{"id":10725,"date":"2011-12-18T15:17:29","date_gmt":"2011-12-18T14:17:29","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=10725"},"modified":"2011-12-18T15:17:29","modified_gmt":"2011-12-18T14:17:29","slug":"die-archaologin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=10725","title":{"rendered":"Die Arch\u00e4ologin"},"content":{"rendered":"<p>Hurra, hurra, das letzte Buch auf meiner <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/16\/hundert-bucher\/\">Hundertb\u00fccherliste<\/a>, obwohl es dort auf sechsundachtigster Stelle steht, aber darunter stehen dann die Harland-B\u00fccher, ein paar Rezensionsexemplare, die ich vorgezogen habe, das was ich f\u00fcr &#8220;Die Frau auf der Bank&#8221; gelesen habe und noch ein paar Urlaubsb\u00fccher. So habe ich mich ein bi\u00dfchen hinaufgelesen, bzw. ab dem Sommer hinunter, denn da habe ich ja, ab dem Henning Mankell, die B\u00fccher stehengelassen und bin in die Sommerfrische gegangen.<br \/>\nThomas Wollingers &#8220;Die Arch\u00e4ologin&#8221; ist aber ein wichtiges Buch, den es hat eine ganz besondere Lesegeschichte. <a href=\"http:\/\/www.wollinger.info\/?p=11900\">Leselustfrust hat es am  27. Juli 2009<\/a> besprochen, zu dieser Zeit habe ich ihren Blog \u00fcber Anni B\u00fcrkls <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/07\/28\/schwarztee\/\">&#8220;Schwarztee&#8221;<\/a> gefunden und mich hineingelesen, auf den Namen Wollinger bin ich aber, glaube ich, erst sp\u00e4ter aufmerksam geworden. Anni B\u00fcrkl hat ihn einmal zitiert und auf seinen Blog hingewiesen und dann war ich einmal in der Alten Schmiede, wo es etwas \u00fcber die Schreibwerkstatt Langschlag zu h\u00f6ren und ab da bin auf seinen Blog &#8220;Schreiben&#8221; gesto\u00dfen, den ich inzwischen regelm\u00e4\u00dfig lese.<br \/>\nDa bin ich, glaube ich, dazugekommen, wie er etwas \u00fcber die Arbeit an seinen zweiten Roman und etwas von einer herzkranken Angelika schrieb und fragte, ob die eine posttraumatische Belastungsst\u00f6rung haben soll?<br \/>\nInzwischen schreibt er immer noch daran in vielen Fassungen und soweit ich es verstanden habe, geht es darin, auch um verschiedene Zeiten und verschiedene Ebenen und so ist das auch bei der &#8220;Arch\u00e4ologin&#8221;.<br \/>\nIrgendwie war ich mir da ja nicht sicher, ob das ein Krimi ist. Es ist keiner, wenn man Thomas Wollingers Portrait auch auf einer Krimischreiberseite finden kann und ich habe das Buch, glaube ich, im M\u00e4rz oder April im offenen B\u00fccherschrank am Brunnenmarkt gefunden, brav gewartet, bis es zum Lesen an die Reihe kam und mich darauf gefreut.<br \/>\nJetzt habe ich es in zwei Tagen gelesen und kann Thomas Wollinger, der mir einmal mailte, da\u00df er meinen Schreibstil sehr ungew\u00f6hnlich findet, das auch als Lob und Kompliment zur\u00fcckgeben. Denn, ich glaube, das ist seiner auch. Schon einmal seine Art sich solange und beharrlich mit einem Text auseinanderzusetzten ist das. Jetzt wei\u00df ich zwar nicht, wie lange er an &#8220;Der Arch\u00e4ologin&#8221; geschrieben hat, die 2004 bei btb erschienen ist, ich nehme aber einmal an, auch sehr lang und sehr gr\u00fcndlich. Dann ist es auch die Form, denn es ist wahrscheinlich eine Genre\u00fcberschreitung oder auch ein Thomas Wollinger Genre und noch etwas finde ich sehr interessant, n\u00e4mlich, da\u00df ein Buch, das am Buchr\u00fccken mit &#8220;H\u00f6chstspannung von einem deutschsprachingen Autor&#8221; beworben wird, <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/03\/05\/an-den-schreibplatzen\/\">Julian Schutting<\/a> gewidmet ist, &#8220;der mir das Schreiben beigebracht hat&#8221;.<br \/>\nAlso kann man von einem der gr\u00f6\u00dften Sprachartisten, den die \u00f6sterreichische Gegenwartsliteratur aufzubieten hat, das Schreiben eines Thrillers lernen. Aber es ist ja keiner, wenn es auch mit einem Leichenfund beginnt und in einem Zeitraum von rund tausend Jahren spielt, viel Psychologie und Zeitgeschichte aufzubieten hat, ein bi\u00dfchen ins \u00dcbersinnliche abgleitet, das sich  aber zumindest f\u00fcr mich, durchaus real deuten l\u00e4\u00dft und nat\u00fcrlich auch nicht am zweiten Weltkrieg, an den Nazigr\u00e4uel und an den Fl\u00fcchtlingen, die vom Osten &#8220;Der Feind kommt immer von dort!