00fcr die er zuwenige Antworten hat.<br \/>\nIch kann nicht sagen, ob mir das Buch gefallen hat? Es hat mich gepackt, weil es sehr spannend und beklemmend geschrieben ist. L\u00f6sungen hat es nicht, weil das Leben eben schei\u00dfe ist und der gute Martin m\u00fc\u00dfte wahrscheinlich dringend sein Leben ordnen, am Schlu\u00df ist er ja arbeitslos und fertig und nur mit Trittico, Rivotril und Zoldem, wird ihm das h\u00f6chstwahrscheinlich nicht gelingen. Alkoholiker, das habe ich jetzt vergessen, war er auch noch und Kurt Palm hat, was man, wie ich in den Schreibratgebern immer lese, bei dem Buch das gemacht, was man nicht darf, er hat die Grenzen s\u00e4mtlicher Genres durchbrochen, aus zwei B\u00fcchern eines gemacht und ich k\u00f6nnte mir, soweit ich ihn kenne, vorstellen, da\u00df ihn das gro\u00dfen Spa\u00df machte und er es sehr geno\u00df, die Kritker und die Leser zu verwirren.<br \/>\nJetzt bin ich gespannt, wie die anderen Rezensenten das Buch besprechen, ich habe es, wie schon erw\u00e4hnt, packend und interessant gefunden, ob es logisch und nachvollziehbar ist, wei\u00df ich aber nicht.<br \/>\nZu Kurt Palm ist noch zu sagen, da\u00df er 1955  in V\u00f6cklabruck geboren wurde, ich von ihm durch seine Hermes Phettberg Show und seine B\u00fccher \u00fcber James Joyce, Adalbert Stifter und Mozart das erste Mal h\u00f6rte und ich ihn pers\u00f6nlich durch den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/29\/ohrenschmaus-2011\/\">Ohrenschmaus<\/a>, in dessen Jury, er bis jetzt ja war, ein bi\u00dfchen kenne.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Ein Alptraum im Schleudergang &#8211; Kurt Palm zeigt uns, was Mystery alles kann. 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