&#8221;, schreibt Thomas Wollinger oder einer seiner Negativhelden, \u00fcber die Grenze dringen und dann mit einem Spaten erschlagen und eingegraben werden, vorbei geht. Das Buch spielt in Kirchwald an der March, dicht an der tschoslowakischen Grenze, ja, denn es beginnt 1981 und endet sechs Jahre sp\u00e4ter und dorthin f\u00e4hrt am Beginn die Arch\u00e4ologin Erika, weil es dort, m\u00f6glicherweise (authentische) Grabungen gibt und sie sich damit habilitieren will. Erika stammt auch von dort, hat hier ihre Kindheit verbracht und sich mit ihren &#8220;Vater&#8221; zerstritten, der wollte, da\u00df das M\u00e4del einmal den Hof \u00fcbernimmt, w\u00e4hrend sie nach Wien und dort studieren wollte. Das hat Erika auch geschafft. Jetzt ist sie Frau Doktor und will mit ihren Ausgrabungen auch Frau Professor werden. Die Umst\u00e4nde, die sie hat, sind aber nicht sehr gut. Denn nur ein paar zweitsemestrige Studenten, die noch nicht viel Ahnung vom Graben haben und Kaiser Franz oder Professor Grohmann, der Institutsvorstand macht es ihr auch nicht gerade leicht, so da\u00df es immer zu Druck und Spannungen kommt, die Erika veranlassen, sich mit dem Messer in den Schenkel zu schlitzen und essen, ja essen, tut sie auch nur einmal am Tag, weil ihr das Alexander Sehmann, doch ein eifriger Student so r\u00e4t. Aber Erika ist beharrlich und hat in ihrer Sozialisation gelernt mit Ausdauer zum Erfolg zu kommen. So ist sie den Hendln im elterlichen Hof, die sie einfangen sollte, so lange geduldig nachgegangen, bis die ihre Kranft verloren haben und sich von selber in den Stall zur\u00fccktrugen lie\u00dfen. Und so kommt es auch zu einem abenteuerlichen Leichenfund, eine ganze pr\u00e4historische Familie wird ausgebraben und mit Hilfe eines etwas anr\u00fcchigen Geschichtsprofessors, kann das Kaiser Franz, wie er es vielleicht wollte, nicht vertuschen, so kommt die Wissenschaftsminierin Hertha Firnberg zu Besuch und die sechs Leichen in Naturhistorische Museum.<br \/>\nDanach geht ein bi\u00dfchen weiter in die Geschichte zur\u00fcck, n\u00e4mlich ins Jahr 1945, kurz vor dem Ende der Trag\u00f6die, was aber noch nicht alle begriffen haben, so ist der junge Franz Grohmann, ein Mustersch\u00fcler der nationalsozialistischen Erziehungsanstalt NAPOLA von dort ausger\u00fcckt, um  in Kirchwald seinen \u00e4lteren Bruder, einen SS-Mann zu suchen, der auch beim Aufstand im Warschauer Ghetto t\u00e4tig war. Den trifft er abr nicht, nur einen sterbenden Kameraden und eine alte Frau, die erz\u00e4hlt, da\u00df sie alle ihre S\u00f6hne im Krieg verloren hat und die Weinbauern, weigern sich auch, den jungen Soldaten in ihren Keller zu verstecken.<br \/>\n1982 wird weiter gegraben, Kaiser Franz macht das Erika aber schwer und auch die Bev\u00f6lkerung will ein neues Totenhaus und einem Parkplatz vor der Kirche bauen, genau dort, wo einmal das F\u00fcrstenhaus lag und sich die Trag\u00f6die der sechs Toten abspielte, denn Erika, h\u00f6chst sensibel, hat inzwischen so ihre Vorstellungen, was damals wohl passierte und sie indentifiziert sich auch mit der etwa f\u00fcnfundvierzigj\u00e4hrigen Frauenleiche und ihrem sechzehn Jahre j\u00fcngeren Gatten, von dem sie vier Kinder hatte. Erika ist f\u00fcnfunddrei\u00dfig und Alexander ebenfalls viel j\u00fcnger und ein Kind will sie eigentlich auch. Trifft sie doch ihre ehemalige Schulfreundin Maria wieder, die inzwischen drei Kinder hat und st\u00e4ndig Apfelstrudel macht und auch ihren Vater, der seine alte, ebenfalls dauerbackende Haush\u00e4lterin, heiratet, w\u00e4hrend Erikas Mutter schon viel fr\u00fcher gestorben ist und wahrscheinlich im Jahr 1945 sowohl von einem Russen vergewaltigt wurde, als auch Kaiser Franz im Weinkeller versteckte, jedenfalls taucht eine alte Frau bei dem Professor auf und erz\u00e4hlt ihm, das sie einmal sein Kind abtreiben sollte. So verschwindet Kaiser Franz und l\u00e4\u00dft Erika weitergraben und die taucht immer weiter in die Vergangenheit ein, so da\u00df wir zu Szenen aus 1004 vor Christi kommen, wo die Geschichte der F\u00fcrstenfamilie, die ihren Wall nicht verteidigen konnte, erz\u00e4hlt wird und Erika sich manchmal in der Identit\u00e4t, der Arlaka genannten F\u00fcrstin verliert. Deren j\u00fcngerer Ehemann hei\u00dft Keichlos und so wird auch der Sohn genannt, den Erika schlie\u00dflich von Alexander kommt und mit dem sie im letzten Kapitel, 1987, zur Familienfeier ins Weinviertel f\u00e4hrt. Und dazwischen passiert noch viel viel mehr, womit man wahrscheinlich einige Romane f\u00fcllen k\u00f6nnte. Die Studierbedingungen der Siebzigerjahre werden erz\u00e4hlt, der sexuelle Mibrauch des Herrn Pfarrers, der Erika immer &#8220;Sein liebes Kind&#8221; nannte, wird angedeutet, die ewiggestrigen Naziprofessoren, die ihre Burschenschaften hatten und 1980 genau darauf schauten, da\u00df eine Frau so leicht nicht Karriere machte, aber auch die Slowaken, die nach 1945 ihren Grund verloren hatten und mit der Schaufel erschlagen wurden, wenn sie es doch einmal \u00fcber die Grenze schafften u.u.u.<br \/>\nAm Kirchwalderboden lagern eine Menge Leichen und Thomas Wollinger hat seine Arch\u00e4ogogin ein paar ausgraben lassen. Damit einen spannenden Roman geschaffen, der eigentlich ganz langsam und bed\u00e4chtig beginnt und in seinem wunderbaren Blog auch ein paar Videos von der Gegend hineingestellt, in dem der Roman spielt und wo er auch <a href=\"http:\/\/www.wollinger.info\/?p=10120\">geschrieben<\/a> wurde. Ich, die ich ja sehr eifrig, auf Thomas Wollingers Blog kommentiere und hoffe, ihn damit nicht zu nerven, habe ja schon oft geschrieben, da\u00df ich mir mehr Thomas Wollinger Romane w\u00fcnsche und auch rate, vielleicht nicht ganz so gr\u00fcndlich zu \u00fcberarbeiten, daf\u00fcr aber jedes zweite oder dritte Jahr ein Buch erscheinen zu lassen. Aber ich wei\u00df schon, ich bin viel zu schnell und das ist auch nicht gut.<br \/>\nAlso nehme ich mir f\u00fcr <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/12\/17\/work-in-progess\/\">meinen Roman<\/a> mit, da\u00df ich die verschiedenen Zeitebenen auch mit Kapitel, die Jahreszahlen als \u00dcberschriften tragen, beginnen lassen k\u00f6nnte und, da\u00df ich meine Theresa eigentlich auch in keine surrealistischen Erlebnisse abgleiten lassen will, aber die sind auch bei Thomas Wollinger nur angedeutet, denn wenn man nichts i\u00dft, sehr viel arbeitet und sich sehr mit einer Sache besch\u00e4ftigt, kann es schon sein, weil ja der Wunsch der Vater des Gedankens ist, da\u00df man pl\u00f6tzlich auch im zwanzigsten Jahrhundert Gestalten mit Speeren und Fellen vor sich sieht und die alte Schamanin, die in der alten Frau Schmid noch immer leben k\u00f6nnte und am Ende &#8220;Wei\u00dft du, Erika, das ist schon sehr, sehr lange her!&#8221;, sagt, k\u00f6nnte ja ein Zufall sein, auch wenn die Rezensenten begierig darauf aufspringen.<br \/>\nUnd ganz so schnell, wie man glaubt, bin ich auch nicht, denn h\u00e4tte ich das Buch schon gestern ausgelesen und besprochen, h\u00e4tte ich Thomas Wollinger, der am  17. Dezember 1968 in Wien geboren wurde, zum Geburtstag gratulieren k\u00f6nnen, so hole ich das einen Tag sp\u00e4ter nach.<br \/>\nThomas Wollinger hat au\u00dfer seinem wunderbaren Blog, in dem er t\u00e4glich einen Schreibtip gibt, ein Video hineinstellt oder etwas \u00fcber seine Schreibarbeit erz\u00e4hlt, auch eine Schreibwerkstatt und diese machte im Fr\u00fchjahr eine <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/24\/texthobelspane\/\">Lesung im Cafe Anno<\/a>, wo ich auch den Autor kennenlernte, seine eigene Lesung im Rahmen der Schreibgruppe GRAUKO, die er gegr\u00fcndet hat, vor einigen Wochen, habe ich leider vers\u00e4umt. Meine Kritikerin JuSophie habe ich, glaube ich, auch \u00fcber seinen Blog kennengelernt und Margit Heumann bei der Texthobel-Lesung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hurra, hurra, das letzte Buch auf meiner Hundertb\u00fccherliste, obwohl es dort auf sechsundachtigster Stelle steht, aber darunter stehen dann die Harland-B\u00fccher, ein paar Rezensionsexemplare, die ich vorgezogen habe, das was ich f\u00fcr &#8220;Die Frau auf der Bank&#8221; gelesen habe und &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=10725\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-10725","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10725","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10725"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10725\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}